Junge Federn: Splitter des Kreuzes

Alexander Ertl, freier Autor "Junge Federn"
| Alexander Ertl, 26, freier Autor "Junge Federn" und studiert Theologie in München

In der Fernsehsendung „Bares für Rares“ wird allerhand Kurioses und Seltenes begutachtet, auf seinen Verkaufswert geschätzt und höchstbietend an Händlerhände übergeben. Die Mischung macht den Reiz dieses Formats aus, das normalerweise im Nachmittagsprogramm läuft. Im ganzen Dachbodenramsch, der dort feilgeboten wird, findet sich aber mitunter so manche Rarität. Und immer wieder schafft es die Unterhaltungssendung auch in die beste Sendezeit am Abend. So wie kürzlich, wo es zu einer „Weltsensation“ kam, wie lauthals verkündet wurde. Der Moderator mit markantem Schnauzer und Indiana-Jones-Hut staunte nicht schlecht, was Mutter und Tochter ihm da herbeibrachten: Ein echtes Kreuzesreliquiar, wie die Expertise ergab. Mit dem Siegel von Papst Clemens IX. aus dem 17. Jahrhundert, eine echte Kostbarkeit! Wert? Bestimmt 60 000 Euro, wenn nicht gar 80 000!

Zu verdanken hätten die beiden ihr Juwel der Erbschaft einer Tante. Die habe jahrelang eine ältere Dame sonntags zur Kirche begleitet. Zum Dank habe sie dieses Kreuz geschenkt bekommen. Der gewitzte Moderator wies das umstehende Publikum umgehend darauf hin, dass es vielleicht nicht verkehrt sei, ältere Damen in die Kirche zu begleiten. Bei der folgenden Versteigerung boten die Händler bis zu einem Wert von 42 000 Euro, woraufhin die beiden Frauen das Reliquienkreuz gerne veräußerten. Das Geld werde für die künftige Hochzeit der Tochter verwendet.

Mancher Zuschauer hatte wohl bei der ganzen Aktion Bauchgrummeln. Aus Reliquien sollte man keinen finanziellen Profit schöpfen. Und ganz grundsätzlich: Wird die Erlössumme dieser Kreuzpartikel annähernd dem Wert gerecht, den Jesu Kreuz wirklich bedeuten muss? Was bedeutet uns Jesu Kreuz heute? Der Salzburger Dogmatiker Gottfried Bachl hat es einmal so gesagt: „Das Kreuz ist in unserer christlichen Kulturwelt, in unseren Räumen, doch weithin ein Möbel geworden. Zwar ein Möbel mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt, aber es ist ein Möbel, ein hübsches Ausstattungsstück für eine Wohnung.“ Jedoch: Der Kreuzespfahl verärgert die Sinne, die sich an einem wohlfeinen Anblick erfreuen wollen. Jesus von Nazaret an seinem Kreuz ist Name und Gesicht für die Elenden, Leidenden und Toten dieser Welt. Doch dabei ist er für sie alle auch die Zusicherung, dass sie am Abgrund ihrer menschlichen Verlorenheit nicht fallengelassen werden.

Von Alexande Ertl

Der Autor, 26, studiert Theologie in München

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