Jesu Name und das Schöpfungsgeheimnis

Sir 24, 1–2.8–12

Eph 1, 3–6.15–18

Joh 1, 1–18

Die drei Lesungen betrachten den Anfang vor allem Anfang. Sie entfalten eine Theologie der Morgenfrühe, die vor aller Schöpfung war. Zu Anfang des Kalenderjahres bewegt das uns Menschen, weil wir in diesen Tagen über Zeit nachdenken. Darüber, dass die Jahre dahingleiten, dahinfallen wie die Maschen von einer Stricknadel. Je resignativer dieses Bild ausfällt, um so mehr fasziniert der Anfang, als „die Welt noch in Ordnung war“, so wie an jedem Tag frühmorgens um fünf, wenn die Menschen in strengen Orden aufstehen, um zu beten. Diese drei Texte über den Morgen der Schöpfung sagen dabei höchst Erstaunliches. Nämlich zumindest dieses, dass es von Anfang an eine zweite himmlische Größe oder Person neben Gott Vater gibt. Und dass diese Größe in höchstem Maße etwas mit uns Christen zu tun hat.

Doch gehen wir der Reihenfolge nach: Wir gehen üblicherweise davon aus, dass das Alte Testament streng monotheistisch war, Christen des Neue Testaments aber an den Dreifaltigen Gott glauben. Und das Letzteres sehr schwierig und jedenfalls Juden und Moslems kaum zu vermitteln sei. Und eigentlich auch Christen, denn dass drei Personen der eine Gott sind/ist, das erscheint vielen als höhere Mathematik im strengen Sinne des Wortes.

Doch nicht erst das Sirachbuch, bereits die Proverbien (Sprüche Salomos, Kap. 8) sprechen von einer zweiten „Figur“ neben Gott, die nach beiden Büchern auch „ich“ sagt, also nicht nur eine Größe ist, sondern fast so etwas wie eine Person. Diese Figur ist die Weisheit. Sie wird als Töchterchen Gottes und als Schöpfungsmittlerin bezeichnet. Und genau hier, auf der Spur dieser Figur der alttestamentlichen Weisheit bewegt sich der Prolog (Vorwort) des Evangeliums nach Johannes. Denn von Jesus heißt es ebenso „durch ihn ist alles geworden“. Das heißt: Er ist wie der Architekt der Schöpfung, er hat den Bauplan in sich. Und daher wird er zwar nicht Weisheit genannt, wohl aber Logos (Vernunft). Denn er ist nicht Töchterchen Gottes, sondern der Sohn, und er ist Mensch dazu. Aber was das Menschsein des Schöpfungsmittlers betrifft, so hat auch davon das Alte Testament geträumt, denn nach dem 24. Kapitel von Jesus Sirach wohnt die Weisheit in Jerusalem, gerade so wie der Logos Gottes in Jesus Mensch geworden unter den Menschen sein Zelt aufschlug.

Hier und aus manchen Worten Jesu („Ehe Abraham geworden ist, bin ich“) erkennen die Jünger Jesu und die frühe Gemeinde: Diese zweite Figur neben Gott, dieser Schöpfungsmittler ist niemand anders als Jesus selbst. Die Jünger erkennen es an Jesu Worten und Taten (seine Wunder sind Schöpfungswunder). Was bedeutet das für die Christen? Wenn wir uns auf Jesus berufen, wenn wir seinen Namen nennen, rühren wir an das Geheimnis der Schöpfung selbst. Bei Jesus sind wir an der richtigen Adresse, wenn es um die Erlösung der gesamten Schöpfung geht.

Was das Verhältnis der Weisheitsbücher zum ersten Kapitel des Johannesevangeliums (und auch zu Paulus, vgl. 1 Kor 8, 6) angeht, so kann man sagen: Immer klarer löst sich im Laufe der Gotteserfahrungen Israels aus der Person Gottes die zweite Person, nämlich die des Architekten der Schöpfung heraus. Kein Zweifel: Jesus ist der Architekt Gottes, was er tut, ist Gottes Werk, er und der Heilige Geist sind wie die rechte und die linke Hand Gottes (Irenäus von Lyon). Aber in diesem Vorgang des Sich-Herauslösens wird erkennbar, dass er ein menschliches Antlitz trägt.

Aus allen drei Lesungen geht aber auch dieses hervor: Mit dieser zweiten Größe bei Gott sind wir selbst als Kirche in vollem Umfang mitgemeint. Denn nach dem Sirachbuch ist der Ort der Weisheit Gottes ja inmitten des Volkes, in Jerusalem. Dort hat sie „Wurzeln geschlagen“ wie ein Baum. Nach dem Johannesevangelium ist das Wort als Mensch erschienen und hat „unter uns“ gewohnt, und das Johannesevangelium schildert, wie sehr dieses Wohnen noch immer an Jerusalem gebunden ist. Die weitestgehende Aussage liegt im ersten Kapitel des Epheserbriefs vor: „Denn er hat uns zu seinem Eigentum gemacht gemeinsam mit Christus vor Anbeginn der Welt“ (V. 3). Nach 1, 5 wurden wir durch Jesus seine Kinder, und nach 1, 6 hat er uns seine Gnade geschenkt „durch seinen Sohn“. Das heißt: Jesus ist nicht irgendein Regent, der von Gott geschickt wurde. Er ist nicht austauschbar mit anderen Königen, sondern nirgendwo in der Antike ist das Verhältnis zwischen König oder Anführer so eng wie zwischen Jesus und den Glaubenden. Daher spricht der Epheserbrief auch vom stellvertretenden Tod und von Jesus als dem Haupt der Kirche, die sein Leib ist. Niemals vorher oder nachher war die Beziehung zwischen dem Retter und den Geretteten so eng wie hier.

Und daher ist nach dem 1. Kapitel des Epheserbriefs die ganz enge Bindung der Christen an Jesus Christus von allem Anfang her gegeben. Sie gibt es schon vor der Schöpfung und daher vor aller Zeit und ist stabil bis in Ewigkeit. Auch hier gibt es jüdische Vorahnungen, denn man pflegte immer wieder zu sagen: „Um Israels willen hat Gott die ganze Welt erschaffen.“ Aber noch fehlte die Garantie für diese Aussage und die Person, die dafür bürgte. Beides ist mit Jesus Christus gegeben: Vor aller Zeit schon gehören wir als die Erwählten und Geliebten ganz eng zu ihm. Dieses und nicht eine mehr oder weniger finstere Prädestination (Vorherbestimmung) ist im ersten Kapitel des Epheserbriefs gemeint.

Von Anfang an hat der himmlische Vater daher Jesus und die Gläubigen zusammen gedacht. Und vorbereitet wird diese Aussage dadurch, dass in Jesus Sirach Jerusalem der Wohnort der Weisheit Gottes mitten in Israel (Sir 24, 11) ist und dass nach dem ersten Kapitel des Johannesevangeliums Gottes Logos unter uns (Menschen) „gewohnt“ (eig.: gezeltet) hat.

Interessant ist, dass es in Jesus Sirach wie im Epheserbrief dabei wesentlich um das liturgische Element geht: Nach Sir 24, 10 tut die Weisheit im heiligen Zelt Dienst. Das heißt: Der Kult am Jerusalemer Tempel ist die Krönung der Aktivitäten der Weisheit. Denn im Kult spiegelt sich die kosmische Ordnung. Das ist auch heute noch verständlich, wenn man die Bedeutung des Kalenders im Kult bedenkt. Auch der jüdische Autor Flavius Josephus sieht den Tempel als Abbild des Kosmos.

Was dem Menschensohn widerfährt, gilt dem Volk Gottes

Nach dem Epheserbrief gilt die Aussage der Existenz vor und über aller Zeit daher nicht Jesus allein, sondern mit ihm auch den Christen. Das ist ähnlich wie bei der Bezeichnung Menschensohn in den ersten drei Evangelien. Auch diese Bezeichnung Jesu hat eine kollektive Bedeutung (vgl. nur Mk 10, 45). Das, was dem Menschensohn widerfährt, gilt nie nur für ihn allein, sondern immer auch vom Volk Gottes. In diesem Fall kann man auch zeigen, woher dieser theologische Ansatz kommt: Nach dem Buch Daniel steht der Menschensohn für das Volk der Heiligen des Höchsten, also für das Volk Gottes. Für Christen zu Anfang des Jahres bedeuten diese Aussagen:

1. Die Verbundenheit der Christen mit Christus ist älter als die Schöpfung. Schon vor Erschaffung der Welt hat Gott daran gedacht. Diese enge Gemeinschaft gehört zur Grundausstattung der Gesamtheit dessen, was Gott geplant und gewollt hat. Erlösung und rettende Befreiung ist daher gegenüber der Schöpfung nicht weniger ernst zu nehmen, sondern im Gegenteil. Von Anfang an lässt sich Gott leiten von der Gemeinschaft zwischen dem Logos/Schöpfungsmittler und dem Gottesvolk. Er selbst will auf diese Weise bei seinem Volk wohnen. Daher ist das Thema dieser Aussagen Geborgensein und vertrauen dürfen.

2. Weil Christen bei Jesus auf das Schöpfungsgeheimnis selbst stoßen, ist mit dem Christsein die Erfahrung intensiver, selig machender Kraft verbunden. Denn durch ihn ist alles geworden, und durch seine Wunder wie vor allem in der Taufe („von oben her geboren werden“) lässt er auch erkennen, dass durch ihn alles neu werden kann. Das Johannesevangelium versteht diese Kraft zum Neuwerden vor allem als die unglaubliche Kraft, die aus Einigsein der Christen rührt. Wenn die Christen nur einig untereinander sind, können sie Berge und Bäume versetzen.

3. Der jederzeit gegenwärtige „Anfang vor aller Schöpfung“ bedeutet vor allem die Möglichkeit der Sündenvergebung. Das wird im 20. Kapitel des Johannesevangeliums gut erkennbar, wenn Jesus die Jünger anhaucht – so wie Gott der Herr einst Adam angehaucht und erschaffen hatte. So werden die Sünden vergeben, und jeder Jünger kann neu beginnen.

4. Weil der Anfang nicht vergangen, sondern gegenwärtig ist („Ehe Abraham geworden ist, bin ich“), ist es auch keine Schande, wenn wir zugeben können, jeweils noch immer am Anfang zu stehen. Wenn das nämlich nicht der Anfang vom Ende ist, sondern der Anfang vor allem Anfang, der jedem Neubeginn in der Zeit seinen Zauber und seine Kraft verleiht, dann sind Christen gerade am Beginn eines Neuen Jahres auf dem richtigen Weg.

Klaus Berger

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