Irdischer Schatten des Vaters

Das zwölfte Internationale Symposion für Josefsstudien setzt auf Spiritualität und Pädagogik. Von Regina Einig
Josefsstudien setzt auf Spiritualität und Pädagogik

Kein Wort überliefert die Heilige Schrift aus dem Mund des heiligen Josef. Wieviel Stoff für seelsorgliche und geistliche Betrachtungen das Leben des stillen Nährvaters Jesu dessen ungeachtet bietet, zeigte das Zwölfte Internationale Symposion für Josefsstudien Ende September im südfranzösischen Wallfahrtsort Saint-Joseph de Mont-Rouge in Puimisson. Organisiert wurde es vom Institut Redemptoris Custos, dem frankophonen Netzwerk für Josefsstudien und der Familie des heiligen Josef. Die junge Ordensgemeinschaft, betreut Saint-Joseph de Mont-Rouge und die örtliche Pfarrei. 130 Teilnehmer aus vier Kontinenten erlebten in vier Sprachgruppen die Bandbreite der Josefsverehrung. Letztere schließt alle Bildungsschichten ein und lässt sich nicht in Schablonen wie wertkonservativ oder fortschrittlich fassen. Für „Josephologen“ ist Benedikt XVI. ebenso zitierfähig wie der Befreiungstheologe Leonardo Boff.

Zwar präsentiert sich die Josefsverehrung auf den ersten Blick weitaus unspektakulärer als die aus dem Bannkreis von Privatoffenbarungen kaum zu lösende Mariologie. Doch verdient sie im Zeitalter des Gender-Mainstreaming besondere Aufmerksamkeit. Je größer die Verwirrung über Ehe, Familie und Fragen der Geschlechteridentität auch in Kirchenkreisen wird, desto unverzichtbarer der Orientierungswert des Nährvaters Jesu. Angesichts der zunehmenden Gleichgültigkeit vieler Väter gegenüber der religiösen Erziehung ihres Nachwuchses leuchtet die Fähigkeit Josefs besonders hervor, den Blick des ihm anvertrauten Kindes auf den ewigen Vater nicht zu verdunkeln. Pater Elie Ayroulet FSJ von der Familie des heiligen Josef hob Glaube, Autorität und Demut als die pädagogischen Qualitäten Josefs hervor. Sein Beispiel lehre die vaterlose Gesellschaft heute, dass es Aufgabe des Vaters sei, das Kind so zu fördern, dass es seine Berufung leben könne. Dazu brauche der Vater insbesondere die Tugend der Hoffnung. Die Grundlagen jeder Vaterschaft seien geistlicher Natur. Der Ruhm Josefs liege darin begründet, „dass sich in ihm die göttliche Vaterschaft gespiegelt habe. So habe Jesus erkennen können, dass Gott sein Vater sei“. Josefs väterliche Autorität sei im Gehorsam gegenüber Gott verwurzelt gewesen.

Maria und Josef hätten Jesus alles mitgegeben, was er zur vollen menschlichen Reife gebraucht habe, unterstrich der Lyoner Erzbischof Philippe Kardinal Barbarin. Als „edle Frucht des Alten Bundes“ habe Josef viel dazu beigetragen, dass der Sohn Gottes seine einzigartige Stellung im auserwählten Volk entdecken konnte. In der Nähe Josefs habe der heranwachsende Christus sein ganzes Format als Erlöser der Welt entfaltet. Der Kardinal erinnerte daran, dass Jesus in Josef ein männliches Vorbild im Arbeitsalltag gehabt habe, das nicht auf Sanftmut verkürzt werden dürfe. Auch die Fähigkeit, deutliche Grenzen zu setzen, habe Jesus für sein öffentliches Wirken beherrschen müssen, etwa bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel. „Ich habe kein Problem bei der Vorstellung, dass der heilige Josef dann und wann richtig auf den Tisch hauen konnte, und Jesus das miterlebte und sich davon inspirieren ließ“, so Kardinal Barbarin.

Bischof Jean-Pierre Batut von Blois sah in der Heiligen Familie ein Korrektiv zu falschen Familienbildern der Gegenwart: Wie für jedes andere menschliche Wesen sei auch für den Sohn Gottes eine richtige Familie „eine existenzielle Voraussetzung“ gewesen, nicht aber ein alleinerziehender Elternteil, wie der widersprüchliche Ausdruck im heutigen Sprachgebrauch nahelege. Echte Vaterschaft setze anwesende Väter voraus. Durch den langen Erziehungsprozess Josephs habe Jesus sich ein Bild vom himmlischen Vater machen können. Dank Josef sei eine neue Sichtweise der Vaterschaft entstanden, die nicht auf Zeugung beruhe, sondern geistlich ansetze. Joseph, so Bischof Batut, habe ein „priesterliches Opfer“ gebracht, das im Geheimnis des Rückzugs und Verzichts bestehe. Im Tempel habe der zwölfjährige Jesus seinem Nährvater ein demütigendes Opfer abverlangt, als er ihn öffentlich an seinen wahren Vater erinnerte. Für Bischof Batut zeigt sich in dieser Perikope die Vorbildrolle des Nährvaters Jesu für Priester und Väter: die eigene Person zurückzunehmen und den unsichtbaren Vater sichtbar zu machen. In Anspielung auf das Weihnachtsgeschehen erklärte der Bischof, gerade in der stillen Anbetung sei Josef Priestern heute ein Vorbild.

Der Historiker Paul Payan zog ebenfalls die Linien von der Josephsverehrung zum Priesterideal aus. Das Aufblühen der Josefsverehrung im späten Mittelalter zur Zeit des Großen Schismas sei der Förderung durch Kleriker und der Observantenbewegung zu verdanken. „Josef ist das Vorbild der Erneuerung, die sie der Christenheit wünschen.“

Auch im 21. Jahrhundert eignet sich der heilige Josef als Leitstern: Der Dogmatiker Johannes Stöhr fächerte in seinem Vortrag ein breites Themenspektrum auf, das geradezu nach dem Vorbild des Nährvaters Jesu rufe: Arbeit, Armut, Mitwirkung am Seelenheil anderer, Gehorsam, eheliche Treue, Vaterschaft, die Liebe zur Muttergottes und der Kirche. Stöhr erläuterte die reiche Tradition der Josefsverehrung im deutschsprachigen Raum und machte aus seiner Enttäuschung über die Vernachlässigung des heiligen Josef im Stammteil des neuen „Gotteslob“ keinen Hehl. Ausdrücklich lobte Stöhr das von der Petrusbruderschaft edierte Gebet- und Gesangbuch „Laudate Patrem“. Lieder, Gebete und Novenen zum heiligen Josef böten den Gläubigen eine gelungene Auswahl. Der Dogmatiker ging auch auf Bedenken in Theologenkreisen gegenüber der Josefsverehrung ein, die in der Volksfrömmigkeit Übertreibungen befürchten. Aus seiner Sicht besteht diese Gefahr in Deutschland heute nur in Ausnahmefällen. Die eigentliche Gefahr verortete Stöhr vielmehr in der Gleichgültigkeit. Im Allgemeinen versuchten Theologen heute, „hypothetische Überschwänge zu bändigen“, so als ob sich die Aufgabe der Theologie in negativen Feststellungen erschöpfe. Sowohl die dritte Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche sowie die theologischen Standardwerke im deutschsprachigen Raum behandeln den heiligen Josef aus Stöhrs Sicht darum nicht angemessen. Der Dogmatiker erwähnte in diesem Zusammenhang den Einfluss der protestantischen Theologie.

Angesichts der Verwirrung unter Gläubigen und Exegeten in bezug auf die Jungfräulichkeit Mariens wies der Leiter der Internationalen Josefsbewegung, Tarcisio Stramare, ausgehend vom Stammbaum Jesu und einer Reihe neutestamentlicher Schriftaussagen nach, dass Josef nicht der leibliche Vater Jesu ist.

Für den Moraltheologen Josef Spindelböck stand außer Frage, dass die jungfräuliche Verbindung Josefs und Marias dennoch als wahre Ehe gelten kann, ja sogar als erste sakramentale Ehe des neuen Bundes, da die drei von Augustinus definierten Güter der Ehe – Treue, Nachkommenschaft und Sakrament – im Bund der Muttergottes und dem Nährvater Jesu beispielhaft verwirklicht worden seien. Betrachtet man die Verbindung Marias und Josefs im Lichte der „Theologie des Leibes“, so ergibt sich für Spindelböck, dass Maria und Josef einander als Eheleute nicht nur auf geistige Weise angehörten, sondern ganzheitlich. „Die im ehelichen Leben zum Ausdruck gebrachten Formen der Zärtlichkeit waren Formen leiblicher Zuwendung, die in allem vollkommen mit der Würde und Berufung Marias und Josefs vereinbar waren und die das Geheimnis ihrer in Gott gegründeten ehelichen Einheit und Liebe auf jungfräuliche Weise zum Ausdruck brachten.“ Als gültig verheiratete Eheleute hätten beide zwar das Recht auf das sexuelle Einssein in Offenheit für Kinder gehabt, davon aber in gegenseitigem Einverständnis keinen Gebrauch gemacht, ohne dass ihnen eine „Dimension der ehelichen Liebe und ihrer Erfüllung“ gefehlt hätte.

Pater Joseph-Marie Verlinde FSJ beschrieb die Josefsehe als Inbegriff des „bekehrten Eros“: Die gegenseitige Liebe der Ehegatten habe keinerlei Abstriche an ihrer Liebe zu Gott bedeutet. Beide hätten ihre gegenseitige Zuneigung in einer Art und Weise ausgedrückt, die vollkommen mit den Kardinaltugenden übereinstimmte. So habe der Eros über sich hinauswachsen können und dabei das Glück des anderen radikal in den Vordergrund gestellt.

In der Diskussion bot das Beispiel Josefs Anlass für kritische Anfragen an die Gläubigen heute. Wie steht es um die Fähigkeit, selbst zurückzutreten sowie Gehorsam als zeitgemäße Tugend wieder zu entdecken? Kardinal Barbarin bedauerte, dass auch in der Kirche kaum noch von Gehorsam gesprochen werde, etwa in Bezug auf geistliche Berufe. Einem geistlichen Ruf konsequent und unter persönlichen Opfern zu folgen entspreche jedoch dem Beispiel Josefs. Bischof Batut forderte angesichts des zunehmenden Einflusses des Gender-Mainstreaming, die Linien von der Gestalt Josefs auszuziehen und die Polarität der Geschlechter nicht zu verwässern. Ohne die geistliche Vaterschaft und das Brautverhältnis von Weiheamt und Kirche bleibe die theologische und mystische Dimension der Kirche unverständlich. Zahlreiche spanischsprachige Teilnehmer befürworteten eine Aufnahmen des heiligen Josef ins Credo. „Warum Pontius Pilatus im Glaubensbekenntnis erwähnt wird, der heilige Josef aber nicht, ist mir schleierhaft“, sagte ein Teilnehmer. Der mexikanische Geistliche Miguel Angel Aguilar Manríquez argumentierte, durch das Fehlen Josefs im Credo entfalle das Bindeglied des Messias mit dem auserwählten Volk und seiner Geschichte. Es störe ihn, dass das Glaubensbekenntnis den Eindruck erwecke, Jesus sei der Sohn einer ledigen Mutter. Das Evangelium stelle Maria jedoch von Anfang an als Verlobte Josefs vor.

In romanischen Ländern drängen Josefsverehrer zudem auf eine stärkere Verbreitung des liturgischen Festes der Vermählung Mariens am 23. Januar. Es wurde im Zug der nachkonziliaren Liturgiereform gestrichen, allerdings feiern die Oblaten des heiligen Josef es auch heute noch in ihren Kapellen mit einer Sondererlaubnis der römischen Gottesdienstkongregation. Ein Antrag, das Fest für die Weltkirche wieder einzuführen, scheiterte. Auch negative Erfahrungen im Rahmen der Feier des 1. Mai – dem Fest Josef der Arbeiter – wurden von Teilnehmern aus dem spanischsprachigen Raum angesprochen. Der Einfluss progressiver Theologen und marxistischen Gedankenguts habe die katholische Arbeiterbewegungen in den sechziger Jahren erfasst und den 1. Mai zur Plattform kämpferischer Forderungen der Arbeiterschaft gemacht. Unter dem Deckmantel apostolischer Bewegungen bildeten sich neue Gewerkschaften.

In punco Gastfreundschaft lässt sich die Klostergemeinschaft in Saint-Joseph de Mont-Rouge kaum übertreffen. Eine glückliche Hand bewiesen Konvent und die zur Klosterfamilie zählenden Laien bei der Auswahl der Kirchenmusik für die Eucharistiefeiern. Glanzlichter setzte das Abendprogramm – darunter eine von Laiendarstellern exzellent aufgeführte Bühneninszenierung des Lebens des heiligen Vinzenz von Paul und eine Vigilfeier mit den Reliquien der heiligen Louis und Zélie Martin. Viele Gäste besichtigten die spendenfinanzierte größte Klosterbaustelle Frankreichs. Seit 2011 errichtet die Familie des heiligen Josef auf dem Hügel Saint-Joseph de Mont-Rouge ein Kloster nach zisterziensischem Vorbild. Dass dieses imposante Projekt in der strukturschwachen französischen Provinz auf die Hilfe des heiligen Josef zählen kann ist nicht zu bezweifeln.

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