„In ihrer Einfachheit ist Maria äußerst weise“

Der Heilige Vater betrachtet die biblische Erzählung von der Verkündigung – Ansprache beim Angelus am 18. Dezember 2011

Liebe Brüder und Schwestern!

Am heutigen vierten und letzten Adventssonntag stellt uns die Liturgie in diesem Jahr die Erzählung von der Verkündigung des Engels an Maria vor Augen. Wenn wir das wunderbare Bild der heiligen Jungfrau betrachten, in dem Moment, in dem sie die göttliche Botschaft empfängt und ihre Antwort gibt, werden wir innerlich von dem Licht der Wahrheit erleuchtet, das immer von Neuem von diesem Geheimnis ausgeht. Im Besonderen möchte ich nun kurz auf die Bedeutung der Jungfräulichkeit Marias eingehen, auf die Tatsache also, dass Sie Jesus jungfräulich empfangen hat.

Im Hintergrund des Geschehens von Nazareth steht die Prophezeiung Jesajas: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben“ (Jes 7, 14). Diese alte Verheißung hat ihre überreiche Erfüllung in der Menschwerdung des Sohnes Gottes gefunden. Denn die Jungfrau Maria hat nicht nur empfangen, sondern sie hat durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen, also durch Gott selbst. Der Mensch, der in ihrem Leib zu leben beginnt, nimmt das Fleisch Marias an, doch sein Dasein stammt ganz von Gott ab. Er ist ganz Mensch, aus Erde gemacht – um das biblische Bild zu benutzen –, doch er kommt von oben, vom Himmel.

Die Tatsache, dass Maria jungfräulich empfängt, ist also wesentlich für die Erkenntnis Jesu und für unseren Glauben, da sie bezeugt, dass die Initiative von Gott ausgeht, und vor allem offenbart, wer der Empfangene ist. Wie es im Evangelium heißt: „Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1, 35). In diesem Sinne garantieren die Jungfräulichkeit Marias und die Gottheit Jesu einander.

Das ist der Grund, warum die einzige Frage, die Maria, ganz „erschreckt“, dem Engel stellt, so wichtig ist: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1, 34). In ihrer Einfachheit ist Maria äußerst weise: Sie zweifelt nicht an der Macht Gottes, aber sie möchte seinen Willen besser verstehen, um sich diesem Willen vollkommen anzupassen. Das Geheimnis übersteigt Maria bei weitem, und doch nimmt sie auf vollendete Weise den Platz ein, der ihr in seinem Inneren zugewiesen wurde. Ihr Herz und ihr Geist sind ganz demütig und gerade aufgrund ihrer einzigartigen Demut wartet Gott auf das „Ja“ dieser jungen Frau, um seinen Plan zu verwirklichen. Er respektiert ihre Würde und ihre Freiheit. Das „Ja“ Marias beinhaltet sowohl die Mutterschaft als auch die Jungfräulichkeit und ist mit dem Wunsch verbunden, dass alles in Ihr zur Ehre Gottes gereichen und der Sohn, der aus Ihr geboren werden wird, ganz ein Geschenk der Gnade sein möge.

Liebe Freunde, die Jungfräulichkeit Marias ist einzigartig und unwiederholbar, doch ihre geistliche Bedeutung geht jeden Christen etwas an. Sie ist im Wesentlichen mit dem Glauben verbunden: Denn wer zutiefst auf die Liebe Gottes vertraut, der nimmt Jesus, sein göttliches Leben, durch das Wirken des Heiligen Geistes in sich auf. Das ist das Geheimnis der Weihnacht! Ich wünsche Euch allen, es mit tiefer Freude zu leben.

Die Besucher deutscher Sprache

begrüßte der Papst mit den Worten:

Gerne heiße ich alle deutschsprachigen Pilger und Gäste willkommen. Am heutigen vierten Adventssonntag hören wir das Evangelium der Verkündigung an Maria, das wir auch im Gebet des Angelus betrachten: „Der Engel brachte Maria die Botschaft.“ Wenige Tage vor Weihnachten blicken wir auf Maria hin, die Gott dazu erwählt hat, als Jungfrau die Mutter des Erlösers zu werden. Das Ja der demütigen Magd steht am Anfang der Menschwerdung und der Erlösung. Möge uns Maria in unserem Ja zu Gott bestärken, dass auch wir der Botschaft Gottes in unserem Leben Raum geben, ihm vertrauen, ihm glauben, dass auch wir bereit sind, den Herrn aufzunehmen, ihm Platz zu geben und so neue Menschen zu werden. Von Herzen wünsche ich euch allen eine gesegnete Adventszeit.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller

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