In der Tradition der Blutzeugen

Zur Vorstellung von Wolfgang Boochs Buch über die Geschichte der Kopten. Von Katrin Krips-Schmidt

Berlin (DT) „Obwohl wir in unserem Heimatland sehr verfolgt werden, obwohl unsere Kirchen in Ägypten in Brand gesetzt werden, erlauben wir in unserem Zentrum, dass eine Moschee stehen darf und dass die Menschen ihre Religion ausüben. Obwohl wir in unserem Heimatland verfolgt werden, üben wir Nächstenliebe an den Menschen, die in Not sind“, erklärte Anba Damian, Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland kürzlich anlässlich der Vorstellung des Buchs „Die Kopten – Kirche der Märtyrer“ von Wolfgang Boochs in Berlin. Initiator der Veranstaltung war der Stephanuskreis, der sich als überkonfessionelles Gesprächsforum im Bundestag versteht, das für Toleranz und Religionsfreiheit eintritt und sich um die Situation verfolgter Christen in aller Welt kümmert. Er wünsche sich, dass in seinem Vaterland der Schutz auch für die Frauen und Mädchen gewährleistet sei, die kein Kopftuch tragen und all die niedergebrannten mehr als 94 Kirchen – wie versprochen – saniert würden und dass die dort ansässigen Christen ihre Religiosität ausüben dürften.

Schon vor einem Jahr plädierte Bischof Damian dafür, die Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen waren, nach Religionen und Ethnien zu trennen. In Borgentreich im Kreis Höxter haben die Kopten seit Oktober 2014 600 Personen aus dem Nahen Osten aufgenommen – vorwiegend Muslime, relativ wenige Christen. In 29 Gebäuden in einer zentralen Unterbringungseinrichtung, die vom Malteser-Hilfsdienst und von ehrenamtlichen Mitgliedern der koptischen Gemeinde betreut werden, sei es dort bisher noch zu keinem einzigen ernsthaften Zwischenfall gekommen. Innenminister Thomas de Maiziere lobte die Initiative als „Vorzeigeprojekt“. Mit Bedacht achte man auf eine möglichst homogene Zusammensetzung bei der Belegung der Räumlichkeiten. Bischof Damian berichtete davon, dass man Familien und alleinstehende Frauen mit ihren Kindern getrennt von den vielen jungen Männern untergebracht habe. Verfeindete Gruppen teilten nicht die Unterkunft miteinander, das heißt, ISIS-Opfer kämen nicht mit ISIS-Sympathisanten zusammen, und sieben Muslime wohnten nicht gemeinsam in einem Zimmer mit einem einzelnen Christen.

Bischof Damian: Jesus ist selbst Flüchtling gewesen

Sorgen bereite ihm allerdings die enorm hohe Anzahl an Muslimen, die zu uns kämen, obwohl es doch in erster Linie Christen seien, die verfolgt werden. Er wünsche sich, dass es möglich sein könne, dass die Menschen in Schutz und Würde zurück in ihr Heimatland gehen könnten. Denn, so zitierte er Schenuda III., den Patriarchen von Alexandrien: „Ägypten ist ein Land, das in unserem Herzen lebt, es ist nicht nur ein Land, in dem wir leben dürfen.“

Der Vorsitzende des Stephanus-Kreises, der CDU-Bundestagsabgeordnete Heribert Hirte zitierte in seiner Einführung Papst Franziskus, der 2013 sagte: „Es ist nicht erforderlich, in die Katakomben oder ins Kolosseum zu gehen, um die Märtyrer zu finden: die Märtyrer leben jetzt, in zahlreichen Ländern.“

Bischof Damian verwies darauf, dass Jesus Christus selbst ein Flüchtling gewesen sei, der dreieinhalb Jahre lang Obdach in Ägypten gesucht und gefunden habe. Man habe ihm das „vorübergehende Asylrecht“ gewährt. Er lobte den Verfasser des Buches als ausgezeichneten Kenner der Materie, der Sprache, Mentalität und Kultur der Ägypter hervorragend kenne.

Boochs studierte Jura und absolvierte ein Zweitstudium in Ägyptologie und Koptologie. Er promovierte in Ägyptologie. Die Unkenntnis von Freunden und Bekannten, die die Kopten oftmals für eine Sekte hielten, regte ihn zum Schreiben an. Denn die koptische Kirche sei älter als die katholische, sagt er. Die Kopten verehren den heiligen Evangelisten Markus als den Begründer ihrer Kirche, der, so berichten Eusebius, Hieronymus und Epiphanius, 44 n. Chr. nach Ägypten kam, um die Bevölkerung zu missionieren.

„Die Kopten – ,Kirche der Märtyrer‘“ zeichnet die wechselvolle Geschichte der Kopten nach, die seit Beginn der Verfolgung durch die Römer jahrhundertelang bis in unsere Tage unter politischer Benachteiligung und Unterdrückung litten und immer noch leiden. Die Staatsreligion in Ägypten heute ist der Islam, derzeit sind etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung koptische Christen. Der heilige Evangelist Markus ist einer der Märtyrer, der in der koptischen Märtyrerliste, dem „Synaxarium“ aus dem Mittelalter (das etwa dem römischen Martyrologium entspricht), verzeichnet ist. Er soll am Ostersonntag des Jahres 68 das Martyrium erlitten haben, nachdem er während der Christenverfolgung durch Kaiser Nero von Soldaten an einem Strick gebunden durch die Straßen Alexandrias geschleift wurde.

Die schwerste Verfolgung gab es unter Diokletian

In unterschiedlichen Ausprägungen der Verfolgung unter den jeweiligen römischen Herrschern richteten sich die von ihnen erlassenen Dekrete zuweilen nur gegen Kleriker, zuweilen gegen die gesamte Christenheit. Manche Verordnungen verboten das Feiern des Gottesdienstes, den Besuch der Friedhöfe, andere sollten die Christen zwingen, vor dem Bildnis des Kaisers und der römischen Götter zu opfern.

Die schwerste Christenverfolgung war unter Diokletian zu verzeichnen, ihr sollen nach koptischen Angaben Hunderttausende koptischer Christen zum Opfer gefallen sein, weshalb die koptisch-orthodoxe Kirche sich von diesem Zeitpunkt an als „Kirche der Märtyrer“ bezeichnete. Diesen Feldzug gegen das Christentum nahm die koptische Kirche zudem zum Anlass, eine neue Zeitrechnung einzuführen: Das Jahr der Thronbesteigung Diokletians, 284, gilt als das Jahr 1 des koptischen Kalenders, sodass man sich 2015 in diesem Kalendersystem im Jahr 1732 befindet.

Die Usurpation Ägyptens durch Mohammed im Jahr 622 brachte das Land und seine Bevölkerung in den nachfolgenden Jahrhunderten unter die Herrschaft des Islams. Die aufeinanderfolgenden arabischen Dynastien der Omaijaden (661–749), der Abbassiden (749–868) und weitere setzten die Kopten schon bald schweren Repressalien aus. Zunächst „nur“ mit der Dhimmi-Steuer für „Ungläubige“ belegt, wurden die Christen in den ersten Jahren noch verhältnismäßig milde behandelt, denn man brauchte die Kopten, die des Schreibens und Lesens kundig waren, zur Verwaltung der neuen Kolonie. Doch bereits Ende des siebten Jahrhunderts wurden sie zu Bürgern zweiter Klasse, ihre Kirchen und Klöster wurden geplündert und gebrandschatzt.

Boochs lässt die politischen Ereignisse der letzten Jahrhunderte und Jahrzehnte bis in die Gegenwart Revue passieren, sein Buch befasst sich in einem letzten Kapitel zudem mit der Verehrung der Märtyrer und ihrer Bedeutung für die koptische Kirche und führt einige Kurzbiografien der wichtigsten koptischen Blutzeugen an.

Wolfgang Boochs: Die Kopten – Kirche der Märtyrer Bernardus Verlag Abtei Mariawald 2015, 175 Seiten, EUR 14,80. Der Erlös aus dem Verkauf des Buches geht an die Treuhandstiftung „Christen in Not“, die soziale Projekte der koptischen Kirche unterstützt.

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