In der Dynamik der Tradition

Die lehramtliche Verbindlichkeit des Zweiten Vatikanums am Beispiel des Diakonates. Von Manfred Hauke
Foto: KNA | Die Dogmatische Konstitution über die Kirche enthält wichtige Hinweise, um den Weihegrad des Diakonates theologisch einzuordnen.
Foto: KNA | Die Dogmatische Konstitution über die Kirche enthält wichtige Hinweise, um den Weihegrad des Diakonates theologisch einzuordnen.

Das Konzilsjubiläum ist der Anlass zu Diskussionen über die Verbindlichkeit der konziliaren Lehraussagen: Geht es hier um Kompromisstexte, von denen nur die „fortschrittliche“ Tendenz freudig aufzunehmen ist, aber nicht der vollständige Gehalt? Sind es pastorale Hinweise der 60er Jahre, die in der heutigen Situation überholt sind? Handelt es sich allesamt um Aussagen, deren Annahme für das ewige Heil und die Zugehörigkeit zur Kirche unverzichtbar sind? Oder gibt es einzelne Texte und Aussagen, auf deren Verbindlichkeit nicht bestanden werden muss?

Über diese Fragen gibt es eine vielschichtige Diskussion, die keine einfachen Antworten ermöglicht. Glaubensverbindlich ist das, was die Kirche ihren Gläubigen als Gehalt der göttlichen Offenbarung darlegt. Dies geschieht entweder durch das allgemeine und ordentliche Lehramt (der Bischöfe) oder aber auf außerordentliche Weise, durch ein ökumenisches Konzil oder eine päpstliche Kathedralentscheidung. Der Ausgangspunkt für alle Katholiken sollte zunächst einmal die Hochachtung vor den Aussagen eines ökumenischen Konzils sein, das sich selbst in die kirchliche Überlieferung einreiht und zu deren Entwicklung beiträgt.

Allerdings finden sich bei den Konzilien unterschiedliche Arten von Aussagen: es gibt dogmatische Lehraussagen, aber auch disziplinäre Bestimmungen, die gegebenenfalls veränderbar sind. Selbst unter den lehrhaften Aussagen, die sich auf die Offenbarung beziehen, finden sich verschiedene Grade der Verbindlichkeit: auf dem Konzil von Trient und auf dem Ersten Vatikanum beispielsweise sind die Lehrkapitel, die auf organische Weise ein Thema darstellen, zu unterscheiden von den feierlichen Verurteilungen, wo das Gegenteil der verurteilten Irrlehre ein definiertes Dogma darstellt.

Die Weihehierarchie auf dem Konzil von Trient

Nehmen wir als Beispiel die Frage der Zugehörigkeit des Diakons zum Weihesakrament. Nach dem Zeugnis von Schrift und Überlieferung gründet der Diakonat in Handauflegung und Gebet der Apostel, die von Christus selbst gesandt wurden, um sein Heilswerk auf Erden weiterzuführen. Das Konzil von Trient nennt die Diakone in den Lehrkapiteln über das Weihesakrament, aber dabei werden auch die niederen Weihen erwähnt, ohne damit festzulegen, dass sie selbst Bestandteil des Sakramentes sind. Der einschlägige mit einem Bannfluch verknüpfte Kanon zielt nur auf die Existenz der von Gott stammenden Hierarchie: „Wer sagt, in der katholischen Kirche gebe es keine durch göttliche Anordnung (dispositio) eingesetzte Hierarchie, die aus Bischöfen, Priestern und Dienern besteht: der sei mit dem Anathema belegt“ (Kanon 6; DH = Denzinger-Hünermann 1776).

Der offene Begriff „Diener“ (ministri) meint auf jeden Fall die Diakone, kann aber auch die niederen Weihen beinhalten. Klar ist auf jeden Fall, dass der Diakon zu der von Gott stammenden Hierarchie gehört. Allerdings ist auch hier auf die Nuancen zu achten: Es wird nicht gesagt, dass die Unterschiede zwischen Bischöfen, Presbytern und Diakonen göttlichen Rechtes sind, denn die „göttliche Disposition“ kann auch das Wirken der göttlichen Vorsehung meinen, wonach schon in der Urkirche verschiedene Ämter aus der apostolischen Vollmacht abgeleitet werden. In den frühesten Schriften (Apostelgeschichte, Pastoralbriefe, Erster Klemensbrief) werden die Begriffe „Bischof“ und „Presbyter“ noch für die gleiche Personengruppe gebraucht, während seit den Schriften des Bischofs Ignatius von Antiochien (am Beginn des zweiten Jahrhunderts) eine dreistufige Hierarchie genannt wird, die aus einem Bischof sowie aus Presbytern und Diakonen besteht. Dass der Diakon zur sakramentalen Weihehierarchie gehört, ist nach dem angedeuteten Befund nicht formell feierlich definiert, aber doch sehr naheliegend. Dafür spricht auch die Weiheliturgie, deren sakramentale Wirkung das Konzil von Trient betont: sie verleiht den Heiligen Geist und vermittelt eine dauernde Prägung (Kanon 4; DH 1774). Die von den Dogmatikern gebrauchte Qualifikation über die Zugehörigkeit des Diakonates zum Weihesakrament lautet darum in der Regel „fidei proximum“ („dem Glauben nahe“) oder zumindest „sententia certa“ („sichere Lehre“).

Das Zweite Vatikanische Konzil eröffnete den einzelnen Bischofskonferenzen die Möglichkeit, den Diakonat als ständige Weihestufe einzuführen, während er viele Jahrhunderte lang praktisch nur als Durchgangsstufe zum Presbyterat existiert hatte (LG = Lumen gentium 29). Diese Neueinführung war auf dem Konzil selbst umstritten, weil sie mit der Möglichkeit verbunden war, auch verheiratete Männer zu Diakonen zu weihen und so den Zölibat zu umgehen. Der ständige Diakonat war etwas Neues, wobei es normal scheint, dass dabei die theoretische Grundlegung noch stark ausbaufähig blieb. Diese Problematik beginnt schon mit der Frage, ob denn der Diakon zum Weihesakrament gehört. Nach der Dogmatischen Konstitution über die Kirche, dem zentralen und wichtigsten Dokument des Zweiten Vatikanums, gehört der Diakon zu dem aus göttlicher Einsetzung kommenden Weihesakrament (LG 28) und wird bei seiner Weihe „mit sakramentaler Gnade gestärkt“.

Über diese Klärung auf so hochrangiger Ebene könnte man sich freuen, wenn es nicht dazu eine offizielle Erklärung der Konzilskommission gäbe: die in Tradition und Lehramt begründete Sakramentalität des Diakonates werde „vorsichtig“ (caute) angegeben, und es sei nicht beabsichtigt, die wenigen neueren Autoren zu verurteilen, die zu diesem Punkt Zweifel äußern (Acta synodalia III/1, 260). Diese Aussage bildete in der Folge einen Freibrief vor allem für einen französischen Jesuiten und Kirchenrechtler, Jean Beyer, der die Sakramentalität des Diakonates grundsätzlich in Frage stellte. Der Diakonat sei deshalb nicht sakramental, weil alles, was er mache, gegebenenfalls auch von einfachen Laien getan werden könne. Ein Anhänger dieser exzentrischen Sondermeinung gehörte immerhin zur einschlägigen Unterkommission der Internationalen Theologischen Kommission, sich die von 1998 bis 2002 mit dem Thema des Diakonates befasste. Als Frucht der Diskussionen gab es ein umfangreiches Dokument (Der Diakonat – Entwicklung und Perspektiven, herausgegeben von Gerhard Ludwig Müller, Würzburg 2004). Darin wird betont: „die Auffassung, die im Diakonat eine sakramentale Wirklichkeit sieht“, bildet „die sicherste und mit der kirchlichen Praxis kohärenteste Auffassung“ (S. 77). Bezüglich der Klärung umstrittener Fragen verweisen die Theologen am Ende auf das „Amt der Unterscheidung“ in der Kirche, dem es zukomme, „sich mit Autorität“ dazu zu äußern (S. 92).

Zu den unklaren Punkten in den Konzilstexten gehört bereits die biblische Grundlage des Diakonates. Liturgie und Katechese gehen seit der Zeit des heiligen Irenäus in aller Regel davon aus, dass die Weihe von sieben Männern durch die Apostel unter Handauflegung und Gebet zum „Dienst an den Tischen“ (Apg 6, 1–6) den Ursprung des sakramentalen Diakonates bildet. Ausdrücklich aufgenommen wird diese Überzeugung in die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums (Sacrosanctum Concilium 86). In der Dogmatischen Konstitution über die Kirche jedoch, als es direkt um den Diakonat geht, wird die Begründung in der Apostelgeschichte bewusst ausgeklammert, wie die Konzilskommission betont.

Für heftige Diskussionen hat in der Folgezeit die Formulierung von „Lumen gentium“ geführt, wonach der Diakon die Handauflegung bei seiner Weihe „nicht zum Priestertum, sondern zur Dienstleistung“ empfange (LG 29). Gemeint damit ist im ursprünglichen geschichtlichen Kontext dieser Formulierung, dass der Diakon nicht (wie der Presbyter) das eucharistische Opfer darbringt, sondern den Bischöfen und Priestern hilft. „Priestertum“ kann aber in der alten Kirche auch in einem allgemeineren Sinne als Teilhabe an der Weihehierarchie erscheinen, so dass der Diakon durchaus dazu gezählt wird, etwa als deren dritter Grad (Leo der Große) oder als „dritte Priesterschaft“ (Optatus von Mileve). Die missverständliche Formulierung „nicht zum Priestertum geweiht“ hat jedenfalls zu Fragen geführt, ob denn auch der Diakon zum Amtspriestertum gehöre, das auf dem Konzil vom gemeinsamen Priestertum aller Getauften abgegrenzt wird (LG 10). Immerhin wird später erwähnt, dass auch die Diakone an der Sendung und Gnade Christi des Hohenpriesters teilnehmen (LG 41), so dass sie doch wohl nicht aus dem Weihepriestertum ausgeschlossen werden können, zumal die Apostolische Konstitution Pauls VI. zum Diakonat (1967) den von der Weihe vermittelten sakramentalen Charakter hervorhebt (das unauslöschliche Prägemal).

Bezüglich der Verbindlichkeit der Konzilstexte ist auch die Aufgliederung der Dokumente in drei verschiedene Kategorien zu beachten: Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen. Während die Konstitutionen bewusst Lehre vortragen wollen, wenn auch in unvollständiger Form, steht bei den Dekreten die disziplinäre und praktische Absicht im Vordergrund. Das gilt in noch ausgeprägterer Form für die Erklärungen (vgl. Florian Kolfhaus, Pastorale Lehrverkündigung – Grundmotiv des Zweiten Vatikanischen Konzils, 2010, 15–22).

Ein Sakrament ist kein notarieller Akt

Dass die inhaltlichen Aussagen der Dekrete nicht lehrmäßig zu „pressen“ sind, zeigt sehr gut eine Aussage über die Einführung des ständigen Diakonats im Missionsdekret: Es sei „angebracht, dass Männer, die tatsächlich einen diakonalen Dienst ausüben ... durch die von den Aposteln her überlieferte Handauflegung gestärkt und mit dem Altar enger verbunden werden, damit sie ihren Dienst mit Hilfe der sakramentalen Diakonatsgnade wirksamer erfüllen können“ (Ad gentes 16). Hier ist die Rede von einem „tatsächlichen“ diakonalen Dienst, der durch die sakramentale Weihe „wirksamer“ gestaltet werden solle. Dieser erstaunliche Gedanke wird in seinen Konsequenzen noch deutlicher, wenn das Adjektiv „diakonal“ mit „bischöflich“ ersetzt würde: Männer, die „tatsächlich“ einen bischöflichen Dienst ausüben, mögen durch die Bischofsweihe gestärkt werden, um „wirksamer“ ihre Aufgabe erfüllen zu können ... Eine solche Schlussfolgerung ist nicht haltbar, weil es kein „tatsächliches“ Bischofsamt gibt, das erst nachträglich durch die Bischofsweihe zu stärken wäre. Ebensowenig existiert ein „tatsächliches“ Priestertum oder ein „tatsächlicher“ Diakonat vor der Weihe. Ein Sakrament ist kein notarieller Akt, der etwas schon Existierendes beglaubigt, sondern schafft eine neue Wirklichkeit, in diesem Fall eine besondere Teilhabe an der Sendung Christi im Dienst an der Kirche, wobei der Geweihte durch das geistige Prägemal Christus gleichgeformt wird. Die Idee eines „tatsächlichen“ Diakonates vor der Weihe ist freilich begeistert aufgenommen worden von einem Teil der Bewegung zugunsten eines sakramentalen Diakonates der Frau. Wenn die diakonale Weihe nur „funktional“ begründet wird, ist das durchaus verständlich. An diese logische Konsequenz haben die Konzilsväter freilich nicht gedacht, denn sie sprechen an der zitierten Stelle ausdrücklich von „Männern“.

Der fragwürdige Gedanke eines „tatsächlich“ existierenden Diakonates vor der sakramentalen Weihe, die von der Internationalen Theologenkommission kritisch erwähnt wird (aaO., S. 81), stammt von Karl Rahner, der die einschlägige Diskussion damals beeinflusste. Würde man diese Idee konsequent ernst nehmen (woran glücklicherweise wohl niemand denkt), müsste die Kirche alle ihre hauptamtlich tätigen Angestellten in den Klerus aufnehmen, zu dem sie „de facto“ schon gehören würden. Eine solche Klerikalisierung des Laienstandes steht heute wohl nirgendwo auf der Tagesordnung.

Angesichts der sich in den Texten des Zweiten Vatikanums offenbarenden Probleme konnte ein italienischer Theologe in der Zeitschrift des Mailänder Priesterseminars das sarkastische Urteil äußern, wonach das Zweite Vatikanum „nicht nur keine Theologie des Diakonates anbietet, sondern sie nicht einmal erfordert oder das Nachforschen dazu ermuntert“ (Giuseppe Colombo, 1996). Diese Kritik mag zu hart formuliert sein, denn in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche finden sich durchaus entscheidende Koordinaten, um den Weihegrad des Diakonates theologisch einzuordnen. Eine Lösung der Probleme lässt sich finden im Anschluss an die Offenbarungszeugnisse in Schrift und Tradition, die sich auch in der Liturgie und in den Aussagen des Lehramtes widerspiegeln. Es braucht eine Hermeneutik, die sich hineinstellt in die Kontinuität der Überlieferung und in deren Dynamik weiterdenkt. Die einschlägigen Aussagen des Zweiten Vatikanums bedürfen der Vertiefung (was „Lumen gentium“ angeht), aber auch einer gewissen Korrektur (bezüglich der irreführenden Aussage im Missionsdekret). Beide Erfordernisse zeigen sich sehr gut in der Studie der Internationalen Theologenkommission, die über hundert Seiten umfasst und mit dem Appell an eine autoritative Klärung von Seiten des Lehramtes endet.

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