In den Bildern wird der Glaube lebendig

Die Berliner Rosenkranzbasilika gilt als Ausdruck des erstarkenden Selbstbewusstseins der Katholiken. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: Krips-Schmidt | Wurde 1950 zur Basilica minor erhoben: Die Rosenkranzbasilika.
Foto: Krips-Schmidt | Wurde 1950 zur Basilica minor erhoben: Die Rosenkranzbasilika.

Berlin (DT) Samstag. Später Nachmittag. Der Verkehr rollte rollt auf der Berliner Schlossstraße dahin, als sei es mitten im dichten Berufsverkehr. Menschen hetzen die belebte Einkaufsmeile im Südwesten der Stadt entlang. Einige biegen in eine kleine Seitenstraße ab, in der langsam vorwärts kriechende Autos nach letzten freien Parkplätzen Ausschau halten. Die Menschen, die noch eben im Lärm der Großstadt gefangen waren und die, alleine oder zu zweit, jung oder alt, dem Getümmel entrinnen, streben schnellen Schrittes auf den Backsteinbau zu, der etwa vierzig Meter in den Himmel ragt. In wenigen Minuten beginnt in der Rosenkranzbasilika – so heißt die Kirche und so hieß auch die Gemeinde, die seit ihrer 2010 erfolgten Fusion mit der Dahlemer Pfarrei Sankt Bernhard nunmehr zur Pfarrei „Maria Rosenkranzkönigin“ geworden ist – die Vorabendmesse. Der Gläubige, der hier eintritt, taucht wie in ein von der gellend lauten Umwelt hermetisch abgeschlossenes Paralleluniversum ein. Kein Mucks von draußen ist im Innern zu hören. Die dicken Mauern sorgen dafür, dass der Beter seinem Tun ungestört nachgehen kann. Beim Betreten des Gotteshauses durch das Eingangsportal ist man zunächst erstaunt über die dämmrige Atmosphäre, die in der Kirche herrscht. Erst langsam gewöhnt sich das Auge an die Dunkelheit. Man ist überrascht ob der imposanten byzantinisch anmutenden, vornehmlich in Rottönen gehaltenen Wand- und Deckenbemalung. Rot war einst die Farbe des Basileus, des Herrschers über das Byzantinische Reich. Auch heute noch wird sie von den Byzantinern sehr geschätzt, was sich an der Verwendung roter Altartücher und des roten Messweines ablesen lässt. Der Zentralbau auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes, der mit einer Kuppel überdacht ist, deren Durchmesser 14 Meter beträgt, wurde im Jahre 1900, ein Jahr nach der Grundsteinlegung, geweiht. Nur wenig Tageslicht strömt durch die in diesem Gewölbe eingelassenen 16 Rundbogenfenster.

Der gefragte Kirchenbaumeister Christoph Hehl (1847–1911) gestaltete die Rosenkranzbasilika, wie alle seine Schöpfungen, als Gesamtkunstwerk: Alles darin sollte wie in einer Symphonie fein aufeinander abgestimmt zusammenklingen. Was außen wie eine spätromanische Kirche aus der Mark Brandenburg aussieht, entfaltet in seinem Innern die Pracht byzantinisch geprägter Kirchenkunst. Hehls Innenarchitektur zielte bereits auf die Ausmalung der Kirche ab, alles war von ihm vorkonzipiert, selbst die Innenausstattung war in sein architektonisches Baukonzept mit einbezogen. Die Wandgemälde stammen von Friedrich Stummel, der mit dieser Aufgabe seit 1906 betraut war; nach seinem Tod im Jahre 1919 wurden die Arbeiten von anderen Künstlern fortgeführt. Stummels Pinselführung verdient besondere Anerkennung, vor allem seine äußerst feine und lebendige Porträtgestaltung, bei der unter vielen anderen Details – was natürlich nur in Nahaufnahmen nachzuweisen ist – beispielsweise einzelne Barthaare erkennbar sind.

Die Entscheidung für ein Bildprogramm, das die fünfzehn Geheimnisse des Rosenkranzes zum Thema hat, ist vor dem Hintergrund eines erstarkenden Selbstbewusstseins der Berliner Katholiken zu sehen, die nach Reformation, Kulturkampf und inmitten der wilhelminischen Ära ihren katholischen Glauben durch den Bau einer großen repräsentativen Kirche mit entsprechendem religiösen Sinngehalt nicht mehr abseits stehen, sondern auch nach außen hin sichtbar werden wollten.

Heute wird jeden Sonntag in der 8 035 Katholiken zählenden Pfarrei eine Familienmesse gefeiert. Etwa 12 Prozent der Pfarrangehörigen besuchen eine der insgesamt sechs Sonntagsmessen. Bei der Zelebration der Familienmesse wechseln sich der Pfarrer der Gemeinde – Andrej Nicolai Desczyk – und sein Kaplan Hubert Bodenmüller gegenseitig ab. Beiden Geistlichen ist es ein wichtiges Anliegen, den Kindern eine Beziehung zu den Bildern in ihrer Kirche zu vermitteln. Besonders die kirchlichen Feiertage bieten da Gelegenheit, ausgiebig Bezug auf Ereignisse des Heilsgeschehens zu nehmen, so etwa an Mariä Lichtmess, wenn auf die in einem Medaillon illustrierte „Darbringung Jesu im Tempel“ mit Taschenlampe und Laserpointer gezeigt und verwiesen werden kann.

Wir beginnen den Rundgang in der Apsis, wo das zentrale Ereignis bildlich festgehalten ist, das zum leitgebenden Motiv geworden ist: die Rosenkranzspende. Die thronende Gottesmutter mit dem Jesusknaben übergibt den Rosenkranz an den heiligen Dominikus. Außer dem heiligen Pius V. ist noch die heilige Katharina von Siena sowie der heilige Josef abgebildet; somit stehen drei Figuren der Dominikanerfamilie (wobei Katharina und Dominikus im Sinne der mittelalterlichen Bedeutungsperspektive sehr viel kleiner als die übrigen Personen erscheinen) drei Gestalten der Heiligen Familie gegenüber. Die Mittelachse der Kirchendecke ist dem glorreichen Rosenkranz gewidmet, der freudenreiche findet sich auf dem rechten, der schmerzensreiche auf dem linken Querhausarm; je ein Gesätz des jeweiligen Rosenkranzes ist als Großbild dargestellt. Die Illustrationen der übrigen vier Gesätze sind kleineren Medaillons zugeordnet, die sich an der Decke befinden. Die Abbildungen zum glorreichen Rosenkranz nehmen ihren Anfang mit den Medaillons zu Auferstehung und Himmelfahrt Christi im Orgelbogen, spannen sich über die Hauptachse zum „Triumphbogen“ über dem Eingang zum Hochchor mit der Darstellung des Pfingstereignisses, um im Chorbogen in der Apsis ihren Höhepunkt mit der Aufnahme Mariens in den Himmel und ihrer Krönung zu erreichen. Neben den Rosenkranzgeheimnissen haben zahlreiche weitere Motive Eingang in das Bildprogramm der Rosenkranzbasilika gefunden. So zeigt beispielsweise der linke Kuppelpfeiler neben der Apsis die Stammmutter Eva, die der auf der gegenüberliegenden Säule abgebildeten Maria als Schlangenzertreterin typologisch entspricht. In ähnlicher Weise deutet auf den rückseitigen Kuppelpfeilern Adam auf Jesus als den neuen Adam hin. Nicht unerwähnt sollen die Darstellungen der vier Apostel mit ihren jeweiligen ikonografischen Symbolen auf den die Kuppel tragenden Vierungspfeilern bleiben. Schließlich sind sie es, denen die in der Bank weilenden Gottesdienstbesucher bei einem Besuch der Kirche besondere Aufmerksamkeit schenken.

Die Rosenkranzkirche in Steglitz, die im Übrigen die beiden Weltkriege fast unbeschadet überstanden hat, birgt eine Vielzahl weiterer Gestaltungselemente, an deren theologisch-konzeptioneller Planung der erste Pfarrer der Gemeinde, Josef Deitmer (1865–1929), wesentlichen Anteil hatte. 1923 wurde Deitmer zum ersten Weihbischof in Berlin ernannt.

Papst Pius XII. erhob die Rosenkranzbasilika am 20. Oktober 1950 zu einer Basilica minor. Ein bedeutender Ehrentitel, durch den die enge Verbundenheit zwischen Papst und Ortskirche zum Ausdruck kommt. Was bedeutsam auch für das Jahr 2011 sein dürfte, in dem die Katholiken der Hauptstadt bei einem Besuch eines Pontifex erneut ihre Zugehörigkeit zu Rom unter Beweis stellen können.

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