Im Zentrum europäischer Geschichte und Kultur

Während des Fluges nach Kroatien sprach der Heilige Vater mit den mitreisenden Journalisten über geistliche und politische Aspekte seiner Reise
Foto: dpa | Unterwegs nach Kroatien: Papst Benedikt XVI., Kardinalstaatssekretär Bertone und Vatikansprecher Lombardi im Gespräch mit Journalisten.
Foto: dpa | Unterwegs nach Kroatien: Papst Benedikt XVI., Kardinalstaatssekretär Bertone und Vatikansprecher Lombardi im Gespräch mit Journalisten.

Wie auf Papst-Reisen inzwischen Tradition begab sich der Heilige Vater während des Fluges nach Kroatien zu den in der Papst-Maschine mitreisenden Journalisten und beantwortete Fragen. Wir dokumentieren das Gespräch im vollen Wortlaut.

Heiliger Vater, Sie sind schon andere Male in Kroatien gewesen und ihr Vorgänger hat ganze drei Reisen in dieses Land unternommen. Kann man von einer besonderen Beziehung zwischen dem Heiligen Stuhl und Kroatien sprechen? Welches sind die Gründe und die wichtigsten Aspekte dieser Beziehung und dieser Reise?

Ich persönlich bin zweimal in Kroatien gewesen. Das erste Mal zum Begräbnis von Kardinal Šeper – meinem Vorgänger in der Glaubenskongregation –, mit dem ich sehr befreundet war, da er auch als Präsident der Internationalen Theologischen Kommission vorsaß, deren Mitglied ich war. Daher kannte ich seine Güte, seine Intelligenz, sein Urteilsvermögen und seinen Humor. Das hat mir auch eine Vorstellung von Kroatien selbst gegeben, denn er war ein großer Kroate und ein großer Europäer. Und dann bin ich noch einmal von seinem Sekretär Èapek – auch er ein Mann mit viel Humor und von großer Güte – zu einem Symposium und einer Feier in einem marianischen Heiligtum eingeladen worden. Hier habe ich die Volksfrömmigkeit erlebt, die, wie ich sagen muss, der meiner Heimat sehr ähnlich ist. Und ich habe mich sehr gefreut, diese Verkörperung des Glaubens zu sehen: eines mit dem Herzen gelebten Glaubens, wo das Übernatürliche natürlich und das Natürliche durch das Übernatürliche erleuchtet wird. Und so habe ich dieses Kroatien gesehen und erlebt, mit seiner tausendjährigen katholischen Geschichte, dem Heiligen Stuhl immer sehr nah, und natürlich mit der vorhergehenden Geschichte der frühen Kirche. Ich habe gesehen, dass es eine sehr tiefe Gemeinsamkeit im Glauben gibt, in dem Wunsch, Gott für den Menschen zu dienen, im christlichen Humanismus. In diesem Sinn, so scheint mir, gibt es eine natürliche Verbundenheit in dieser wahren Katholizität, die allen offen steht und die Welt nach den Vorstellungen des Schöpfers verwandelt oder verwandeln möchte.

Heilige Vater, Kroatien sollte sich in Kürze mit den 27 Nationen vereinen, die zur Europäischen Union gehören: in letzter Zeit ist jedoch in der kroatischen Bevölkerung eine gewisse Skepsis hinsichtlich der Union gewachsen. Denken Sie, dass Sie den Kroaten angesichts dieser Situation eine Botschaft der Ermutigung zukommen lassen werden, Europa nicht nur in einer wirtschaftlichen Perspektive zu sehen, sondern auch in einer kulturellen Perspektive mit christlichen Werten?

Ich denke, dass die Mehrheit der Kroaten im Grunde genommen mit großer Freude an diesen Moment denkt, in dem sie sich mit der Europäischen Union vereinen, da es ein zutiefst europäisches Volk ist. Sowohl Kardinal Šeper, als auch Kardinal Kuharic und Kardinal Bozaniæ haben mir stets gesagt: „Wir sind nicht der Balkan, wir sind Mitteleuropa“. Es handelt sich also um ein Volk im Zentrum Europas, im Zentrum der europäischen Geschichte und Kultur. In diesem Sinn – so denke ich – ist der Beitritt logisch, richtig und notwendig. Ich denke auch, dass die Freude vorherrscht, dort zu stehen, wo Kroatien historisch und kulturell immer gestanden hat. Natürlich kann man auch eine gewisse Skepsis verstehen, wenn ein zahlenmäßig kleines Volk diesem bereits aufgebauten, fertigen Europa beitritt. Man kann verstehen, dass hier möglicherweise Angst vor einer zu starken, zentral gesteuerten Bürokratie besteht, vor einer rationalistischen Kultur, die die Geschichte und den Reichtum der Geschichte sowie auch den Reichtum der historischen Vielgestaltigkeit nicht ausreichend berücksichtigt.

Mir scheint, dass gerade dies auch eine Mission dieser Bevölkerung sein kann, die jetzt der Union beitreten wird: die Vielgestaltigkeit in der Einheit zu erneuern. Die europäische Identität ist eine Identität, die gerade im Reichtum der verschiedenen Kulturen liegt, die im christlichen Glauben, in den großen christlichen Werten zusammenlaufen. Damit dies erneut sichtbar und wirksam wird, scheint es mir gerade auch eine Mission der Kroaten, die der Union jetzt beitreten, die Historizität unserer Kulturen und die Vielfältigkeit, die unseren Reichtum darstellt, gegen einen gewissen abstrakten Rationalismus zu stärken. In diesem Sinne möchte ich die Kroaten ermutigen: der Prozess, der Europäischen Union beizutreten, ist ein wechselseitiger Prozess von Geben und Nehmen. Auch Kroatien hat mit seiner Geschichte, mit seinen menschlichen und wirtschaftlichen Kapazitäten etwas zu geben, und es empfängt natürlich etwas, auch indem es auf diese Weise seine Perspektive erweitert und indem es in diese große, nicht nur wirtschaftliche, sondern vor allem kulturelle und geistliche Handelszone aufgenommen wird.

Viele Kroaten haben gehofft, dass anlässlich Ihrer Reise die Heiligsprechung des seligen Kardinal Stepinac hätte erfolgen können: worin besteht für Sie heute die Bedeutung dieser Gestalt?

Der Kardinal war ein großer Hirte und ein großer Christ und so auch ein Vorbild des Humanismus. Ich würde sagen, es war das Schicksal von Kardinal Stepinac, dass er in zwei gegensätzlichen Diktaturen hat leben müssen, die beide antihumanistisch waren: zuerst das Ustascha-Regime, das den Traum von Autonomie und Unabhängigkeit zu erfüllen schien, wobei es sich in Wirklichkeit um eine Autonomie handelte, die eine Lüge darstellte, da sie von Hitler für seine Ziele ausgenutzt wurde. Kardinal Stepinac hat das sehr wohl verstanden und den wahren Humanismus gegen dieses Regime verteidigt, indem er Serben, Juden und Zigeunern beistand; er hat – sagen wir – die Kraft eines wahren Humanismus gezeigt, auch durch Leiden. Dann kam die entgegengesetzte Diktatur des Kommunismus, wo er von neuem für den Glauben gekämpft hat, für die Gegenwart Gottes in der Welt, für den wahren Humanismus, der von der Gegenwart Gottes abhängt: der Mensch ist Abbild Gottes und nur wenn Er gegenwärtig ist, blüht der Humanismus. Es war – sagen wir – das Schicksal von Stepinac, in zwei verschiedenen und gegensätzlichen Kämpfen zu fechten und gerade in dieser Entscheidung für das Wahre gegen den Zeitgeist zu kämpfen, für diesen wahren Humanismus, der aus dem christlichen Glauben kommt. Er ist ein großes Vorbild nicht nur für die Kroaten, sondern für uns alle.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller

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