Im Zentrum die Person, nicht das Kondom

Eine Fachtagung im Vatikan befasste sich mit Strategien gegen Aids. Von Guido Horst
Foto: dpa | Warnende Wandbemalung in Südafrika: Über die richtigen Methoden im Kampf gegen Aids wird gestritten. Die kirchliche Anti-Aids-Strategie kann Erfolge vorweisen.
Foto: dpa | Warnende Wandbemalung in Südafrika: Über die richtigen Methoden im Kampf gegen Aids wird gestritten. Die kirchliche Anti-Aids-Strategie kann Erfolge vorweisen.

Rom (DT) 30,8 Millionen tragen den Virus in sich, davon sind 2,2 Millionen unter fünfzehn Jahre alt, jedes Jahr gibt es 1,5 Millionen Tote, ebenfalls jährlich 2,7 Millionen neu Infizierte. 5,3 Millionen Erkrankte werden mit einer Kombinations-Therapie behandelt, 9,3 Millionen haben dagegen keinen Zugang zu Medikamenten. Bei 730 000 schwangeren Frauen versucht man medikamentös, die Übertragung auf das Kind zu verhindern, bei 670 000 schwangeren Frauen ist das nicht der Fall. Es sind die Zahlen einer wirklichen, die ganze Welt umfassenden Pandemie. Sie lagen am vergangenen Wochenende auf dem Tisch, als sich eine Fachtagung im Vatikan mit dem Thema Aids befasste. Eingeladen hatten der Päpstliche Rat für die Pastoral im Gesundheitswesen sowie die Stiftung „Der gute Samariter“, die Papst Johannes Paul II. 2004 errichtet hatte und die dem Gesundheitsrat untersteht. „Die Bedeutung der Sorge um die Person bei der Vorbeugung und Behandlung von HIV/Aids“ lautete das Thema des Treffens, das Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone am Freitagabend eröffnet hatte und zu dem aus aller Welt Fachleute angereist waren, die über Strategien gegen die Immunschwächekrankheit diskutieren. Einer der prominentesten Teilnehmer war der Medizin-Soziologe und Senior Harvard Forscher im Bereich Aids-Verhütung, Edward Green.

Kardinal Bertone hob in seiner Begrüßung vor den etwa zweihundert Fachleuten und Kirchenvertretern hervor, dass die katholische Kirche einen bedeutenden Beitrag im Kampf gegen Aids leiste. Eine weitere Ausbreitung der Krankheit müsse durch wirkungsvolle Präventionsmaßnahmen eingedämmt werden, die auf die Vermittlung eines verantwortungsbewussten und moralisch gefestigten Umgangs mit Sexualität zielten. Auch wies Bertone darauf hin, dass Aids-Kranke nicht von der Gesellschaft stigmatisiert werden dürften und es der katholischen Kirche ebenfalls darum gehe, eine Überwindung von Vorurteilen zu erreichen, die zu dieser Ausgrenzung führen würden.

Am Samstag ging dann der Präsident des Gesundheitsrats, der polnische Erzbischof Zygmunt Zimowski, ausführlicher auf die pastorale Strategie kirchlicher Einrichtungen ein. Der Weg, den die Kirche zur Bekämpfung der Pandemie vorschlage, ziele auf die Reifung der menschlichen Person und schließe ein Verständnis der Sexualität ein, das auf den Werten der ehelichen Treue und der Familie gründe. Dieser Weg, so der Erzbischof, sei sicherlich der schwierigste. Aber der Rückgang bei der Verbreitung und tödlichen Folge von HIV und Aids gehe gerade auch in den armen Ländern auf die Veränderung des persönlichen Verhaltens und auf den Zugang zur Kombinations-Therapie zurück. Für Zimowski ist jedoch Aids nicht nur eine Immunschwächekrankheit, die mit Medikamenten zu behandeln sei. „Es ist auch eine soziale und moralische Krankheit, die eine Berücksichtigung aller Aspekte verlangt.“ Dabei gehe es sowohl um das sexuelle Verhalten der Person, die den Virus überträgt, als auch grundsätzlich um die Art der zwischenmenschlichen Beziehungen. Es sei die „Unverantwortlichkeit“, die hauptsächlich zur Verbreitung der Seuche beitrage, und „wenn diese Unordnung“, so der Erzbischof weiter, „als private Entscheidung des Einzelnen betrachtet wird, bleibt die Epidemie der Bevölkerung erhalten“.

Als Beweis dafür, dass die Kirche damit nicht eine ideologische Haltung einnimmt, nannte Zimowski die Erfolge der Anti-Aids-Strategien in einigen afrikanischen Ländern. In Uganda sei die Infektionsrate von vierzehn Prozent im Jahre 1991 auf 4,1 Prozent im Jahr 2003 zurückgegangen, in der Hauptstadt Kampala von dreißig Prozent 1992 auf acht Prozent im Jahr 2002. Das sei, erklärte der Erzbischof, auf die von der Regierung geförderte Politik des „zero grazing“ zurückzuführen, das heißt auf die Empfehlung der ehelichen Treue und der Reduzierung der Zahl der Sexualpartner. Im Zuge der ABC-Strategie – „Abstain“ (Enthaltsamkeit), „Be faithfull“ (Sei treu) und „Use a Condom“ (Benutze ein Kondom) – habe die ugandische Regierung sogar auf das „C“ verzichtet, weil für Staatspräsident Yoweri Museveni, so Zimowski, „Präservative die Promiskuität fördern, ohne dabei Sicherheit zu gewähren“. Ähnliche Erfolge, die nicht auf die Verteilung von Kondomen, sondern die Änderung des persönlichen Verhaltens zurückzuführen seien, habe es in Zimbabwe und Kenia gegeben.

Auch der Forscher Edward Green aus den USA sieht die größten Erfolge gegen die Verbreitung der Immunschwächekrankheit dort, wo man das Verhalten der Menschen verändert. In einem Gespräch mit Radio Vatikan fasste der Wissenschaftler seine Haltung so zusammen: „Kondome werden typischerweise bei Gelegenheitspartnern oder bei der Prostitution verwendet. Wenn die Nutzung von Kondomen steigt, kann das auf ein Anwachsen des kommerziellen Sex hindeuten. Wir wissen heute, dass das häufige Wechseln von Sexualpartnern die Aids-Massenepidemie in Regionen wie Süd- und Ostafrika begünstigt hat. Die wichtigste Einzelmaßnahme gegen Aids ist also, vor dem Kontakt mit häufig wechselnden Partnern zu warnen.“ Auch für Green liegt der Schlüssel zur Senkung der HIV-Ansteckungsrate in der Änderung des Verhaltens. „Es geht darum, die Treue zwischen Partnern mehr zu fördern. Das kann man übrigens auch für polygame Lebensformen propagieren, die es in Afrika nicht selten gibt. Doch obwohl da nicht genug aufgeklärt wird, sehen wir, dass die Leute das von alleine machen. Da ist ,Common Sense‘ am Werk, gesunder Menschenverstand – wohl aufgrund des Einflusses der Kirche.“

Erzbischof Silvano Tomasi, ständiger Beobachter des heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, machte bei der Tagung darauf aufmerksam, dass „viele Regierungen, öffentliche sanitäre Einrichtungen und auch einige Agenturen der UNO übereilt Strategien der Verhütung gefördert haben, die fast ausschließlich auf der Verteilung von Präservativen basierten“. Die Vorgehensweise der Kirche dagegen, die eine breitere Strategie einschlage und auch die Würde der Person in Blick nehme, habe ihr viele falsche Anschuldigungen eingebracht, so etwa die, „ein Hindernis für eine wirkliche Vorbeugung zu sein und sogar die Schuld zu tragen an dem Tod von Millionen von HIV-Infizierten“. Die Wahrheit sei aber die, worauf auch Erzbischof José Luis Redrado Marchite hinwies, Sekretär des vatikanischen Gesundheitsrats, dass „in vielen Regionen Afrikas südlich der Sahara die einzigen, die den Opfern der Epidemie Kombinations-Therapien anbieten würden, die Krankenhäuser und medizinischen Stationen seien, die von religiösen Orden und einigen Nicht-Regierungs-Organisationen christlicher Prägung getragen werden“.

Michel Sidibe, Exekutivdirektor des Aids-Programmes der Vereinten Nationen, UNAIDS, erklärte in seinem Redebeitrag, dass seine Organisation und die katholische Kirche enge Verbündete im Kampf gegen Aids seien. Auch er verwies darauf, dass die Erfolge im Kampf gegen Aids in jenen Ländern besonders groß seien, in denen Bildungsmaßnahmen für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Sexualität bei Präventionsprogrammen großen Raum einnehmen würden.

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