Im Schmelztiegel der Traditionen

Benediktiner als Nachfolger Petri: Eine Tagung beleuchtet die Zusammenhänge von Papsttum und Mönchtum. Von Ulrich Nersinger
Foto: IN | Der „Mönchspapst“ Gregor der Große, hier dargestellt von Antonello da Messina (Museo Nazionale in Palermo) pflegte als erster Papst einen benediktinischen Lebensstil.
Foto: IN | Der „Mönchspapst“ Gregor der Große, hier dargestellt von Antonello da Messina (Museo Nazionale in Palermo) pflegte als erster Papst einen benediktinischen Lebensstil.

Salzburg (DT) Der Romanische Saal des Stiftes St. Peter in Salzburg besitzt räumlich bescheidene Ausmaße, die Internationale Tagung jedoch, die in ihm kürzlich unter dem Thema „Benediktiner als Päpste“ stattfand, vermittelte eine große akademische Weite und Sicht. Durch die Wahl des Jesuiten Jorge Mario Bergoglio zum Bischof von Rom, des ersten Ordensmannes seit über 150 Jahren auf dem Stuhle Petri, bekam die Tagung einen besonderen Akzent. In der ältesten Benediktinerabtei Österreichs konnte der Hausherr des Klosters, Erzabt Korbinian Birnbacher OSB, renommierte Wissenschaftler aus ganz Europa willkommen heißen. Die Teilnehmer waren aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Italien angereist; der Vatikan war durch Bernard Ardura OPraem, den Präsidenten des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, und Giuseppe M. Croce vom Vatikanischen Geheimarchiv vertreten.

Die hochkarätig besetzte Tagung sah es als ihre Aufgabe an, sich den benediktinisch geformten Mönchen, die zu Päpsten gewählt worden waren und die Geschicke der Christenheit an deren Spitze im Mittelalter und in der Neuzeit bestimmt hatten, zu widmen. Welches Amtsverständnis besaßen diese Mönchspäpste? Wie wirkte sich ihre monastische Prägung auf die konkrete Lebens- und Liturgiegestaltung, auf Amtsführung und Pontifikatsprofil, Leitung der Kurie und die Lenkung des Kardinalskollegiums, Kirchenpolitik und Reformbemühungen aus? Wie agierten die Mönchspäpste in der Ewigen Stadt, in den Päpstlichen Staaten, in Italien und Europa und darüber hinaus? Welche Memoria, welches Gedenken ist ihnen von der Geschichte zuteil geworden?

Die Schirmherrschaft hatten der Salzburger Erzbischof Franz Lackner OFM, Erzabt Birnbacher, Österreichs Vizekanzler Reinhold Mitterlehner und der Landeshauptmann von Salzburg, Wilfried Haslauer, übernommen. Unter den Grußbotschaften ragte das Schreiben Benedikts XVI. hervor. Seit seinem Rücktritt lebt er im Kloster am Vatikanischen Hügel. Benedikt XVI. fand die Idee einer Tagung über„Benediktiner als Päpste“, so wörtlich in seinem Schreiben, „faszinierend“. Den an der Tagung Teilnehmenden ließ er seine Segenswünsche und Grüße ausrichten.

Als Veranstalter und Organisator des akademischen Treffens zeichnete Andreas Sohn von der Universität Paris XIII – Sorbonne Paris Cité (Frankreich) verantwortlich. In seiner Hinführung zur Tagung gab er zu bedenken, der Begriff „Mönchspapst“ sei in der Fachliteratur, der Papsthistoriografie, durchaus eingängig und werde auch in den Massenmedien gebraucht, jedoch häufig ohne weitere Reflexion. Man suche ihn zum Beispiel im „Lexikon der Theologie“, in der „Theologischen Realenzyklopädie“ oder im „Lexikon des Mittelalters“ vergeblich. In der Bezeichnung „Mönchspapst“ drücke sich eigentlich eine semantische Spannung aus, werde vielleicht sogar ein Widerspruch fassbar: Ein Mönch, ein Mensch, der sich zu einem Leben in der Askese, der Stille und Weltabgewandtheit, der fuga mundi entschieden hat, lässt sich aus seinem Kloster herausrufen, um an der Spitze der Christenheit diese Welt zu gestalten. Die Tagung habe eine lange Zeitachse zu beachten.

Die historische Perspektive reiche vom frühen Mittelalter bis zur Neuzeit, vom 6. bis zum 19. Jahrhundert, von Gregor dem Großen (590–604) bis zu Gregor XVI. (Mauro Cappellari, 1831–1846). Neben den zahlenmäßig nicht hundertprozentig zu erfassenden Päpsten, die benediktinisch geformt und auch aus den Reihen der Zisterzienser, der Cölestiner und Kamadulenser hervorgegangen seien, müsse man auch die Gegenpäpste benediktinischer Prägung und Ursprungs in den wissenschaftlichen Diskurs mit einbeziehen. In dem großen Komplex der auftauchenden Fragen erhoffe man sich von dieser wissenschaftlichen Zusammenkunft Antworten, vor allem auf die Fragestellungen: Wird durch die Wahl eines Mönches das Papsttum beziehungsweise die Kirche „benediktinischer“?

Und umgekehrt: Wird der Orden, die Gesamtheit der Klöster, dadurch „päpstlicher“? Mit ihrer Thematik trage die Tagung auch einem neuen öffentlichen Interesse an der Papstgeschichte Rechnung, das nicht zuletzt mit den Päpsten Benedikt XVI. und Franziskus verbunden sei.

„Mönchtum und Papsttum. Gegensätze oder fruchtbare Ergänzung? Befunde aus dem Mittelalter“, titelte Klaus Herbers von der Universität Erlangen-Nürnberg seinen Festvortrag. 1148 habe der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux an seinen Mitbruder Papst Eugen III. (1145–1153) kritisch vorgebracht: Hier die hektische – keine Zeit zur Meditation lassende – Kurie in Rom, dort das Idealbild eines in sich ruhenden monastischen Lebens. „Aber waren Kurie und Kloster so gegensätzlich?“, stellte Herbers als berechtigte Anfrage, „wer kannte schon den richtigen Weg, um die Botschaft Jesu Christi weiterzutragen? Inwieweit befruchteten sich monastische und päpstliche Welten?“ Wenn das im deutschsprachigen Raum älteste noch bestehende Kloster – der Tagungsort – das Patrozinium des heiligen Petrus trage, dazu die gekreuzten Schlüssel im Wappen, dann sage dies etwas darüber aus, wie möglicherweise die Rombindung dieser Abtei zu bewerten sei.

Standen monastische und päpstliche Welten im Mittelalter für zwei gegensätzliche Formen der Religiosität? Ein Blick auf die Vielzahl der damaligen Schriften gebe Antworten – der Liber pontificalis als historiographisches Modell oder als Objekt gelehrten Kommentars, die monastische Gemeinschaft als Modell für die Kirchengemeinschaft in Gregor des Großen Regula pastoralis oder die Güterverwaltung als Modell für den Aufbau einer päpstlichen Kammer, die Möglichkeiten der Urkundengestaltung durch Benediktiner im päpstlichen Umfeld, das Wirken von Männern im Ordenskleid des heiligen Benedikt als Legaten des Papstes in der Kirchen- und Reformpolitik. Aus Herbers Sicht baut Bernhard von Clairvaux in seiner Schrift De consideratione eine überzogene Opposition auf, denn das kontemplative Kloster auf der einen und die hektische, atemlose Kurie auf der anderen Seite würden den Blick dafür verstellen, wie unterschiedlich es an der Kurie, aber auch in Klöstern zugehen konnte. Von daher gelte eher: Die Traditionen von Papsttum und monastischem Leben schließen sich nicht aus, sondern sind verschiedene Zugangsweisen und dienen vielmehr einer gegenseitigen hochbedeutsamen Befruchtung.

Wenn auch die Anzahl der Vorträge grenzwertig war – 17 Referate wurden gehalten –, so waren sie doch von unbestritten hoher Qualität und vermochten auf viele Fragen fundierte Antworten zu geben. Überzeugend war das breite Spektrum, das die Vorträge den Teilnehmern der Salzburger Tagung boten: die Darstellung der benediktinischen oder dem benediktinischen Ideal verpflichteten Päpste und Gegenpäpste, ihr Bewusstsein und Vermögen, Ordensspiritualität und päpstliches Amtsverständnis in eine sinnvolle und tragende Beziehung zu setzen, ihr Wirken und Nachwirken in der Kirchengeschichte und der allgemeinen Historie. In großer Sachlichkeit und stets themenbezogen verliefen die Diskussionen, die sich den dreißigminütigen, manchmal aber auch weit darüber hinaus ausgedehnten Vorträgen anschlossen. Auf den hoffentlich bald erscheinenden Tagungsband darf man sich zu Recht freuen.

In seinen Schlusswort zu dem akademischen Treffen an der Salzach merkte Dieter Weiß (Universität München) an: „Benediktiner als Päpste – Benediktiner und Päpste – mit dem Tagungsthema sind die beiden wohl ältesten und bis heute blühenden Institutionen der Kirche angesprochen.“ Weiß betonte, dass Papst Gregor XVI. zwar der bislang letzte Mönch auf dem Stuhle Petri, nicht aber Träger des an Benedikt von Nursia erinnernden Namens Benedikt gewesen sei. Während des Ersten Weltkriegs sei Giacomo della Chiesa als Benedikt XV. (1914–1922) auf den Papstthron berufen worden. Und schließlich hätte Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. (2005–2013) nicht nur aus Wertschätzung für diesen Friedenspapst, sondern auch aus Verehrung für den Patron Europas Benedikt dessen Namen angenommen.

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