Im Geist der Gotteskindschaft

Scott Hahns autobiografische Aufzeichnungen machen Lust auf die Lektüre der Schriften des heiligen Josemaría Escrivá. Von Clemens Schlip
Foto: KNA | Geistlicher Vater für viele Christen wie Scott Hahn: der heilige Josemaría Escrivá. Die undatierte Aufnahme zeigt ihn mit Studentinnen.
Foto: KNA | Geistlicher Vater für viele Christen wie Scott Hahn: der heilige Josemaría Escrivá. Die undatierte Aufnahme zeigt ihn mit Studentinnen.

Er ist wohl einer der meistgelesenen geistlichen Autoren unserer Tage. Der 1986 zur katholischen Kirche konvertierte vormalige presbyterianische Pastor Scott Hahn (seit 1990 Bibelwissenschaftler an der Franziskanischen Universität Steubenville in Ohio) hat sich durch sein umfangreiche schriftstellerische Produktion einen Namen als Verteidiger und Erläuterer des katholischen Glaubens gemacht. Auch einem weiteren deutschsprachigen Publikum ist er bekannt geworden durch angenehm zu lesende Bücher wie seine Messerklärung „Das Mahl des Lammes“ oder den Rechenschaftsbericht über seine Konversion „Unser Weg nach Rom“. Beschäftigte sich „Unser Weg nach Rom“ mit der katholischen Kirche in ihrer Gesamtheit, steht in dem 2006 erstveröffentlichten und nun auch auf Deutsch erschienenen Titel „Gewöhnlicher Alltag, außergewöhnliche Gnade“ jene geistliche Gemeinschaft im Mittelpunkt, die zur Konversion Hahns entscheidend beitrug und der er seitdem angehört: das Opus Dei. „Mein geistlicher Weg ins Opus Dei“ ist der Untertitel des kleinen Buches, das im Kölner Adamas-Verlag erscheint.

Der Untertitel weckt Erwartungen auf eine spirituelle Autobiografie; diese werden jedoch enttäuscht. Die Passagen, in denen Hahn seinen persönlichen Weg ins Opus Dei schildert – der sich persönlichen Begegnungen mit Mitgliedern des Werks noch vor seiner Konversion verdankte –, sind im Ganzen nicht sehr umfangreich. Insgesamt ist das Buch eher ein populär geschriebener Traktat über Lehre und Spiritualität der Personalprälatur, aufgelockert durch einige autobiografische Streiflichter. Diese Traktat-Funktion erfüllt das Buch sehr gut; wer sich über das Werk in vertrauenswürdiger Weise informieren lassen möchte (gerade auch an eine Erstinformation ist hier gedacht), ist mit dieser ganz und gar unkompliziert geschriebenen Darstellung gut bedient.

Ein roter Faden, der Struktur in Hahns Ausführungen bringt, sind dabei die Schriften und schriftlich festgehaltenen Äußerungen des Gründers des Opus Dei, des heiligen Josemaría Escrivá. Seine beeindruckende Gestalt tritt auf vielen Seiten des Buches in Erscheinung. An einigen Stellen weist Hahn verbreitete Vorurteile gegenüber dem Werk zurück; so in wunderbar humoristischer Weise den Vorwurf des „Elitismus“. Oder er beugt Missdeutungen vor, wie etwa angesichts der Worte des heiligen Josemaría Escrivá über den Schmerz („Gesegnet sei der Schmerz“, „Geliebt sei der Schmerz“ etcetera): „Er sagt nicht etwas so Belangloses wie „Schmerz ist gut“. Vielmehr sagt er, dass wir durch den Schmerz ein großes Gut in unserem Leben erlangen können – ja mehr noch, Gott kann große Heiligkeit bewirken.“ Eine Apologie im eigentlichen Sinne stellt das Buch jedoch nicht dar. Es wirkt weniger durch die Abweisung des Negativen, sondern durch die Darstellung des Positiven.

Und positive spirituelle Reichtümer des Opus Dei hat Hahn viele vorzustellen: Das am Vorbild der Urchristen orientierte „Apostolat der Freundschaft“ etwa. Oder den „dritten Weg“ zwischen Säkularismus und Klerikalismus, den der heilige Josemaría Escrivá – geprägt vom blutigen Aufeinanderprallen des Antiklerikalismus und des übertriebenen Klerikalismus im Spanien seiner Tage – zum Programm erhob. Nicht unerwähnt bleibt natürlich Escrivás Grundgedanke von der Heiligung der Arbeit, des Alltags und aller Lebensbereiche durch ihre Aufopferung an Gott. Wertvolle Impulse für den eigenen Alltag können die Ausführungen über „Katholische Arbeitsethik“ und „Anbetung und Alltag“ geben; man erfährt, dass es einen „heiligen Ehrgeiz“ gibt, der uns auch bei kleinen und kleinsten Aufgaben beseelen kann. Denn „auch die kleinsten Aufgaben können unendlichen Wert gewinnen, wenn wir sie Gott schenken, wenn wir sie als Arbeit Gottes anführen“. Und aus dem Munde des heiligen Josemaría Escrivá selbst erfährt man, was das „Geheimnis“, das „geistliche Fundament“ des Opus Dei ist: die Gotteskindschaft; ein Begriff, zu dem der Bibelwissenschaftler Hahn Wichtiges zu sagen weiß.

Die in einem Anhang angefügte Abhandlung über den Gebrauch der Heiligen Schrift in den Schriften des heiligen Josemaría Escrivá war schon an anderer Stelle veröffentlicht worden. Sie fügt sich dennoch gut in das Buch, gewährt sie dem Leser doch einen faszinierenden Einblick in die theologische Methode des Opus Dei-Gründers und zeigt den Heiligen als einen im wahrsten Sinne des Wortes begnadeten Exegeten der Heiligen Schrift. Ein weiterer kurzer Anhang bietet Gebetstexte, die den Schriften Escrivás entnommen sind.

Wer sich mit dem Geist und der Spiritualität des Opus Dei bekannt machen will, dem kann Hahns Buch empfohlen werden. Ein Buch, das auch nachdrücklich verdeutlicht, welchen Segen das Wirken und das Werk des heiligen Josemaría Escrivá für die Kirche unserer Zeit noch immer bedeuten. Man tut Hahn wohl kein Unrecht, wenn man sein Buch auch als „Protreptikos“ versteht; als „Aufforderung“ an den Leser, sich mit dem Leben und den hinterlassenen Schriften des Heiligen selbst zu befassen.

Scott Hahn, Gewöhnlicher Alltag, außergewöhnliche Gnade. Mein geistlicher Weg ins Opus Dei, Adamas Verlag, Köln 2012, 175 Seiten, EUR 17,90

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