Im Fokus: Die Augustinus-Rezeption

Die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt widmet der Wirkungsgeschichte des lateinischen Kirchenvaters eine Ausstellung

Eichstätt (DT) Das Fortleben des heiligen Augustinus (354–430) in der abendländischen Geistesgeschichte war Thema einer großen Abendveranstaltung, die in der vergangenen Woche mehr als 120 interessierte Besucher aus nah und fern in die Bibliothek der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) gelockt hat. Dort wurde in feierlichem Rahmen die Ausstellung „Augustinus – ein Lehrer des Abendlandes“ eröffnet und ein zweibändiges Sammelwerk zur Rezeptionsgeschichte des Kirchenvaters präsentiert, das vom Eichstätter Ordinarius für Philosophische Grundfragen der Theologie, Norbert Fischer, herausgegeben wird.

Dreißig Einzelbeiträge über ausgewählte Stationen

„Augustinus – Spuren und Spiegelungen seines Denkens“ (Bd. 1: Von den Anfängen bis zur Reformation; Bd. 2: Von Descartes bis in die Gegenwart), erschienen im Verlag Felix Meiner, geht auf ein Symposion zurück, das Professor Fischer Anfang 2008 in Koooperation mit der Akademie des Bistums Mainz durchführte. Das Sammelwerk beleuchtet in dreißig Einzelbeiträgen ausgewählte Stationen der Wirkungsgeschichte Augustins, angefangen von dessen Schüler und Biographen Possidius bis hin zu Papst Benedikt XVI. Im Zusammenhang mit diesem Projekt entstand die Idee zu einer Ausstellung, die von Constance Dittrich konzipiert wurde und neben Handschriften, alten Drucken und Grafiken aus Eichstätter Bibliotheksbeständen auch einschlägige Exponate anderer Institutionen präsentiert, darunter die 1990 entdeckten „Sermones Dolbeau“ aus Mainz sowie Briefe von Rilke und Heidegger aus dem Deutschen Literatur-Archiv in Marbach; außerdem eine aktuelle, von Professor Fischer aufgenommene Fotographie des ältesten Augustinus-Bildnisses im Lateran.

Bischof Gregor Maria Hanke, Magnus Cancellarius der KU, gab in einem Grußwort seiner Freude Ausdruck, dass Eichstätter Forschungsleistungen zum heiligen Augustinus großes, auch internationales Echo finden – dies werde der kleinen Universität weiter Auftrieb geben. Auch der Senatsvorsitzende Konstantin Maier, der den Dank der Hochschulleitung überbrachte, stellte die Augustinus-Projekte Fischers als „Markenzeichen für die KU im positiven Sinne“ heraus.

Den Hauptvortrag hielt die auf dem Gebiet der Augustinus-Rezeption führende Forscherin Professor Karla Pollmann, Leiterin des Projekts „After Augustine“ an der St. Andrews University (Schottland). Ihr Referat „In ecclesia praesens – Zur Augustinus-Rezeption im 5. und 6. Jahrhundert“ knüpfte an eine Bemerkung des Possidius an: Für die Gläubigen lebe Augustinus in seinen Schriften weiter, heißt es in der Vita Augustini, doch den besten Eindruck von seiner Persönlichkeit hätten diejenigen erhalten, „die ihn als Prediger in der Kirche anwesend sehen und hören“ und im persönlichen Umgang mit Menschen erleben konnten. Pollmann konstatierte, dass es im Zuge der Rezeption in der Tat zur Verdeckung bzw. Umformung augustinischer Absicht durch anders geartete Interessen späterer Generationen gekommen sei. Augustinus sei sich freilich schon früh der Wirkung seines Werkes auf die Leser bewusst gewesen und habe diese Wirkung mit unterschiedlichen Mitteln zu kontrollieren versucht. So verdankten sich diesem Bestreben die gegen Ende seines Lebens abgefassten „Retractationes“, die Pollmann als „eine Art origineller Selbstrezeption“ charakterisierte: Augustin unternimmt hier in chronologischer Folge eine kritische Durchsicht seiner Werke und demonstriert, wie er beim Schreiben Fortschritte gemacht hat, stilisiert sich also selbst als Lernenden.

Am Beispiel des Umgangs mit seinem Kommentarwerk „De Genesi ad litteram“ demonstrierte die Referentin, wie sich Augustins Präsenz in den ersten beiden Jahrhunderten nach seinem Tod mehr und mehr verdichtete und so die Weichen für seine spätere beispiellose Nachwirkung gestellt wurden.

Würzburg, bedeutender Standort der Augustinusforschung

Über die „Grundlagen der Augustinus-Forschung“ referierte anschließend Professor Cornelius Mayer, der Wissenschaftliche Leiter des Zentrums für Augustinus-Forschung (ZAF) an der Universität Würzburg. Mayer stellte den Text Augustins als „die“ Grundlage der Augustinus-Forschung in den Mittelpunkt. Mit dem „Corpus Augustinianum Gissense“ (CAG 2), der elektronischen Werkedition, sei das OEuvre Augustins der Forschung auf Basis der jeweils besten kritischen Edition seit einigen Jahren allgemein bequem zugänglich. Ein weltweit geschätztes Standardwerk sei weiterhin das auf 1 200 Lemmata konzipierte „Augustinus-Lexikon“, das ebenso wie das CAG 2 von Mayer herausgegeben wird. Schließlich ermögliche die (unter www.augustinus.de auch online abrufbare) „Datenbank der Augustinus-Sekundärliteratur“, die auf mehr als 50 000 Titel geschätzte Forschungsliteratur zu Person und Werk Augustins zu erschließen.

Mit „Augustinus in Eichstätter Bibliotheken“ befasste sich der Vortrag von Professor Erich Naab von der Theologischen Fakultät der KU. Naab ging auf das immense Corpus an Schriften ein, die nach Augustins Tod in einer kaum zu überblickenden Zahl unter seinem Namen erschienen und eine Unterscheidung zwischen dem ,historischen‘ und dem ,virtuellen Autor‘ Augustinus erfordern. Der Blick in die Eichstätter Bestände zeige, dass der virtuelle Autor hier präsenter ist als der historische; zudem lasse der Umgang mit Augustinus auf ein stärker seelsorgerlich-spirituell als ein theoretisch-spekulativ ausgerichtetes Interesse schließen.

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