Im Dialog die Mauern niederreißen

Auftakt zur Deutschlandreise: Die Präsidentin der Fokolar-Bewegung Maria Voce zu Gast in Berlin. Von Claudia Kock
Foto: Claudia Kock | Maria Voce.
Foto: Claudia Kock | Maria Voce.

Berlin (DT) Gut vier Wochen besucht Maria Voce Deutschland: 75 Jahre, von kleiner Statur, mit einem strahlenden Lächeln „che spacca le pietre“, das Steine zerschlägt, wie man in ihrem Heimatland Italien sagt. Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolar-Bewegung, zu deren Präsidentin Maria Voce 2008 gewählt wurde, gab ihr den Namen „Emmaus“, in Anlehnung an die Jünger, die auf dem Weg nach Emmaus dem Auferstandenen begegnet sind.

Zum Auftakt ihres Deutschland-Besuchs hielt Maria Voce am Freitag in der Katholischen Akademie in Berlin einen Vortrag über den „Dialog als Weg zu einer geschwisterlichen Gesellschaft“.

Unter den etwa 300 Zuhörern befanden sich viele Angehörige der Fokolar-Bewegung sowie der Apostolische Nuntius Jean-Claude Périsset, der emeritierte Weihbischof Wolfgang Weider, die Botschafterin der Demokratischen Republik Kongo, Clementina Shakembo Kamanga, und die Vorsitzende des Internationalen Konvents Christlicher Gemeinden in Berlin, Sona Eypper.

„Berlin ist eine Stadt, in der die Wunden der Geschichte sichtbar sind“, sagte Maria Voce. „Hier wurden Mauern niedergerissen und Sie bieten diese Wunden sozusagen an und laden ein, auch an den Früchten teilzuhaben.“ Berlin könne „ein Symbol sein für die Menschheit: Es gibt keine von Menschen gebauten Mauern, die nicht auch fallen können. Es gibt noch viele Mauern, die die Menschen trennen: konkrete Mauern – denken wir an Jerusalem –, aber auch die Mauern des Kapitalismus, des Materialismus, all dieser Ismen. Das sind alles Mauern, die die Menschen aufgebaut haben. Und die sind entstanden aufgrund der Angst, aus dem falschen Bedürfnis heraus, sich zu verteidigen. Aber vor wem? Vor anderen Menschen? Statt sich vor Brüdern und Schwestern zu verteidigen, müssen wir den Mut zeigen, die Mauern zu durchbrechen und auf unsere Geschwister zuzugehen.“

In der heutigen Welt seien zwei Herausforderungen besonders deutlich sichtbar: die Bedrohung des Friedens und das Streben von Menschen und Völkern nach der Behauptung der eigenen Identität. Überall gäbe Konfliktherde, verschärft durch die Finanzkrise und Hungersnöte. Armut würde oft ausgenutzt, um Menschen für den Terrorismus anzuwerben. In Europa träfen zunehmende Migrationsströme auf zurückgehende Geburtenraten, was oft dazu führe, dass die Begegnung zwischen den Kulturen nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung betrachtet werde. „Auch wenn wir die Welt gerne als globales Dorf bezeichnen, ist die Lebenswirklichkeit oft geprägt von Misstrauen, Spannungen und Angst.“ Vor diesem Hintergrund sei „die Menschheit aufgerufen, neue Strategien und ein verstärktes Engagement zu entwickeln, um friedliche Beziehungen aufzubauen und die Grundlage für eine echte universelle Geschwisterlichkeit zu schaffen“. Genau hier läge die Aufgabe der Fokolar-Bewegung: „Uns wird immer klarer, dass den Intuitionen von Chiara Lubich gerade in diesem Zusammenhang eine große Bedeutung zukommt und dass wir mit unserer Erfahrung im Dialog auf manche Fragestellung eine – vielleicht ansatzhafte, aber doch konkrete – Antwort anzubieten haben.“

Weiter sagte sie: „Chiara hat uns immer angehalten, Gott als Vater aller Menschen anzusehen und folglich jeden Menschen, dem wir begegnen, als seinen Sohn oder seine Tochter zu betrachten, also als unseren Bruder oder unsere Schwester.“ Und „wenn das die Grundlage für den Dialog ist, dann kann die Methode des Dialogs, wie ihn Chiara uns nahegebracht hat, nur die Liebe sein! Es geht um einen Dialog unter Geschwistern, das heißt um einen Dialog zwischen Personen und nicht zwischen Ideologien oder Gedankengebäuden.“ Man müsse offen und positiv auf den anderen zugehen: „Der Nächste – sagt Chiara – ist geschaffen als Geschenk für mich; ich bin geschaffen als Geschenk für ihn.“ Wichtig sei in diesem Zusammenhang die gemeinsame Suche aller Menschen nach Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit: „Die von Chiara angestrebte universelle Geschwisterlichkeit beschränkt sich nicht nur auf den Bereich der Religion, sondern sie vermag auch der Wirtschaft, der Politik, der Philosophie, der Kunst, dem Sport, der Pädagogik, dem Rechtswesen, der Medienwelt Impulse zu geben.“ Maria Voce zitierte Benedikt XVI., der 2010 bei einer Begegnung mit Vertretern aus der Welt der Kultur gesagt hatte: „Angesichts der kulturellen Verschiedenheit muss dafür gesorgt werden, dass die Menschen nicht nur die Existenz der Kultur der anderen akzeptieren, sondern auch danach trachten, sich von ihr bereichern zu lassen sowie umgekehrt ihr das anzubieten, was sie selbst an Gutem, Wahrem und Schönem besitzen.“ Abschließend sagte Maria Voce: „Wir möchten alles in unserer Macht Stehende tun, damit der Lebensstil und die Botschaft, die Chiara Lubich uns hinterlassen hat, Frucht bringen und neue Räume der Geschwisterlichkeit entstehen – in Deutschland und überall auf der Welt, zum Wohl der ganzen Menschheit.“

Auf den Vortrag folgte ein lebhafter Dialog mit den Gästen im Auditorium, die viele Fragen an die Präsidentin der Fokolar-Bewegung herantrugen. So wollte ein türkischstämmiger Berliner Muslim wissen, wie sie mit Menschen umgehe, die Dialog grundsätzlich ablehnten. Antwort: „Menschen können gegen den Dialog sein. Aber kein Mensch hat etwas dagegen, geliebt zu werden. Deswegen ist die Basis des Dialogs immer die Liebe zu den Menschen. Wir spüren, dass es unsere Aufgabe ist, die Liebe Gottes dem anderen weiterzugeben.“ Einen Blogger, der nach der Möglichkeit eines Dialogs im Internet fragte, wies sie darauf hin, dass die sozialen Kommunikationsmittel sehr hilfreich seien, „wenn diese Kontakte dazu dienen, Menschen in Beziehung zu bringen, und man nicht erwartet, dass diese virtuelle Welt die wirkliche Welt ist“. Eine junge Frau von der Elfenbeinküste wollte wissen, wie sich nach einem Krieg der Dialog wiederherstellen lasse, und Maria Voce führte das Beispiel eines syrischen Arztes an, der ständig zwischen den Fronten in seinem Land hin- und herreise, um Menschen auf beiden Seiten medizinisch zu versorgen. „Der Dialog ist nicht immer ein einfacher Weg. Manchmal muss man sein Leben einsetzen. Man muss den ersten Schritt tun, um Brücken zu bauen, und dann auch den Mut haben, sich auf diese Brücken zu begeben.“

Weitere Etappen für Maria Voce sind Leipzig und Erfurt, Aachen und Freiburg. Nicht zufällig begann ihr Besuch in Berlin, „dieser so geschichtsträchtigen Stadt, die fast als Symbol dafür steht, dass alle Mauern und Grenzen überwindbar sind.“

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