Im Blickpunkt: Ein Gerücht und seine Widerlegung

Lange Wochen hatte sich in Rom das Gerücht gehalten, Papst Franziskus wolle die vor fünfzig Jahren veröffentlichte Enzyklika „Humanae vitae“ entschärfen, das heißt die dort ausgesprochene Ablehnung der künstlichen Empfängnisverhütung aufweichen. Alarmiert war man etwa von einer Tagung in der Päpstlichen Universität Gregoriana, bei der unter anderem der italienische Theologe Maurizio Chiodi für eine Freigabe der Pille auch für katholische Gläubige warb. Dann erfuhr man von einer Studiengruppe, die die Entstehungsgeschichte von „Humanae vitae“ anhand von bisher nicht veröffentlichten Dokumenten aus dem Vatikanarchiv aufarbeiten sollte. Leiter der Studiengruppe wurde Gilfredo Marengo, Dozent für theologische Anthropologie am vom Papst neu ausgerichteten Familien-Institut an der Lateran-Universität, und auch der Theologe Pierangelo Sequeri gehörte dazu, den Franziskus zum neuen Präsidenten des Familien-Instituts ernannt hatte. Am 8. März dieses Jahres vermutete „Avvenire“, die Zeitung der italienischen Bischöfe, dass von der Studiengruppe Marengos „überraschende Ergebnisse“ zu erwarten seien, was den zukünftigen Stellenwert von „Humanae vitae“ angehe. Hinter der Aktion sollten, so hieß es in streng konservativen Kreisen, Erzbischof Vincenzo Paglia, Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben und Großkanzler des römischen Familien-Instituts, und Kardinal Walter Kasper stecken – und natürlich Franziskus selber. Doch es sollte anders kommen.

Die erste Überraschung war, dass ausgerechnet Pierangelo Sequeri bei einem Vortrag auf einer Tagung der Katholischen Universität Mailand bekräftigte, dass die Unfruchtbarmachung des ehelichen Akts nicht zu rechtfertigen sei, und dabei ein Loblied auf „Humanae vitae“ sang. Und nun liegen auch die Ergebnisse der Studiengruppe in Buchform vor, auf Italienisch herausgegeben von Gilberto Marengo, mit dem – frei übersetzten – Titel „Die Geburt einer Enzyklika. Humanae vitae im Licht der vatikanischen Archive“. Und siehe da: Nicht nur, dass Marengo nicht den geringsten Hinweis darauf gibt, dass die konsultierten und in dem Buch zum ersten Mal veröffentlichten Dokumente irgendeine Neuinterpretation der Enzyklika Pauls VI. zulassen würden, er räumt auch mit einigen Mythen auf, die den Kritikern von „Humanae vitae“ bisher lieb und teuer waren. So mit der Einschätzung, dass das Verbot der Pille eine einsame Entscheidung des im Grunde unschlüssigen Montini-Papstes gewesen sei. Das Gegenteil ist der Fall. Paul VI. hat etwa die zweihundert Teilnehmer der ersten römischen Bischofssynode des Jahres 1967 um ein Urteil über die Haltung der Kirche zur künstlichen Empfängnisverhütung gebeten, 26 der Synodenväter haben geantwortet. In dem Buch kann man die Argumente der Befürworter der Zulassung der Pille lesen – etwa der Kardinäle Julius Döpfner und Léon-Joseph Suenens – und die der Gegner der Freigabe – etwa die Kardinäle Karol Wojtyla und Fulton Sheen, der 1969 Erzbischof von New York wurde.

Das Buch zeichnet auch nach, dass Paul VI. die von der Glaubenskongregation vorbereitete und auf Latein bereits gedruckte Vorläufer-Enzyklika „De nascendae prolis“ auf den Rat seiner Mitarbeiter hin wieder einstampfen ließ und dann erst mit „Humanae vitae“ eine Enzyklika erarbeiten ließ, die in Stil und Inhalt weniger moralistisch klang. In der Sache aber blieb Paul VI. klar. Einen Grund, die Entscheidung der Papstes von damals neu zu bewerten, liefert die Veröffentlichung Marengos auf jeden Fall nicht.

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