Im Blickpunkt: Die Botschaft der Märtyrer

Angesichts der öffentlichen Missverständnisse um das Wesen des Martyriums ist das Zeugnis authentischer Märtyrer ein Dienst. Von Regina Einig

Im westalgerischen Oran werden am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria neunzehn algerische Märtyrer seliggesprochen, darunter die sieben von Terroristen entführten französischen Trappisten von Tibhirine. Die Verfilmung ihres Schicksals „Von Menschen und Göttern“ machte das Schicksal der unter nie vollständig geklärten Umständen Enthaupteten bekannt. Es ist nicht allein die verhältnismäßig kurze Zeitspanne zwischen ihrer Ermordung im Jahr 1996 und ihrer Erhebung zur Ehre der Altäre, die diese Seligsprechung zu einer der bemerkenswertesten des gegenwärtigen Pontifikats macht. Die neuen Seligen haben in wenigen Jahren in Frankreich eine Volkstümlichkeit erreicht, die für kontemplativ lebende Ordensleute außergewöhnlich und eher typisch ist für apostolisch tätige Schwestern und Brüder. Ohne dass der Trappistenorden die Verehrung der sieben Märtyrer auffallend engagiert betrieben hätte, sind sie Leitsterne geworden: Die Schriften des Priors des Klosters Notre Dame de l'Atlas, Dom Christian de Chergé liegen inzwischen in Übersetzungen in mehrere Weltsprachen vor; sein geistliches Testament gehört zu den wichtigsten Zeugnissen des christlich-islamischen Dialogs. Welchen Vorbildcharakter die sieben Trappisten insbesondere für Priester in Frankreich haben, zeigt das Lebenszeugnis des 2016 von Islamisten ermordeten Geistlichen Jacques Hamel, der sich vor seinem Tod mit dem Martyrium der Mönche auseinandergesetzt hatte. Im Ausharren unter widrigen Umständen und dem friedlichen christlichen Zeugnis angesichts eines zunehmend aggressiv-muslimischen Umfelds liegt der Identifikationswert der neuen Seligen.

Die Lebensform der Trappisten mag auch gläubigen Katholiken heute fremd erscheinen. Doch die entscheidende Frage der sieben Mönche, wie das eigene Glaubenszeugnis auch für Muslime im Land zur Leuchtspur werden kann, stellt sich in mehr oder weniger akuter Form immer mehr Menschen unserer Zeit. In Frankreich, wo der sonntägliche Kirchgang in ein von schwer bewaffneten Soldaten bewachtes Gotteshaus selbst in der Provinz keine triste Ausnahme mehr darstellt, liegt das auf der Hand.

Der Vatikan setzt mit der Seligsprechung auch ein Korrektiv zu einer falschen Bescheidenheit in Ordenskreisen. Seligsprechungen werden mitunter mit der Begründung abgelehnt, es passe nicht zur eigenen Spiritualität, sich in den Vordergrund zu stellen. Mitunter wirkt soviel Demut etwas aufgesetzt: Schließlich sind Ordensobere nicht die Eigentümer der Brüder und Schwestern und deren Biografien. Weitaus häufiger dürfte die Beflissenheit gegenüber den Ansprüchen der politischen Korrektheit und vorauseilender Gehorsam gegenüber jenen, die keine Erinnerung an christliche Märtyrer wünschen, eine Rolle spielen. Angesichts der öffentlichen Missverständnisse um das Wesen des Martyriums ist das Zeugnis authentischer Märtyrer allerdings kein Akt der Selbstdarstellung, sondern ein Dienst. Die zahllosen Terroranschläge islamistischer Fanatiker verstellen in einer säkularisierten Gesellschaft den Blick auf das, was Martyrium eigentlich bedeutet. Insofern stellt die katholische Kirche mit der Seligsprechung der neunzehn algerischen Glaubenszeugen auch für die Muslime guten Willens ein Licht auf den Scheffel.

Das Fest hat durchaus Stellvertretungswert: Angesichts der weltweiten Christenverfolgung ist es schlicht unmöglich, aller Märtyrer persönlich zu gedenken. Doch die im Westen verbreitete Gleichgültigkeit angesichts der Leiden der Christen in muslimisch dominierten Ländern schadet nicht nur den Christen, sondern auch Muslimen. Die Präsenz der Mönche im Atlasgebirge war auch ein Segen für Muslime, die dort Hilfe erhielten. Wo Extremisten Christen ermorden, werden alle Religionen bestraft – daran erinnert das bis heute weitgehend verwaiste Kloster der neuen Seligen.

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