„Ich schleiche mich nicht aus meiner Verantwortung“

Ein Gespräch mit dem designierten Erzbischof von Berlin Heiner Koch. Von Regina Einig
Foto: KNA | Bischof Heiner Koch in der neuen Propsteikirche in Leipzig.
Foto: KNA | Bischof Heiner Koch in der neuen Propsteikirche in Leipzig.
Exzellenz, vor wenigen Wochen haben Sie in Leipzig die Trinitatiskirche eingeweiht. Ist das Bistum Dresden-Meißen in Ihrer Amtszeit christlicher geworden?

Ich hoffe, dass unser Bistum durch jeden Christen jeden Tag ein wenig christlicher wird, wenn jede und jeder ein wenig mehr versucht, so zu leben, wie es Gott gefällt. Bei mir persönlich habe ich allerdings den Eindruck, dass es manchmal einen Schritt vor und zwei zurück geht. Aber eins muss uns klar sein: wir werden als Christen und als Kirche nur wachsen, wenn wir teilen, wenn wir, vor allem, unseren Glauben und unsere Liebe teilen. In unserer Gesellschaft gilt oftmals die Maxime: Du wirst stärker und reicher, je mehr du für dich sammelst. Für alles Große im menschlichen Leben und erst recht für den christlichen Glauben aber gilt: Er wächst nur, wenn wir ihn schenken. Deshalb versuchen wir im Erkundungsprozess im Bistum Dresden-Meißen auch die geistliche Frage in den Mittelpunkt zu stellen: Wozu hat uns Gott berufen, wozu braucht er uns? Dem schließt sich die pastorale Frage an: Wie können wir das Evangelium den Menschen in unserer Gesellschaft heute in Taten und Worten nahe bringen. Alle strukturellen und finanziellen Konsequenzen sind dann zwar wichtig und unabdingbar, aber drittrangig.

Welche Erfahrung in puncto Neuevangelisierung betrachten Sie aus Ihrer Zeit als Bischof in Dresden-Meißen als die kostbarste?

Wir dürfen und brauchen uns nicht in ein kirchliches Schneckenhäuschen zurückziehen. Wir haben allen Grund, mutig und zum Dienst bereit uns in die Gesellschaft einzugeben. Es wird uns vor Gott nicht retten, wenn wir einen wunderbar theologisch und pastoral gepflegten binnenkirchlichen Schrebergarten ihm einst übergeben und die Menschen, zu denen wir gesandt sind, fanden keinen Eingang.

Im Bistum Dresden-Meißen stehen wir nicht vor der Herausforderung einer Neuevangelisierung, sondern vor der Aufgabe einer Erstevangelisierung vieler Menschen, die seit Generationen nicht oder kaum noch vom christlichen Glauben berührt sind. Ich bin überzeugt, dass der Weg einer wirklich verwurzelnden Evangelisierung wesentlich über die Stärkung und Integrierung der jungen Familien in die Kirche gehen wird. Evangelisierung heißt hier stark Familien-Evangelisierung, wobei zur Familie auch die alten Menschen gehören. Das sagt sich leicht, bringt aber auch viele Probleme mit sich: Wie zum Beispiel sich verhalten, wenn einer der Partner engagiert christlich lebt und diesen Glauben an seine Kinder weitergeben will, und der andere dezidiert gegen den Glauben steht und sich gegen eine „Indoktrination“ seiner Kinder wehrt.

Der Katholikentag in Leipzig verspricht ungewöhnlich viel Zündstoff: Das ZdK hat mit seiner Erklärung zu homosexuellen Partnerschaften Wallung in die Reihen der Bischöfe gebracht. Können Sie den Einspruch aus den Reihen der Mitbrüder nachvollziehen? Sind Sie erleichtert, dass Sie die Baustelle Katholikentag nicht mehr leiten müssen?

Der Gestaltung des 100. Katholikentags 2016 in Leipzig werde ich zunächst noch als Apostolischer Administrator und dann als Metropolit eng verbunden bleiben. Ich schleiche mich da nicht aus meiner Verantwortung. Zur Erklärung des ZdK, die deutlich mehr Themen als die homosexuellen Partnerschaften anspricht, hat Kardinal Marx sich ja klar geäußert. Die Diskussion zeigt, dass es noch einen deutlichen Klärungsbedarf gibt in den anstehenden theologischen, kirchlichen und menschlichen Grundfragen, die im Lebensfeld Ehe und Familie aufgerissen sind. Ich bin sicher, der Weg der innerkirchlichen Vergewisserung in diesen Fragen wird mit der Synode nicht beendet sein, er wird auch den Katholikentag 2016 prägen. Ich hoffe aber, dass es uns – gerade in Leipzig – gelingen wird, die christliche Botschaft von Ehe und Familie als eine frohe Botschaft in die Gesellschaft hinein zu vermitteln, die manche unserer Auseinandersetzungen überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann.

Seit vielen Jahren engagieren Sie sich für die Volksfrömmigkeit: Am 13. Juni sind Sie in Ihrer Heimatdiözese Köln bei den Knechtstedener Monatswallfahrten als Zelebrant und Festprediger. Was bedeutet Ihnen persönlich die Botschaft von Fatima?

Ich war am 13. Mai 2000 in Fatima mit Kardinal Meisner dabei, als Papst Johannes Paul II. Jacinta und Francisco Marto seliggesprochen hat. Ich habe gespürt, wie vielen Menschen, nicht nur den Kranken, Fatima heiliger Boden ist – Ort der tiefen Begegnung mit dem heiligen Gott. Für mich persönlich ist es von tragender Bedeutung, im Glauben zu wissen, dass wir als Einzelne und als Kirche nicht allein auf unserem Weg sind, dass Maria als Mutter Gottes und als unsere Schwester im Glauben, mit uns geht und für uns Fürbitte einlegt. Wir sind gut beschützt. An Fatima wird für mich deutlich: Himmel und Erde gehören zusammen und wir bestrafen uns selbst, wenn wir diese Wirklichkeiten voneinander trennen.

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