„Ich bin überall Priester“

Ein Gespräch mit Don Paul Préaux, dem Generalmoderator der Gemeinschaft St. Martin. Von Regina Einig
Don Paul Préaux leitet als Generalmoderator die Gemeinschaft St. Martin in Frankreich.
| Don Paul Préaux leitet als Generalmoderator die Gemeinschaft St. Martin in Frankreich.

Seit 2010 leitet Don Paul Préaux als Generalmoderator die Gemeinschaft St. Martin in Frankreich, eine Gemeinschaft päpstlichen Rechts. Die Mitglieder sind Weltpriester, die ihre missionarische Berufung in kleinen Gemeinschaften leben. Als Generalmoderator wählbar sind Priester der Gemeinschaft, die seit mehr als zehn Jahren Priester und seit mehr als fünf Jahren Mitglieder der Gemeinschaft sind. Das Mindestalter für diese Aufgabe beträgt 35 Jahre.

Don Paul, wie würden Sie Ihre Aufgabe als Generalmoderator beschreiben?

Ich arbeite mit dem Seminarrat zusammen, trage die Verantwortung für die Ausbildung der Kandidaten und lasse diese nach Rücksprache mit dem Gemeinschaftsrat und seinem Assistenten zu den Weihen zu. Wir sind für die Zukunftsperspektiven der Gemeinschaft verantwortlich und wollen das Charisma des Gründers lebendig erhalten. Als Generalmoderator halte ich Kontakt mit den Bischöfen und befasse mich mit Anfragen der Diözesen, die eine Niederlassung der Gemeinschaft in ihrem Bistum wünschen. Der Entscheidungsprozess nimmt einige Zeit in Anspruch. Die Gemeinschaft spricht vorab nicht nur mit dem Bischof, sondern auch mit dem Priester- und dem Pfarrgemeinderat. Die Gemeinschaft soll in der Kirche Einheit stiften, aber nicht spalten. Meine Rolle ist auch die eines Begleiters: Ich bin dafür verantwortlich, dass meine Mitbrüder menschlich und als Priester wachsen. Ich stehe auch ein für die Einheit und den brüderlichen Zusammenhalt der Gemeinschaft.

Wie teilen Sie Ihre Zeit ein?

Fünfzig Prozent meiner Zeit verbringe ich außerhalb des Seminars und besuche die Mitbrüder in den Pfarreien, um mir ihre Sorgen und Fragen anzuhören. Im Seminar habe ich einen Lehrauftrag und führe Einzelgespräche mit den Seminaristen, um ihnen zu helfen, ihre Berufung zu klären.

Was bedeutet es, dass die Gemeinschaft dem Vorbild des heiligen Martin verpflichtet ist?

Martin war Mönch – und für uns bedeutet das: tief in Christus verwurzelt zu sein und auf diese Weise auf unsere Umgebung auszustrahlen. Nach dem Vorbild Martins gründet unsere Gemeinschaft kleine Niederlassungen als Oasen spirituellen Lebens. Martin als Vorbild zu haben bedeutet auch, ein klares priesterliches Profil und eine starke missionarische Ausrichtung zu haben, sich allen Herausforderungen der Zeit zu stellen. Die Priester der Gemeinschaft St. Martin übernehmen Aufgaben in den Pfarreien und in der Kategorialseelsorge. Manche sind in der Jugendseelsorge tätig, andere in der Wissenschaft. Ich kann mir auch vorstellen, dass Mitbrüder in Zukunft als Gefängnis- oder Krankenhausseelsorger arbeiten.

Wie sieht das Leben der Priester in den Gemeinden aus?

In den Pfarreien pflegen die Priester der Gemeinschaft St. Martin gemeinsam das Stundengebet und feiern eine Gemeinschaftsmesse. Auch in der Arbeit soll nicht jeder einfach seiner Wege gehen: Von jeder Niederlassung in einer Pfarrei erwarte ich, dass sie mir zumindest ein gemeinsames Seelsorgeprojekt nennen. Jesus hat seine Jünger zu zweit ausgesandt, weil das Priestertum von Natur aus auf Gemeinschaft ausgerichtet ist.

Wie würden Sie jemandem, der Ihre Gemeinschaft nicht kennt, die Liturgie beschreiben?

Die Liturgie der Gemeinschaft ist von der lateinischen Tradition geprägt: Im Seminar wird der gregorianische Choral und Latein als Liturgiesprache gepflegt. Unsere Liturgie ist inklusiv, nicht exklusiv. Für die Landessprache sind wir grundsätzlich offen, wollen aber der lateinischen Tradition ihren gebührenden Platz geben. Der Gründer der Gemeinschaft, Abbé Guérin, war ein französischer Weltpriester, der Benediktineroblate der Abtei Fontgombault war. Bis heute tragen die Priester der Gemeinschaft St. Martin das weiße Chorhemd der Benediktiner.

Junge Gläubige begeistern sich heute wieder für die Tradition der Kirche. Wie bewerten Sie das?

In der Begeisterung junger Menschen für die Tradition kann eine Art Faszination für die Vergangenheit liegen, die nicht ungefährlich ist, weil sie am Wesentlichen vorbeigeht. Bei Jugendlichen, die innerlich nicht verwurzelt sind, besteht die Gefahr, einfach zurückzuschauen und aus Angst vor dem schnellen Lauf der Zeit auf die Vergangenheit zu schauen. Doch das reicht nicht. Man darf keine Angst haben, sowohl zu erben als auch an der Zukunft zu bauen. Das gehört beides zusammen. Die Tradition lebt. Man muss sich die Vergangenheit aneignen, um in der Gegenwart zu leben. Wir feiern im Allgemeinen keine tridentische Messe, Ausnahmen für einzelne Mitglieder sind denkbar.

Wo sehen Sie die Gefahren für die Kirche heute?

Im Gallikanismus sehe ich eine Gefahr für die Katholiken in Frankreich – sowohl bei Integristen als auch bei Progressisten, die die Kirche neu erfinden wollen. Die Kirche bei uns leidet unter dem Versuch, dass Laien infolge des Priestermangels versuchen, sich ohne Priester zu organisieren. Maß halten ist daher sehr wichtig. Ich empfinde überhaupt keinen Bruch mit der Vergangenheit der Kirche. Die Kraft des Christentums liegt nie im Gegeneinander-Ausspielen, sondern im Verbinden.

Wie würden Sie das Leitmotiv der Priesterausbildung der Gemeinschaft St. Martin beschreiben?

Leitmotiv der Ausbildung ist, dass die Kandidaten lernen, die Menschen so zu lieben, wie sie sind. Ein guter Priester ist ein Mann Gottes, der vom Geheimnis Christi durchdrungen ist und sein Leben ganz nach Christus ausrichten will. Wenn er das tut, wird er die Menschen lieben. Der Priester verzichtet auf etwas Großes: Ehe und Familie. Der Sinn dieses Verzichts ist, dass der Priester ein großer Liebender wird. Ich sage den Seminaristen: Wer nicht in Christus und seine Kirche verliebt ist, sollte gleich gehen. Andernfalls richtet er Schaden an. Zum Priestertum gehört auch eine geistliche Armut. Der Priester überlässt Christus den ersten Platz.

Wie finanziert sich die Gemeinschaft?

Von Spenden. Daran soll sich auch nichts ändern, falls wir uns zu einer Niederlassung in Deutschland entschließen. Meine Mitbrüder sollen arm bleiben.

Was bedeutet es heute, geistliche Berufe zu fördern?

Unsere Priester begleiten viele junge geistliche Berufungen in anderen Gemeinschaften und Klöstern. Wir haben keine Angst, junge Leute auf eine Berufung anzusprechen. Viele Priester wissen heute nicht, wie man junge Leute geistlich begleitet, aber eine Berufung braucht Begleitung. Und das ist die Aufgabe der Priester. „Wenn Du Dich auf Dein eigenes Urteil stützt, schirrst Du einen Esel an“, sagt der heilige Bernhard. Ich selbst treffe mich häufig mit meinem geistlichen Begleiter, einem Mönch von Solesmes. Jeder unserer Priester hat einen geistlichen Begleiter, denn ohne ihn ist ein Priester in Gefahr.

Frankreich erlebt politisch spannende Zeiten. Wieviel öffentliches Engagement halten Sie für vereinbar mit dem Lebensstil eines Priesters?

Ich lege Wert darauf, dass Priester ihren Platz kennen. Der Priester repräsentiert die Kirche, der Laie steht als Christ für sich selbst. Daher kann ein Priester nicht einer bestimmten politischen Partei angehören, denn die Kirche und das Evangelium lassen sich nicht auf eine bestimmte Politik reduzieren. Ich kann nicht meine Soutane ausziehen und wie alle anderen zu einer Demo gehen, denn ich bin überall Priester. Priester sollen Laien dabei helfen, sich zu engagieren. Eine Ausnahme ist die Lebensrechtsbewegung. An einer Demonstration für das Leben teilzunehmen ist mit dem Lebensstil des Priesters vereinbar.

Sie haben die „Famille Martinienne“ ins Leben gerufen. Was ist das?

Die Martinsfamilie besteht aus Laien, die unsere Priester geistlich und finanziell unterstützen. Man kann assoziiertes Mitglied werden, indem man einer Charta beitritt. Von Anfang an haben Laien, darunter viele Familienangehörige der Seminaristen, die Gemeinschaft St. Martin unterstützt. Neu ist die Institutionalisierung in der „Famille Martinienne“. Laien wirken auch in den verschiedenen Räten mit, beispielsweise im Wirtschaftsrat der Gemeinschaft und unterstützen uns durch Gebetspatenschaften für unsere Mitglieder.

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