„Ich bin nicht dafür, dass Frauen Priester werden“

Ein Gespräch mit Alina Petrowa-Wasilewicz, Präsidentin des Nationalen Rates der katholischen Laien in Polen

Warum braucht die katholische Kirche in Polen einen Rat für Laien?

Ich glaube, dass es in der Kirche wie in der Familie ist: Es ist gut, wenn alle miteinander reden, diskutieren und dabei bestimmte Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln darstellen. In Polen kommt dazu noch eine geschichtliche Besonderheit. Während des Kommunismus waren die Bischöfe und Priester eng mit bestimmten Laien verknüpft, denen sie vertrauen konnten. Es gab damals die Befürchtung, dass die Staatsicherheit weniger vertrauensvolle Leute in die Kirche einschmuggeln könnte, sei es als Fahrer, als Elektriker, als Lehrer. Dieser inoffizielle Kreis der katholischen Laien hat damals mitgeholfen, die Kirche zu schützen, vor Feinden zu bewahren. 1994 hat er sozusagen einen offiziellen Rahmen erhalten.

Joachim Kardinal Meisner hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken einmal dafür kritisiert, dass es sich als eine Art Untersuchungsausschuss verstehe, welches sich verantwortlich fühle, Lehraussagen der Bischöfe und des Papstes abzusegnen. Unterliegen Sie derartigen Versuchungen auch manchmal?

Nein, nein, nein. Es geht nicht darum, die Bischöfe oder den Papst zu kontrollieren, sondern mit ihnen zusammen dafür zu sorgen, dass es in der Gesellschaft radikale Christen gibt. Der Rat der katholischen Laien in Polen hat kein Autoritätsproblem. Im Gegenteil: Bei allem was man berät und überlegt werden sehr schnell die Bischöfe miteinbezogen. Und wenn sie mit unseren Initiativen einverstanden sind, lassen wir uns von ihnen segnen und packen es an. Ich finde das so in Ordnung.

Also gibt es in Polen keine kirchenkritischen Laien.

Es gibt eine geringe Prozentzahl von Katholiken, die mit der Lehre der Kirche nicht in allen Punkten übereinstimmen, insbesondere was die Sexuallehre angeht. Manche dieser Katholiken gehen sogar soweit, Abtreibung zu akzeptieren, was natürlich ein Skandal ist. Aber auch bei diesen gibt es kein Problem damit, die Autorität Roms anzuerkennen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Reformation in Polen nicht Fuß gefasst hat oder es hier sehr schnell eine Gegenreformation gab.

Mit welchen Themen treten Sie als katholische Laien an die Öffentlichkeit?

Wir haben in jüngster Zeit zwei Initiativen gestartet: Eine trägt den Titel „Tag der Ehe“, weil wir es wichtig finden, in der modernen Gesellschaft für dieses bedrohte Lebensmodell einzutreten, die andere Initiative lautet „Arbeitsfreier Sonntag für Frauen“, denn von der Ausweitung der Arbeitszeit in vielen Geschäften auf den Sonntag sind besonders Frauen, Mütter betroffen. Frauen, denen man die gemeinsame Zeit mit den Kindern raubt.

Wie eng ist bei solchen Aktionen Ihr Kontakt zu den Bischöfen?

Sehr eng. Ich habe die Handy-Nummern der Bischöfe immer gespeichert bei mir. Wenn ich zu Talk-Shows oder Interviews eingeladen werde, sage ich Dinge, die in voller Übereinstimmung stehen mit dem, was die Bischöfe vertreten und was die Kirche lehrt, etwa zum Thema In-vitro-Fertilisation.

Jetzt hat das Paulus-Jahr begonnen. Was erhoffen Sie sich persönlich von den zahlreichen Feierlichkeiten, die dazu allein in Polen stattfinden?

Nun ja, das größte Problem im polnischen Katholizismus ist das Problem des Katholizismus im Allgemeinen: Die Unkenntnis der Heiligen Schrift. Ich hoffe, dass das Paulus-Jahr wenigstens dazu führt, dass man seine Texte mehr liest, besser kennt. Dann wird man vielleicht auch bemerken, dass die sogenannte Globalisierung bereits in den Anfängen des Christentums mitschwingt. Der hl. Paul ist der ideale Apostel der Globalisierung.

Wie ist es eigentlich für Sie als Frau in der Kirche? Sollte es mehr Macht und Freiheit für Frauen in der Kirche geben?

Unbedingt! Es gibt so viele hervorragend ausgebildete Frauen unter den Katholiken, für deren Gaben in der Kirche kein Platz ist. Warum? Ich bin nicht dafür, dass Frauen Priester werden sollen. Das nicht! Ich denke aber, es sollte Frauen stärker als bisher möglich sein, ihre Gaben und Führungsfähigkeiten einzusetzen. Viele haben Diplome und Doktortitel, sind aber keine Entscheidungsträger. Dabei basiert die Kirche doch im Wesentlichen auf Frauen.

Machen Sie eines Tages Revolution?

Nein. Keine Revolution, aber etwas muss sich ändern. Es gibt auch in Polen immer weniger Ehen, immer weniger gute katholische Familien. Das hat Auswirkungen auf die Berufungen. Auch sie gehen zurück. Die Menschen sind in sich verschlossen. Es gibt keinen Opfergeist mehr. Wenn es diesen Geist nicht gibt, ist das Leben nicht wirklich christlich. Frauen haben ein Charisma der Erziehung, sie können aktiv mithelfen, dass in der Kirche und in der Gesellschaft Weisheit Einzug hält.

Der amerikanische Dramatiker T.S. Eliot hat Laien einmal davor gewarnt, sich zu sehr mit Theologie befassen. Dies führe automatisch zum Wahnsinn. Sind Sie ähnlich skeptisch?

Die Leute in Polen lesen hier nicht so viel Theologie wie vielleicht in Deutschland. Ich denke, für die Vertiefung des Glaubens ist theologische Lektüre auch unbedingt notwendig. Johannes Paul II. hat dies sehr schön in „Fides et Ratio“ aufgezeigt. Es ist wichtig, viel über Gott, über die Schönheit Gottes zu erfahren. Deshalb ist es gut, dass die Bücher von Benedikt XVI. auf so großes Interesse stoßen. Er schreibt aus dem Geist des Gebetes heraus, im Unterschied zu Hans Küng.

Glauben Sie, dass mit den neuen geistlichen Bewegungen, wie Johannes Paul II. hoffte, ein neues Pfingsten der Kirche anbricht oder befinden sich diese Bewegungen mittlerweile in der Sackgasse?

Es gibt viele Gruppen und Bewegungen in Polen. Karitative, geistliche, evangelistische, aber es gibt keine Integration, keinen großen Zusammenhalt unter diesen Gruppen. Das ist ein Problem. Vielleicht ein typisch polnisches. Dieser extreme Individualismus. Manchmal kommt es mir vor wie ein Kampf zwischen den christlichen Zivilisationen. Was eine sehr bedrohliche Entwicklung ist. Wir müssen radikal sein, aber zusammen. In Einheit.

Was wünschen Sie sich für das weitere Verhältnis zwischen Klerus und Laien?

Die Kirche muss insgesamt demütiger sein und nicht selbstzufrieden. Wenn die Kirche sich für schwach hält, dann ist sie näher bei Christus. All die Einrichtungen und Institutionen innerhalb der Kirche können nicht das innere Leben ersetzen. Wenn das alles da ist, aber innen nur eine spirituelle Leere vorherrscht, dann hat die Kirche keinen Sinn. Ich glaube, Polen macht in dieser Hinsicht zurzeit eine Reinigung durch. Es bleiben nur die wenigen Gläubigen übrig, die ein wirkliches Bewusstsein für den Glauben haben. Größe ist nicht entscheidend. Christus hat auch nicht zwölf Millionen, sondern zwölf Apostel ausgewählt.

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