Humus für die Spiritualität des Hörers

Avantgardistische Musik als Brücke zur Theologie – Ein Promotionsprojekt der Universität Karlsruhe. Von Barbara Stühlmeyer

Musik der Avantgarde führt in Gottesdiensten und Konzerten hierzulande immer noch ein Schattendasein. Abgesehen von wenigen Festivals für Neue Musik, auf denen sich nur diejenigen versammeln, die eine spezielle Vorliebe für genau diese Klangsprache haben, werden Werke zeitgenössischer Komponisten eher selten aufgeführt. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen handelt es sich bei Neuer Musik mitunter um Klänge, die der Deutung bedürfen, um zugänglich und verständlich zu sein, oft aber fehlt es einfach an Mut, sich und andere dem Wagnis auszusetzen, mit aufmerksamen Ohren auf das zu hören, was der Geist den Gemeinden sagt. Umso wertvoller sind Projekte von Kirchenmusikern und Theologen, die den aktuellen Klanggewändern des Gotteswortes Raum geben, sich mit ihnen auseinandersetzen und Deutungen anbieten, die das Verstehen fördern. Einer derjenigen, die sich seit vielen Jahren für neue Musik einsetzt, ist der Kirchenmusiker, Theologe und Musikwissenschaftler Tobias Hermanutz. Er hat in seiner Gemeinde die Erfahrung gemacht, dass die regelmäßige Begegnung mit Neuer Musik Türen des Verständnisses öffnet und gewinnbringend für die Spiritualität der Zuhörer ist.

Deshalb hat Hermanutz die Frage nach den Deutungsmöglichkeiten avantgardistischer Musik auch zu seinem Promotionsthema gemacht. Die Idee für dieses Projekt entstand, als Hermanutz an der Musikhochschule in Trossingen bei Manfred Schreier studierte, der sich seit vielen Jahren für Neue Musik einsetzt und sie den Trossinger Studierenden intensiv vermittelt. Das Interesse war geweckt, erste praktische Erfahrungen gesammelt. Da lag es nahe, das Thema im Theologie- und Musikwissenschaftsstudium zu vertiefen. Hermanutz fragte sich, ob es Zusammenhänge zwischen je aktuellen theologischen Fragestellungen und kompositorischen Strukturen gäbe und wenn ja, welche theologischen Denkmodelle als Deutungsschema für avantgardistische Chormusik hilfreich sein könnten.

Bei Thomas Seedorf, Spezialist für Vokalmusik und experimentelle Sprachmusik fand er offene Ohren für seine Fragen und entwickelte daraus ein Promotionsprojekt. Hermanutz legte seinen Fokus auf vier Werke zeitgenössischer Komponisten: Lux aeterna von György Ligeti, AMN von Dieter Schnebel, Consolation II von Helmut Lachemann und Psalm von Heinz Holliger. Schnell kristallisierte sich heraus, dass es vor allem in der Negativen Theologie Parallelen zum Kompositionsprozess dieser Werke gab. Das Verstummen angesichts allzu schwerer Fragen, die Konzentration auf die Leere und das nicht Sagbare bilden eine gemeinsame Schnittmenge von Vertretern Negativer Theologie und avantgardistischer Musik. Zugleich erwies es sich als sensibles Feld, geistliche Aspekte eines Kompositionsprozesses zu definieren.

Das Problem wird hier, wie Hermanutz erklärt, gern auf den Hörer projiziert, bei dem eine Reaktion hervorgerufen werden soll. Dennoch ist Hermanutz überzeugt, dass das musikalische Material in einem theologischen Sinne vorbehandelt ist. Für seine Forschungsarbeit analysierte er nicht nur die Werke detailgenau und machte sich mit der Zeitgeschichte ihrer Entstehung vertraut, sondern pflegte auch persönliche Kontakte zu Schnebel, Lachemann und Holliger und korrespondierte mit Clytus Gottwald. Die Reaktionen auf die Frage nach der Verbindung von Musik und Theologie waren höchst unterschiedlich. Dieter Schnebel war als Theologe sofort Feuer und Flamme. Helmut Lachemann, der seine Kindheit in einem evangelischen Pfarrhaus verbrachte, ging auf Distanz und weigerte sich, theologische Deutungen zu seinen Werken abzugeben. Heinz Holliger zeigte eine ambivalente Reaktion. Einerseits beschrieb er im Hinblick auf sein Werk Psalm genau das, was negative Theologie ausmacht, das Verstummen angesichts schwerwiegender Fragen, bezeichnete sich aber als Agnostiker und Atheist, der keinen direkten Zugang zu theologischen Fragestellungen hat. Clytus Gottwald betrachtete den Begriff negativer Theologie skeptisch und sprach lieber von spekulativer Theologie. In der Fundamentaltheologie ist die Negative Theologie heute zu Recht umstritten. In der Entstehungszeit der besprochenen Kompositionen, der Nachkriegszeit, in der die Theodizeefrage intensiv diskutiert wurde, spielte sie jedoch eine große Rolle. Deshalb und weil es klare Bezüge zwischen den analysierten Werken und den Denkansätzen der Negativen Theologie gibt, kommt Hermanutz zu dem Schluss, dass es eine enge Verbindung zwischen theologischem Denken und kompositorischem Schaffen im Untersuchungszeitraum gibt. Das Verständnis der Musik Ligetis, Schnebels, Lachemannns und Holligers wird sich durch diese Forschungsarbeit vertiefen können. Sie bleibt aber zugleich eine Provokation. „Diese Musik ist nicht konsumierbar, weil sich die theologische Aussage dermaßen verdichtet, dass es fast schon wehtut“, führt Hermanutz aus. Sie ist mehr Frage als Antwort. Doch wie Hildegard sagt, „Wo im Menschen die Frage nicht ist, ist auch nicht die Antwort des Heiligen Geistes“. In diesem Sinne ist die Forschungsarbeit von Tobias Hermanutz wegweisend. Sein Buch „Avantgardistische Chormusik als komponierte Negative Theologie“ ist im Tectum Verlag erschienen.

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