Hoffnung auf ein Schreiben des Papstes

Nach der römischen Bischofssynode zu Ehe und Familie: Im Interview blickt Kardinal Kurt Koch vom vatikanischen Einheitsrat zurück, zieht Bilanz und schaut nach vorn. Von Guido Horst
Foto: dpa | Was Synodalität angeht, müssen wir noch einiges dazulernen, meint Kurienkardinal Kurt Koch im Gespräch mit der „Tagespost“.
Foto: dpa | Was Synodalität angeht, müssen wir noch einiges dazulernen, meint Kurienkardinal Kurt Koch im Gespräch mit der „Tagespost“.
Wenn man fragt, was von der nun beendeten Bischofssynode bleibt, dann hat man in den vergangenen Tagen einen deutlichen Eindruck erhalten: Fern von Rom, zum Beispiel in Deutschland oder Österreich, ist die Verunsicherung groß. Was hat der synodale Prozess zu Ehe und Familie erbracht? Klärungen bei umstrittenen Themen – oder eine Weiterleitung von ungelösten Fragen an den Papst?

Zunächst einmal ist völlig klar, dass die Synode nicht entscheiden kann. Die Synode kann dem Heiligen Vater Empfehlungen übergeben, damit er dann die offenen Fragen entscheidet. In meinen Augen hat der Prozess der Synode sehr viel gebracht. Die Wertschätzung der gelebten Ehe und der Familie ist im Schlussbericht, der „Relatio finalis“, sehr viel positiver dargestellt als im „Instrumentum laboris“, dem Arbeitspapier, das der Synode Anfang Oktober vorlag. Vor allem ist die ganze Komplexität des Synodenthemas deutlicher geworden. In der Öffentlichkeit ist die Synode oft auf ein, zwei Fragen fokussiert worden. Dabei sind die Herausforderungen, die sich den Familien heute stellen, sehr viel größer als allein diese Fragen, die bisher im Mittelpunkt gestanden haben. Am Ende haben wir einen Text erhalten, der die Schönheit von Ehe und Familie darstellt und wertschätzt, was dort wirklich gelebt wird.

„Der deutschsprachige Zirkel wurde geschätzt, weil er gewisse theologische Klärungen

vorgenommen hat“

Wann rechnen Sie mit dem postsynodalen Schreiben des Papstes?

Der Heilige Vater hat sich bisher nicht geäußert, in welche Richtung er weitergehen will. Viele Synodenväter haben gewünscht, dass der Heilige Vater ein eigenes Schreiben verfassen wird. Auch ich hoffe dies, damit die von Ihnen angesprochene Verunsicherung überwunden werden kann.

Stimmt es, dass der deutsche Sprachzirkel kräftige Impulse für die gesamte Synode und die „Relatio finalis“ beigesteuert hat? Wie würden Sie diesen Beitrag mit Ihren Worten umschreiben?

Der deutschsprachige Zirkel wurde geschätzt, weil er gewisse theologische Klärungen vorgenommen hat. Beispielsweise gab es doch einige Schwierigkeiten in der Synodenaula, genauer zu definieren, wie sich Barmherzigkeit und Wahrheit, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zueinander verhalten. Oder eine zweite theologische Klärung: In welcher Beziehung die geistliche Kommunion zum tatsächlichen Kommunionempfang steht. Da sind einige Klärungen eingebracht worden, die von vielen Synodenvätern begrüßt worden sind. Auf der anderen Seite muss man aber auch sehen, dass auch die anderen Sprachgruppen ebenfalls viele positive Beiträge geleistet haben. Und man muss auch daran erinnern, dass die deutsche Sprachgruppe sehr vielfältig war. In der Öffentlichkeit hatte man teilweise den Eindruck, dass sie aus fünf oder sechs Personen bestand. Aber da waren doch Synodenväter auch aus Serbien, aus Kroatien, aus Ungarn, aus Finnland anwesend; aus Syrien war Patriarch Gregorius präsent. Diese Vielfalt hat gewiss auch dazu beigetragen, dass in einer fruchtbaren Atmosphäre ein guter Konsens erarbeitet werden konnte.

Können Sie mir ein Beispiel für einen dieser Konsense nennen, der in der deutschen Sprachgruppe erreicht wurde und der dann Eingang gefunden hat in die „Relatio finalis“?

Dazu gehören gewiss die Abschnitte über die Begleitung von wiederverheirateten Geschiedenen. Dabei wird stark Bezug genommen auf „Familiaris consortio“ von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahre 1981, vor allem Nummer 84, wo der Papst betont, dass man zwischen den verschiedenen Situationen genau unterscheiden muss. Von daher bestand in der Sprachgruppe Einmütigkeit darüber, dass es „die“ wiederverheirateten Geschiedenen nicht gibt, sondern dass jede Situation anders ist und konkret beurteilt und pastoral begleitet werden muss.

„Es gibt gewisse

Spannungen zwischen der kirchenrechtlichen und der dogmatischen Sichtweise der Ehe“

Von deutschen Bischöfen ist zu hören, die Synode habe „die Tür einen Spalt breit“ aufgemacht für weitere Entwicklungen. Genau das ist ein Punkt, der verunsichert. Nach zwei Jahren will man wissen, woran man ist. Wie könnten weitere Entwicklungen aussehen, etwa in der Frage der Kommunionzulassung der zivil Wiederverheirateten?

Der Papst selbst hat verschiedentlich darauf hingewiesen, dass nicht die ganze Synode auf diese Frage fokussiert werden sollte und dass die Lösung dieser pastoral schwierigen Frage nicht einfach in der Kommunionspendung an die Wiederverheirateten bestehen kann. Meines Erachtens gibt es hier noch offene theologische Fragen, die vertieft werden müssen. Auf eine Frage hat bereits Papst Benedikt XVI. hingewiesen, nämlich die Frage, welche Bedeutung dem Glauben bei der Spendung des Ehesakramentes zukommt. Dabei handelt es sich um eine komplexe Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Ein zweites Problem, das mich beschäftigt, besteht darin, dass es gewisse Spannungen zwischen der kirchenrechtlichen und der dogmatischen Sichtweise der Ehe gibt. Wenn es beispielsweise im Kirchenrecht heißt, dass jede Ehe, die zwischen Getauften geschlossen wird, ein Sakrament ist, dann stellt sich die Frage, was dies für eine Ehe von Getauften bedeutet, die von der Sakramentalität der Ehe nicht überzeugt sind. Solche Fragen müssen weiter bedacht werden, um die konkrete Frage der Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen verantwortet beantworten zu können. Entschieden werden kann sie aber letztlich nur vom Papst.

Es heißt immer, es habe neben der eigentlichen Synode auch eine „Synode der Medien“ stattgefunden. Die Berichterstattung wurde aber auch durch die vatikanische Informationspolitik stark gesteuert: Tägliche Pressekonferenzen in der Sala Stampa mit handverlesenen Synodenteilnehmern, dazu gaben vatikanischen Medien-Berichterstatter ihre Sichtweise der Debatte in der Aula wieder. Dazu laufend Interviews von prominenten Mitgliedern und Kardinälen der Bischofsversammlung. Muss dieser Drang in die Öffentlichkeit wirklich sein?

Man muss hier ein Doppeltes bedenken: Auf der einen Seite sind die Medien interessiert und wollen über den Verlauf der Synode informieren. Das können sie aber nur, wenn sie über Informationen verfügen. Von daher muss es eine gewisse Transparenz geben; sonst ist zu befürchten, dass der Effekt, den Sie genannt haben, dass es dann neben der realen Synode noch eine „Synode der Medien“ gibt, noch verstärkt wird. Auf der anderen Seite muss man das richtige Mittelmaß finden und so informieren, dass nicht vereinzelte Stimmen ein Übergewicht erhalten. Dies hängt freilich auch von den einzelnen Synodenvätern ab. Wenn sie sich prononciert und oft äußern, ist es für die Medienschaffenden nicht ganz leicht, solche Stimmen richtig einzuordnen. Die Informationspolitik muss deshalb gewiss von der Synodenleitung immer wieder neu überdacht werden.

„Synodalität ist etwas anderes als Demokratie. Synodalität ist das

viel schwierigere

Unternehmen“

Papst Franziskus wünscht eine synodalere Kirche. Das hat er bei der Fünfzigjahr-Feier der römischen Bischofssynode am 17. Oktober klar gesagt. Wird das, was wir jetzt zwei Jahre beim synodalen Prozess zu Ehe und Familie erlebt haben, zu einem Dauerzustand in der katholischen Welt?

Wenn es zu einem Dauerzustand werden sollte, dann müssen wir noch einiges dazulernen. Meines Erachtens gibt es hier noch offene theologische Fragen, die vertieft werden müssen. Denn Synodalität ist etwas anderes als Demokratie. Demokratie ist das Verfahren zur Ermittlung von Mehrheiten, die dann entscheidend sind. Synodalität bedeutet das Ringen und Bemühen darum, Konsens zu finden, um ihn dann dem Heiligen Vater anbieten zu können. Synodalität ist das viel schwierigere Unternehmen als Demokratie. Synodalität kann deshalb nicht bedeuten, dass ich meinen Standpunkt unbedingt durchsetzen will, sondern dass wir so aufeinander und gemeinsam auf den Heiligen Geist hören, dass wir zu einer gemeinsamen Sicht kommen können, die es dann auch dem Heiliger Vater leichter macht, die notwendigen Entscheidungen zu fällen. Da gibt es in der Kirche gewiss noch viel zu vertiefen. Ich gehe aber davon aus, dass die nächste Synode erst in etwa drei Jahren wieder stattfinden wird.

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