Höhere Choreographie?

Vor zehn Jahren unterzeichneten Katholiken und Protestanten in Augsburg die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“

Am heutigen Tag feiern evangelische Christen traditionell den Reformationstag und erinnern damit an den Beginn der reformatorischen Bewegung 1517, aus der eine Vielzahl evangelische kirchliche Gemeinschaften hervorgegangen sind. In diesem Jahr erhält das Fest dadurch eine besondere Note, dass im Hohen Dom zu Augsburg des zehnjährigen Jubiläums der „Gemeinsamen Rechtfertigungserklärung“ von 1999 gedacht wird. Bei der Feier wollen lutherische und katholische Würdenträger, darunter auch der Augsburger Bischof Walter Mixa, an das Dokument erinnern, das eine gegenseitige Verurteilung und Missverständnisse wegen des theologischen Hauptstreitpunktes der Reformationszeit überwinden will. Eine solche offizielle theologische Erklärung hatte es seit 1517 nicht gegeben.

Die Bewertungen dieses Ereignisses und der ökumenischen Entwicklung in den letzten Jahren und Jahrzehnten fallen sowohl bei katholischen wie lutherischen Theologen und Würdenträgern unterschiedlich aus. Gestört wird die Harmonie des Festes auch durch das jüngst bekanntgewordene EKD-Papier über die lutherisch-katholischen Kirchenbeziehungen aus der Feder des Oberkirchenrates Thies Gundlach. Es hatte für massive Verstimmungen gesorgt und zu Entschuldigungen von evangelischer Seite und einem klärenden Gespräch geführt. Gundlach bezeichnet darin die Rechtfertigungserklärung als „symbolischen Höhepunkt und vorläufigen Schlussstein“ der ökumenischen Beziehungen.

Über hundert evangelische Theologen protestierten

Auf evangelischer Seite hatte es vor der Verabschiedung der Erklärung 1999 massive Proteste gegeben. Über hundert Theologieprofessoren stellten sich öffentlich gegen den Versuch einer Annäherung an die katholische Seite. Sie fürchteten um die Aufgabe der Kernpunkte der reformatorischen Theologie. Darin geht es unter anderem um die Auffassung, ob der Mensch allein durch Gottes Gnade (sola gratia) oder auch durch mitwirkendes Handeln des Menschen von Gott angenommen wird. Insbesondere der Terminus „Rechtfertigung“ ist heute sowohl evangelischen wie katholischen Gläubigen schwer zu vermitteln. Die typische Situation, dass sich ein Mensch vor Gericht für seine Taten „rechtfertigen“ muss, war den Menschen am Beginn der Neuzeit zwar gegenwärtig, verschwindet heute aber weitgehend aus dem Bewusstsein. Theologen erklären dieses Phänomen damit, dass von den Kanzeln beider Konfessionen kaum noch vom Jüngsten Gericht, von Tod und Hölle, einem strafenden und zornigen Gott gepredigt wird. Vielfach sei an die Stelle dieser „Drohbotschaft“ eine Verkündigung der Annahme eines Menschen durch den liebenden Gott getreten.

Aus dem Hauptstreitpunkt aus dem Jahr 1517, den Martin Luther vor allen Dingen durch seine 95 Thesen markierte, ergeben sich eine Fülle weiterer Fragestellungen für das Kirchenverständnis, die Lehre von den Sakramenten oder die Rolle der Geistlichen. Schon die Confessio Augustana von 1530, ebenfalls in Augsburg von lutherischen Reformatoren verfasst, enthält einen ganzen Katalog dieser theologischen Kernpunkte. Darüber wurde jedoch vor zehn Jahren in Augsburg keine Einigung erzielt.

So sorgte die Erklärung „Dominus Iesus“ aus dem Jahr 2000, die der damalige Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal Ratzinger, nur ein Jahr später herausbrachte, für Verstimmungen auf evangelischer Seite. Durch dieses vatikanische Dokument, das sich zunächst primär an die katholische Weltkirche richten sollte, sahen Lutheraner ihren Status als „Kirche“ gefährdet. Denn im Gegensatz zu den orthodoxen „Schwesterkirchen“ sprach Dominus Iesus in Bezug auf die Evangelischen nur von „kirchlichen Gemeinschaften“. Dadurch fühlten sich evangelische Kirchenvertreter brüskiert und abgewertet.

Ähnliche Vorgänge, wobei das Gundlach-Papier gleichsam als „Höhepunkt“ gewertet wird, gibt es auf katholischer Seite. Die Ordination von Frauen oder lesbischen und schwulen Theologen in das Pastoren- oder Bischofsamt sorgte für offene Konflikte. Diese Weihen haben vor allen Dingen in der weltweiten Gemeinschaft der Anglikanischen Kirchen zu einer Eskalation und absehbaren Kirchenspaltung geführt. Spätestens seit der Lambeth-Konferenz im Sommer 2008, an der über 300 Bischöfe ihre Teilnahme verweigerte und eine Parallelkonferenz organisierten, zeigte sich eine neue Richtung.

Die in der ökumenischen Debatte der letzten Jahrzehnte oft geschmähte „Rückkehr-Ökumene“ erhält durch die Anglikaner eine völlig neue Bedeutung. Verstand man – in der polemischen Benutzung dieses Wortes – darunter lange die Vorstellung, nun müssten die evangelischen Christen wieder in die vermeintlich heruntergekommene Kirche des 16. Jahrhunderts zurückkehren, sind seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts neue Möglichkeiten entstanden. Durch Papst Paul VI. wurde 1975 eine ganze Diözese der Anglikaner in Indien wieder in die katholische Kirche aufgenommen. In den 80er und 90er Jahren konvertierten hunderte anglikanische Priester, die eine Frauenordination nicht akzeptieren wollten, mit Billigung von Papst Johannes Paul II. in die katholische Kirche und wurden (auch als verheiratete) zu Priestern geweiht. Der jüngste Schritt von Papst Benedikt XVI., „Personalordinariate“ für anglikanische Priester, ihre Gemeinden und Diözesen – unter Beibehaltung ihrer liturgischen Traditionen und Lehren, soweit sie vollständig mit der katholischen Lehre vereinbar sind einzurichten, kommt einer Revolution gleich. Dies sorgt aber auf evangelischer Seite wiederum für Verstimmungen.

Rückkehr bedeutet nicht mehr Rückschritt

Anders als bei der Rechtfertigungserklärung von 1999, die als eine Frucht der Konferenz-Ökumene des 20. Jahrhunderts gelten mag, besteht nun die Möglichkeit, gleichsam die Erfahrungen und Entwicklungen der letzten 500 Jahre mitzunehmen. Rückkehr bedeutet nicht mehr Rückschritt, sondern Hinwendung in die „eine heilige, katholische und apostolische Kirche“ unter dem Primat des Papstes. Waren bisher Konvertiten aus der evangelischen Konfessionsfamilie bei ihrer Konversion gezwungen, sämtliche rechtlichen, finanziellen und auch sozialen Bezüge aufzugeben, so dürfte dies in den Personalordinariaten anders werden. Hier kann es einen gesicherten Übergang geben, wiewohl die Frage der Anerkennung der Sakramente und hier besonders der Priesterweihe noch ein unerklärtes Feld ist.

Schon kurz nach der Verabschiedung der Rechtfertigungserklärung wies der 2005 verstorbene Dogmatiker und Kardinal Leo Scheffczyk auf die Problematik dieser Erklärung hin. Das „Wesen des Katholischen“ müsse erst bestimmt werden. Die Förderung der Einheit müsse in Bezug auf die eigene Konfession beginnen, weshalb nach Scheffczyk dem „Ökumenismus nach außen“ der „Ökumenismus nach innen“ vorausgehen solle – zumal in einem Katholizismus, der nicht mehr wisse, was er sei. Mit seiner Betonung des bleibend Katholischen wollte der Kardinal somit allen auflösenden Tendenzen entgegenwirken, die letztlich auch den Dialog zwischen den Konfessionen missraten lassen. Scheffczyk wandte sich damit auch offen gegen „Scheinlösungen“, die die bleibenden Unterschiede übergingen. Er kritisierte die etablierte Sprechweise im ökumenischen Gespräch (etwa die Schlagworte „differenzierter Konsens“ oder „Einheit in der Vielheit“), da sie häufig dem Anspruch der Wahrheit nicht gerecht würden und bleibende Unterschiede zu übermalen versuchten. Der Theologe, der in über 70 Publikationen immer wieder zu ökumenischen Fragen Stellung nahm, kritisierte daher auch die „Rechtfertigungserklärung“ von Augsburg und sah in ihr einen Scheinkonsens, der mehr „worthafte“ als „seinshafte“ Übereinstimmungen vorweise.

Auch die Vollkonferenz der UEK in Ulm zog am letzten Samstag eine nüchterne Bilanz des ökumenischen Dialogs in den vergangenen zehn Jahren. Es bleibe die Frage, ob der in der Erklärung behauptete Konsens in den Grundwahrheiten Grundlage für ein weiterführendes theologisches Gespräch zwischen evangelischer und römisch-katholischer Kirche sein könne, heißt es in einer von der Synode beschlossenen Erklärung. Gleichwohl sehe die UEK in der Gemeinsamen Erklärung eine bedeutsame Annäherung zwischen reformatorischen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche in zentralen Fragen kirchlicher Lehre, heißt es weiter in dem Text. Umso mehr dränge sich die Frage auf, welche Konsequenzen sich aus der Rechtfertigungslehre ergäben. Die Tatsache, dass die katholische Kirche evangelische Kirchen nicht als Kirche Jesu Christi anerkenne, sei ein deutlicher Widerspruch zum Konsens in der Rechtfertigungslehre, so die UEK. Weitere Schritte eines ökumenischen Lernwegs seien nötig. In der UEK sind protestantische Kirchen unierten, reformierten und lutherischen Bekenntnisses zusammengeschlossen.

Kasper bestätigt Fortschritte mit den Ostkirchen

Demgegenüber versuchte der Präsident des vatikanischen Einheitssekretariates Kardinal Walter Kasper in mehreren Interviews der Rechtfertigungserklärung und der ökumenischen Entwicklung auch positive Aspekte abzugewinnen. Die Beziehungen zwischen den Konfessionen seien „reifer geworden“, unterstreicht er. Im Blick auf die letzten zehn Jahre im Einheitssekretariat, aus dem Kasper aus Altersgründen ausscheiden wird, betonte der Kardinal die Fortschritte im Dialog mit den Ostkirchen. Aber auch im Dialog mit den Evangelikalen, Pfingstkirchen, charismatischen Bewegungen und Freikirchen sei viel „in Bewegung“ geraten. Das Spektrum sei breiter geworden. Es sei auch viel Freundschaft gewachsen zwischen den Kirchen, und das wäre wichtiger als die Dokumente.

Der Enthusiasmus der Anfangsjahre, wo die Rechtfertigungserklärung als eine „höhere Choreographie“ oder als „wohl bedeutendster Meilenstein“ der evangelisch-katholischen Ökumene gepriesen wurde, ist offensichtlich vorbei. Anlässlich des Jubiläums wird aber sicher an die Verdienste derjenigen erinnern, die in jahrelanger Arbeit an dieser Erklärung mitgearbeitet haben. Dazu zählt das Engagement von Bischof Paul-Walter Scheele, der 1996 und 1997 in Würzburg zusammen mit vierzehn lutherischen und katholischen Theologen den Text überarbeitete. Zum endgültigen „Würzburger Text“ nahmen dann die Synoden des Lutherischen Weltbunds sowie der Vatikan Stellung. Nachdem Kardinal Ratzinger den notwendigen Klärungen zugestimmt hatte, kam es am 3. November 1998 zum „Regensburger Gespräch“ mit Landesbischof Johannes Hanselmann und Kardinal Ratzinger. Scheele und der evangelische Landesbischof Eduard Lohse als Vorsitzende der Gemeinsamen Ökumenischen Kommission hatten schon 1985 im Schlussbericht erklärt: In der Rechtfertigung gebe es keine kirchentrennenden Hindernisse mehr.

Themen & Autoren

Kirche