MICHAEL EBERTZ.

„Höchststand seit Beginn der Zählung“

Der Religionssoziologe Michael Ebertz analysiert die Gründe für die Kirchenaustritte. Von Volker Hasenauer
Wie haben sich die Kirchenaustritte im vergangenen Jahr entwickelt?

Ich rechne mit etwa 200 000 bis 250 000 Austritten aus der katholischen Kirche. Das wären etwa 80 Prozent mehr als im Jahr 2009. Zugleich bedeutet dies einen Höchststand seit Beginn der Zählung. Und erstmals sind 2010 in Deutschland wohl auch mehr Christen aus der katholischen als aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Bislang wiesen die Statistiken immer 30 bis 50 Prozent mehr evangelische Kirchenaustritte aus.

Welche Entwicklung gab es bei Übertritten von Katholiken zur evangelischen Kirche?

Es gibt eindeutige Hinweise auf eine gestiegene Zahl dieser Übertritte. Wir sehen hier eine qualitative Veränderung, denn Austritte erfolgen nicht mehr allein ins konfessionelle Niemandsland, sondern in ein anderes kirchlich organisiertes Christentum.

Auf welcher Basis stehen diese Zahlen, da die Bischofskonferenz für 2010 noch keine offiziellen Gesamtdaten veröffentlicht hat?

Grundlage sind verstreute Hinweise auf Zahlenentwicklungen aus mehreren Bistümern. Die Hinweise, die mir zugänglich waren, lassen mich diese Gesamtprognose wagen. Zumal erfahrungsgemäß zum Jahresende die Austrittszahlen noch einmal ansteigen.

Worin sehen Sie die Ursachen?

Was das letzte Jahr angeht, ist ziemlich klar, worum es geht: nämlich um die schwere Zuspitzung der Kirchenkrise durch die sexuellen Gewalthandlungen und ihre Tabuisierung durch Vertreter der Kirche, insbesondere Priester und Ordensleute, gegenüber Kindern und pubertierenden Jugendlichen, insbesondere Jungen. Dies gab den Ausschlag dafür, dass viele Mitglieder gesagt haben, jetzt reicht es, hier ist meine Frustrationstoleranzgrenze überschritten. Hier muss ich mich aus moralischer Selbstachtung distanzieren – bis hin zum Austritt.

Das müssen Sie näher erläutern...

Im Zuge des Skandals und auch – das würde ich gerne differenzieren – der Skandalisierung der Missbrauchsvorfälle in der Öffentlichkeit wurde die Kirche mit einem tiefen Makel versehen, der sich auch auf ihre Mitglieder übertragen hat. Gerade auch bei jenen, die ehrenamtlich oder hauptberuflich Verantwortung in der Kirche tragen, breitete sich Beschämung aus. Es war nun nicht mehr eine gesellschaftlich goutierte Sache, Mitglied zu sein, sondern eine sehr fragliche.

Was genau im Zuge der Kirchen-Missbrauchs-Krise löste diese Abkehr aus?

Es geht nicht nur um die Taten selbst und um Ignoranz gegenüber den Opfern, sondern auch um ein Gefühl, dass die Institution Kirche für Vertuschung und Tabuisierung verantwortlich sei. Das hat beispielsweise der unabhängige Untersuchungsbericht für das Erzbistum München-Freising deutlich gemacht, wo die Kirche selbst sagt, dass Akten systematisch verstümmelt und beseitigt wurden.

Sehen Sie bei den Austritten auch einen größeren Zusammenhang mit dem Feld der kirchlichen Lehre der Sexualmoral?

Die katholische Kirche mutet – im Unterschied zum liberalen Protestantismus – ihren Mitgliedern sexuelle Verbote zu. Das gilt für alle Ebenen: Priester mit dem Zölibatsgebot, Verheiratete mit dem Pillenverbot, Nichtverheiratete mit dem Geschlechtsaktverbot, alle Frauen und Männer mit dem Verbot der praktischen Homosexualität. Nun ist aber empirisch bekannt, dass es gerade im sexualethischen Bereich die geringste Zustimmung zu den kirchenoffiziellen Positionen gibt, dass also die übergroße Mehrheit der katholischen Jugendlichen und Eheleute nicht in Übereinstimmung mit der kirchlichen Sexualethik lebt und eine gewisse Zahl von Priestern Homosexualität praktiziert oder den Zölibat bricht. Und dies in einer Kirche, die selbst rigoros ist, wenn es um die wiederverheiratet Geschiedenen geht. Das heißt, in diesem von der Kirche selbst so gewichteten Bereich der Sexualität gibt es wenig Transparenz. Und das heißt auch, dass der katholischen Kirche kaum jemand glaubt, wenn sie sagt, sie sei jetzt zu einer transparenten Institution geworden, in der die Mitglieder in Übereinstimmung mit den sexualethischen Normen der Kirche stünden.

Wurden in den vergangenen Monaten Chancen verpasst?

Es ist viel passiert, etwa in Sachen Leitlinien der Bischofskonferenz oder Prävention. Aber einige Bischöfe glauben fälschlicherweise, die Sache sei vorbei und könne ausgesessen werden.

Was müsste sich ändern, damit wir Ende 2011 ein Interview über die Trendwende im Rückgang der Austrittszahlen führen können?

Es müsste zum Beispiel in unserer Kirche die Möglichkeiten geben, in diesen sexualethischen Fragen ein verbindliches Konsultationsverfahren mit den Autoritäten führen zu können. Das ist aber nicht der Fall.

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