Hingabe im Heilsplan

Die Liturgie der Liebe sucht in der Sprache des Leibes ihren Ausdruck. Von Hans Zier
Foto: IN | Gottes liebende Hand kann in der sakramentalen Ehe erfahrbar werden. Die Kathedrale, Auguste Rodin, Musée Rodin, Paris.
Foto: IN | Gottes liebende Hand kann in der sakramentalen Ehe erfahrbar werden. Die Kathedrale, Auguste Rodin, Musée Rodin, Paris.

Ein schwärmerisches, zumindest kühn poetisches Bild einer – vielleicht romantischen – Kunstrichtung? Dass die Darstellung der Liebe – zumal die der göttlichen – in der geschichtlichen Entwicklung lange und unterschiedlich tastend nach Formen der Sinnfälligkeit eines nur im Glauben fassbaren Geschehens erreichen will, ist für den gläubigen Menschen noch nachzuvollziehen. Aber wirft sich alles Leibliche dabei nicht gerade zu einem Hindernis auf? Und wenn nun das Leibliche im Zusammenhang mit der Liturgie – wohlgemerkt gerade auch in der Eucharistie! – in seiner ganzen Dimension, einschließlich seiner Sexualität, betrachtet wird, zuckt mancher zurück und wittert Übertreibung. Und doch ist einer, der diese Sicht zu einem Schwerpunkt seiner Lehrtätigkeit während seines Pontifikates gemacht hat: der heilige Papst Johannes Paul II. in seinem Katechesenzyklus mit dem gemeinsamen Titel: „Die menschliche Liebe im göttlichen Heilsplan“, im deutschsprachigen Raum bekannt unter dem Titel „Theologie des Leibes“ mit einer Einführung von N. und R. Martin, langjährigen Mitgliedern des Päpstlichen Rates für die Familie.

Corbin Gams stellt den Entwicklungsweg der Theologie des Leibes von Karol Wojtyla dar, ausgehend vom frühen Manuskript, das dieser 1978 mitbrachte nach Rom ins Konklave, aus dem er als Johannes Paul II. hervorgehen sollte. Dabei war der Einfluss von Johannes vom Kreuz bedeutend. Benedikt XVI. wird später in Deus caritas est auf Johannes Paul II. zurückgreifen in seinen Darlegungen der Entwicklung der Liebe vom noch ich-bezogenen Eros zur hingabefähigen Agape-Haltung. In die Früchte der Überlegungen von Carol Wojtyla, die der polnische Seelsorger besonders in seiner pastoralen Arbeit mit Ehepaaren entwickelt hatte, gingen auch in die Eheenzyklika Familiaris consortio ein und sollten für alle in der Ehepastoral und in der Vorbereitung der Familiensynode Tätigen zu einem unverzichtbaren Fundus gehören. Das Vorwort von Bischof Klaus Küng von St. Pölten weist in diese Richtung.

Dem klaren und methodischen Aufbau der 133 Katechesen setzt Gams eine knappe geschichtliche Entwicklung voran, die dem Leser die Nomenklatur, die Zusammenhänge von exegetischen und pastoralen Aspekten erschließt, vor allem, weil für viele Leser eine „bräutliche Bedeutung des Leibes“, dessen „Sprache“ und das „sakramentale Zeichen“ noch Begrifflichkeiten sein mögen, die unverbunden nebeneinander stehen. Die Leser werden nicht im Begriffsdunst stehengelassen, sondern entdecken, dass die geglückte sakramentale Ehe mit dem innertrinitarischen Geschehen zu tun hat. Sie erleben das ständig neue Einlassen Gottes mit den Menschen und sehen gewissermaßen wie in einem Spiegel das Geschehen zwischen Christus und seiner Kirche, vor allem im eucharistischen Geschehen. Dieses will sich im Alltag fortsetzen, gerade auch in der ehelichen Vereinigung. Es ist ein besonderes Charakteristikum des Buches über die „Liturgie der Liebe“, das neugierig auf den Primärtext von Johannes Paul II. macht. Allein die Fußnoten sind wie ein Navi für den voluminösen Band des Familienpapstes.

Je nach Katechese führt uns Johannes Paul II. durch eine Verteidigung des menschlichen Körpers gegen die „Entfremdung zwischen Person und Leib“. Oder er zeigt den göttlichen Heilsplan in seiner ganzen Schönheit auf, gerade auch dort, wo er in die Intimsphäre von Mann und Frau hineinspielt, in ihre Sexualität, die ganzheitlich gesehen als Spiegelbild des Liebesspieles zwischen Gott und Mensch erfahrbar wird, auch für den um des Himmelsreiches willen auf die Ehe verzichtenden Dienenden. Gams positioniert die Katechesen erläuternd und doch textnah so, dass nicht nur derjenige, der sich mit der Theologie des Leibes schon befasst hat, weitere wertvolle Entdeckungen macht, sondern dass diejenigen, um die es in erster Linie zunächst geht, nämlich die Ehepaare, Lust und Freude am meditierenden Lesen bekommen. Das hat – trotz einiger Trockenheiten im notwendigen wissenschaftlichen Erklären – der Autor intendiert.

„Im Gebet des Tobias und im Amen der Sara zeigt sich die

Bewährungsprobe“

Zwei große Entdeckungen im Lesen der Heiligen Schrift unter der kundigen Leitung des Lesementors Karol Wojtyla machen die Ehepaare: das Hohelied und das Buch Tobit mit dem Gebet des Tobias und seiner Braut Sara in der Hochzeitsnacht, ergänzt durch Paulus mit seiner christologischen Ehekatechese, mit dem Zweiten Vatikanum und Familiaris consortio.

Der faszinierende und tief berührende Liebesdialog von Braut und Bräutigam im Hohen Lied wird ganz verständlich durch die Einbettung in die Offenbarung der Liebe Gottes, wie sie sich in seinem Schöpfungsakt, seinem Erlösungswillen und seinem nimmermüden Werben um sein geliebtes Geschöpf ausdrückt. Der zwischenmenschliche Liebesbezug wird als ein Zeichen und als eine Realisierung des Gottesbezuges erfahren. Im Gebet des Tobias und dessen Bestätigung im Amen der Sara zeigt sich die Bewährungsprobe auf Leben und Tod im Vorsehungsglauben an den, der die Liebe und das spätere Glück der Liebenden prophetisch für andere aufleuchten lassen will.

Das sakramentale Eheverständnis im Dreibund mit Christus geht bruchlos aus dem Alten Testament hervor: das gegenseitige Sichverschenken verlangt nach dem eucharistischen Geschenk der Hingabe Christi als seiner Erfüllung, wie auch das eucharistische Geschehen im täglichen Nachvollzug des gegenseitigen Dienens der Eheleute aufleuchten soll. So ist neben der Weitergabe des Lebens als Frucht der gegenseitigen Hingabe diese selbst schon ein Zeichen, ein liturgisches Geschehen, das immer zuerst ein Sichtbarmachen personaler Beziehung ist.

Den Lesern von Corbin Gams möchte man wünschen, dass sie nach dem nicht einfachen, doch faszinierenden Verstehens-parcours eine in den Alltag fest eingefügte Zeit sich reservieren, über die nur sie verfügen, und wenn sie nur ganz kurz ist, in der sie in Gesten des Zuhörens, des Verstehens, des zärtlichen Miteinanders ein eucharistisches Erinnern pflegen, das im gemeinsamen Gebet endet oder anfängt. Vielleicht schreibt der Autor einen zweiten Band, diesmal mit seiner „geliebten Frau Birgit“, der er sein Buch gewidmet hat, mit einer Praxis der kleinen Schritte der Liturgie der Liebe. Aus der sicheren Gelassenheit dieser Praxis fänden viele Probleme der Familiensynode, die eigentlichen und die hochgespielten, eine Lösung.

Corbin Gams: Liturgie der Liebe. Die Sprache des Leibes in ihrer ganzen Tiefe. Grignion Verlag, Altötting, 2015, ISBN 978-3-932085-61-1, EUR 20,60

Themen & Autoren

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier