Herbergssuche im Geist der Nachfolge Christi

Johannes Daniel Falk, der Dichter von „O du fröhliche“, half Kindern und Jugendlichen in Not, Pflegefamilien und Lehrstellen zu finden

„Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf“, dieses Motto aus dem Matthäusevangelium (18, 5) gab sich die „Gesellschaft der Freunde in der Not“, die der Publizist Johannes Daniel Falk 1813 in Weimar gründete, um den vielen bettelnden und verwahrlosten Kindern und Jugendlichen zu helfen, die, durch die napoleonischen Kriege verwaist, überall herum vagabundierten. Wendepunkt im Leben des Schriftstellers Falk war die Schlacht von Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806. Als das mit Preußen verbündete Weimar von französischen Truppen besetzt und geplündert wurde, setzte sich Falk, der als Sohn einer hugenottischen Mutter fließend Französisch sprach, todesmutig und mit viel Geschick für die den angetrunkenen Soldaten wehrlos ausgelieferten Bürger ein.

Er erwarb sich großes Ansehen auf beiden Seiten: Für den französischen Stadtkommandant dolmetschte er und wurde Sekretär des Generalintendanten in Naumburg. Ein Angebot, ganz in französische Dienste zu treten, lehnte Falk allerdings ab. Herzog Carl August ernannte ihn zum Legationsrat und betraute ihn mit der heiklen diplomatischen Mission, die Kriegskontributionen Napoleons in Grenzen zu halten. In diesen Zusammenhängen wurde Falk, der sich als satirischer Autor und Herausgeber in viele Debatten stürzte, mit dem Elend der Landbevölkerung bekannt und versuchte, das Schicksal der mehrfach von durchziehenden Truppen ausgeplünderten Bauern zu mildern. Als Mitglied einer Kommission für Erziehung und Bildung des Herzogtums Sachsen-Weimar konnte Falk seine Reformvorstellungen vortragen.

Als Falk 1813 damit begann, Kinder und Jugendliche in sein Haus aufzunehmen, verlor er selbst vier seiner eigenen Kinder durch Typhus. Seine große Empathie für die Not der Kinder lag auch in seiner eigenen Biografie begründet: Falk, geboren 1768, war Sohn eines Perückenmachers in Danzig. Vom Vater wurde das begabte Kind bereits mit zehn Jahren von der Schule genommen, um in der Werkstatt mitzuhelfen. Erst ein aufgeklärter Pastor, der die geistigen Fähigkeiten des Kindes erkannte, konnte den pietistisch strengen Vater überzeugen, den Sohn das Gymnasium besuchen zu lassen.

Mit einem Stipendium der Stadt Danzig sollte Johannes Falk in Halle Theologie studieren. Er wandte sich aber sehr bald der Altphilologie und der Literatur zu. Seine satirischen Beiträge gefielen Christoph Martin Wieland, der Falk förderte und ermutigte, sich in Weimar niederzulassen. Nach seiner Eheschließung mit Caroline Rosenfeld aus Halle zogen die Falks 1797 nach Weimar.

Weimars vollständige Zerstörung konnte er verhindern

Bald entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis zu Goethe, das Höhen und Tiefen hatte: Im Epilog des Stückes „Die Prinzessin mit dem Schweinerüssel“, das Falk 1804 für eine Marionettenbühne geschrieben hatte, brachte er heftige Kritik an den Hofschauspieler des Weimarer Theaters. Intendant Goethe wünschte daraufhin die sofortige Ausweisung von Falk. Vom Herzog wurde Goethes Forderung als Überreaktion angesehen und man beließ es bei einem Aufführungsverbot. Antifranzösische Artikel von Falk sah Goethe 1806 für so provozierend gefährlich an, dass er die Zeitschrift des Verfassers verbieten und Falk abermals aus Weimar ausgewiesen wissen wollte. Allerdings hatte das machtpolitische Vakuum nach der verlorenen Schlacht von Jena den Vollzug verhindert. Falks Verdienst, die völlige Zerstörung und Brandschatzung Weimars mit verhindert zu haben, wurde ihm von Goethe hoch angerechnet.

Bereits 1802 hatte Falk, der Goethe sehr verehrte und nie ein böses Wort über ihn gesagt hat, in einem Brief seine freie und unerschrockene Haltung beschrieben: „Allerdings gehöre ich nicht zu den jungen Leuten, die mit eingezogenem Atem den Worten des Meisters lauschen ... ich ... widerspreche offen, falls ich anderer Meinung bin. Auch einem Goethe.“ Aufzeichnungen seiner Gespräche mit Goethe hat Falk zu einem Manuskript ausgearbeitet, über das es bereits 1824 mit dem Verleger Brockhaus zu einem Vertragsabschluss kam. Unmittelbar nach Goethes Tod 1832 erschien das Buch unter dem Titel „Goethe aus näherm persönlichen Umgang dargestellt.“ Von Goethes Berater Riemer wohl wegen Falks Absicht, an Goethe christliche Inhalte heranzubringen, als Fälschung bezeichnet, gelten die Aufzeichnungen in der heutigen Forschung durchaus als authentisch. Falk kam aus einem pietistischen Elternhaus und wandte sich, von der französischen Revolution begeistert, der Aufklärung zu. Als Gesellschaftskritiker und satirischer Moralist trat er in Verbindung mit der Erweckungsbewegung. Stark beeinflusst wurde er von den Schriften des französischen Bischofs Fenelon und der christlichen Mystik.

Heute ist Johannes Falk nur noch als der Dichter der Weihnachtsliedes „O du fröhliche” bekannt. Dieses Lied ist Teil seines wegweisenden sozialpädagogischen Wirkens in Weimar gewesen. Zuvor wurden jugendliche Herumtreiber und Vagabunden ins Zuchthaus gesteckt und klopften als Zwangsarbeiter Steine. Falk suchte für die Jugendlichen eine Pflegefamilie und eine Lehrstelle. Durch Subskribenten für jeden einzelnen seiner Zöglinge wurden Schulausbildung, Ausbildungsplätze, Pflegefamilien und Heimkosten finanziert. Auch der Geheimrat Goethe spendete regelmäßig für ein Soldatenkind den Pflegeplatz in einer Familie. Falk gründete eine Flachsspinnerei und eine Weberei, die über dreißig Familien ernährte. Die Seminaristen seiner Lehrerbildungsanstalt sammelten in der Arbeit mit den schwer erziehbaren Straßenkindern erste Erfahrungen in der Sozialarbeit und für ihren künftigen Beruf.

Von zentraler Bedeutung war für Falk der Religionsunterricht. In den Lehrverträgen verpflichteten sich die Lehrherren, ihren Lehrlingen den Besuch der Sonntagsschule zu ermöglichen. Für die Zöglinge bestand eine Anwesenheitspflicht. Falk lehrte keine verwässerte, moralisierende Aufklärungstheologie, sondern seine katechetischen Mittel waren die Bibel, Luthers Kleiner Katechismus und eine Auswahl klassischer Gesangbuchlieder, vor allem die von Paul Gerhardt.

Im Januar 1817 legte Falk den zweiten Rechenschaftsbericht über sein Institut im Namen der „Gesellschaft der Freunde in der Not“, zu denen neben Goethe und vielen anderen auch der regierende Herzog gehörte, vor. In diesem Jahresbericht ist das Lied „O du fröhliche“ abgedruckt. Es wurde von Falk für seine Sonntagsschulen geschrieben und bestand ursprünglich aus drei Strophen zu den Festen Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Es wurde von seinem Verfasser darum auch das „Allerdreifeiertagslied” genannt: „O du fröhliche,/ O du selige,/ Gnadenbringende Weihnachtszeit!/ Welt ging verloren,/ Christ ist geboren,/ Freue, freue dich , Christenheit!“ nach der Weihnachtsstrophe kommt die Osterstrophe: „O du fröhliche,/ O du selige,/ Gnadenbringende Osterzeit!/ Welt liegt in Banden,/ Christ ist erstanden,/ Freue, freue dich, Christenheit!“ Die dritte und letzte Strophe ist dem Pfingstfest gewidmet: „O du fröhliche,/ O du selige,/ Gnadenbringende Pfingstenzeit!/ Christ unser Meister,/ Heiligt die Geister,/ Freue, freue dich, Christenheit.“

Die Melodie gehört zu dem noch heute in Italien beliebten Marienlied „O sanctissima,/ O purissima/ dulcis virgo Maria.“ Falk entdeckte das Lied in Johann Gottfried Herders Sammlung „Lieder der Völker“. Zu Herder, dem Weimarer Landesbischof, hatte Falk ein ausgesprochen gutes Verhältnis, besonders in Erziehungsfragen arbeiteten sie eng zusammen. Falk ging es wohl vor allem um eine schnell zu lernende und einprägsame kurze Zusammenfassung des Weihnachtsgeheimnisses. Dieser weihnachtlichen Kurzformel fügte Heinrich Holzschuher, er war ein halbes Jahr Praktikant im Falkschen Institut und gründete später in Bayreuth und Kulmbach Heime nach Weimarer Vorbild, zwei weitere Strophen hinzu: „Christ ist erschienen,/ uns zu versühnen/“ und „Himmlische Heere/ jauchzen Gott Ehre.“

Einen Einblick in Falks Innenleben gibt sein hinterlassenes „Geheimes Tagebuch“. Hier wird der Beter Falk ansichtig und hier klagt er über die ständigen finanziellen Sorgen seiner Gründung, die mangelnde staatliche Unterstützung und unzählige Schikanen und Verhinderungsmaßnahmen. Vor allem zeigt das Tagebuch, dass Falk ganz biblisch vor aller Sorge um den Nächsten und sich selbst an erster Stelle aus der Gottesliebe lebte. Im Tagebuch findet sich auch eine Zusammenfassung des christlichen Glaubens, die von der Menschwerdung Gottes ausgeht: „1. Der Glaube an einen in die Zeit gekommenen, erbarmenden Gott, der uns allen ein Beispiel und Vorbild der Heiligung geworden ist; so dass die Christen nicht bloß sagen: ,Wir sind durch Gott‘ sondern: ,Wir sind auch in Gott. In ihm leben leben, weben und sind wir.‘ 2. Die praktische Nachfolge dieses Vorbilds, das sich an seinen Freunden, ja selbst an seinen Feinden zu Tode liebete; also ernstliche Nachfolge Jesu Christi in seinem Werk der Liebe bis zur blutigen Selbstaufopferung.“

Wegweisende Erziehungsarbeit fand Nachahmer

Als Johannes Falk im Februar 1826 starb, waren um die fünfhundert Zöglinge von ihm in Elementarschule, Nähschule, Spinnschule, einer Lehre, in der Sonntagsschule im Lehrerseminar und weiteren Einrichtungen betreut worden. Seine wegweisende Erziehungsarbeit mit gefährdeten Jugendlichen war beispielhaft für viele Neugründungen. Seine Grabinschrift hat Falk selbst verfasst, sie schließt mit dem Satz: „Weil er Kinder aufgenommen,/ lass ihn einst mit allen Frommen/ als dein Kind auch zu dir kommen.“

Über Falks letztes Weihnachtsfest 1825 berichtet seine Frau Caroline: „Am Weihnachtsheiligen Abend schien er auch auf dem besten Weg zu sein, er ließ sich in die Nebenstube führen, wo den Kindern eine kleine Weihnachtsbescherung errichtet war, und sagte: Seht Kinder, hier bringe ich euch allen eine Weihnachtsbescherung.“

Themen & Autoren

Kirche