Heilung geht vom Herzen aus

Josef Piepers Lesebuch über die Tugenden bleibt im 21. Jahrhundert unverändert aktuell. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: KNA | Lieblich anzuschauen, im täglichen Leben jedoch eine Frage beständigen Trainings: die Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung, dargestellt in Frauengestalt im Münster in Zwiefalten.

Tugenden sind unentbehrlich. Dies gilt sowohl für das Gelingen des Lebens jedes Einzelnen wie für ein harmonisches Zusammensein innerhalb der Gemeinschaft, eine Tatsache, die in der akademischen Philosophie nach langen Jahren kritischer Distanz zur ständigen Arbeit am eigenen Charakter innerhalb eines klar definierten Wertesystems inzwischen wieder anerkannt ist. Gesamtgesellschaftlich gesehen hingegen ist das Thema Tugenden aber immer noch eine absolute Randerscheinung. Kaum jemand sieht ein, was es ihm bringen könnte, sein Handeln an Normen und Geboten auszurichten. Etwas zu tun, weil man es soll, scheint keinen Sinn zu machen und tatsächlich ist dieser Ansatz auch grundfalsch. Schon in der Antike und im Mittelalter setzte man deshalb, wie Berthold Wald in seinem inhaltlich dichten Vorwort zur Neuausgabe von Josef Piepers Lesebuch „Von den Tugenden des menschlichen Herzens“ betont, nicht beim lästigen Sollen, sondern beim innersten Wollen an, wenn es um das Formulieren ethischer Grundsätze ging. Denn Tugend wächst nicht auf der freien Wildbahn oder an den Rändern der hellerleuchtenden Einkaufsstraßen der Hauptstädte dieser Welt, sondern inmitten des menschlichen Herzens. Natürlich kann das mitunter unruhige Herz irren und einem scheinbar gewollten Weg folgen, der vom eigentlichen, zumeist engeren Pfad abweicht und eben nicht in die Fülle, sondern in eine nur temporäre und die sehnende Seele leer zurücklassende Wunscherfüllung führt. Genau deshalb bedarf der Mensch, soll sein Leben gelingen, einer Ordnung seiner Emotionen, Leidenschaften, seines Denkens, Wollens und Liebens. Wer Piepers 1934, 1935, 1937 und 1939 erschienene Schriften über die Tapferkeit, die Hoffnung, die Klugheit, die Zucht und das Maß liest, tritt in eine Gedankenwelt ein, in der eine solche Ordnung wachsen kann.

1941 wurden die Tugendschriften erstmals als Lesebuch ediert, auch damals in schwieriger Zeit und in dem Bewusstsein, dass dies das letzte Buch des Autors sein würde, dessen Erscheinen im Tausendjährigen Reich akzeptiert werden würde. Die Nationalsozialisten hatten nach flüchtiger Lektüre der Gedanken Piepers über die Tapferkeit, die sie ihren Anhängern ausdrücklich zu lesen empfahlen, ihren Irrtum schnell korrigiert. Denn Pieper versteht unter dieser geistigen Grundhaltung keineswegs eine Verbindung von Angriffslust, übersteigertem Selbstvertrauen und Zorn, sondern sieht vielmehr das Standhalten, die Geduld und den Willen zur Gerechtigkeit als förderlichen Quellgrund für diese Tugend an. Zwar ist der Tapfere bereit, sein Leben zu riskieren, aber nicht, weil er gern mit dem Kopf voran durch die Wand rennt oder mit vor dem Unrecht fest verschlossenen Augen einem fehlgeleiteten Führer hinterherläuft, sondern deshalb, weil er genug Herzensbildung hat, sein Leben nicht auf eine Weise zu lieben, die ihn genau dieses verlieren lassen würde.

Piepers Schriften sind immer eine lohnende Lektüre, denn der 1904 geborene und 1997 gestorbene christliche Philosoph denkt den Begriffen auf eine Art und Weise nach, die selten geworden ist, zumal in einer Zeit wie der unseren, in der der Sprachverfall denkgefährdende Ausmaße angenommen hat. Neben dem immer mituntersuchten Wortsinn bietet Pieper zu jeder Tugend ein weitverzweigtes Netzwerk von Denktraditionen. Hier kommt nicht nur der in seinem Denken stets gegenwärtige Aquinate zu Wort, auch die in den Schriften der spätantiken Theologen und Kirchenväter Hieronymus, Ambrosius und Augustinus oder bedeutender mittelalterlicher Theologen wie Gregor der Große, Johannes von Damaskus, Alkuin, Hrabanus Marus oder Petrus Lombardus verborgenen Schätze werden in Beziehung zu den jeweils vorgestellten Tugenden gesetzt. Pieper versteht es, frei und souverän in der Gedankenwelt dieser geistigen und geistlichen Autoritäten zu navigieren und bleibt deshalb vor dem traurigen Schicksal mancher zeitgenössischer Philosophen bewahrt, die in selbstgefälliger geistiger Aufgeblasenheit Neuheiten verkünden, deren Existenz andere weit vor ihnen bemerkt und nicht selten gründlicher bedacht haben.

Was an diesem Buch neben seiner gelassenen Gelehrsamkeit besonders begeistert ist die stringente Hinordnung des Nachdenkens über die Tugenden auf ein sinnerfülltes Leben. „Tugend“, so schreibt Pieper, „ist das Äußerste dessen, was ein Mensch sein kann; sie ist die Erfüllung menschlichen Seinkönnens.“ Überflüssig, zu betonen, dass Pieper hier natürlich das christliche Leben im Blick hat. Das Wachsen der Tugenden im menschlichen Herzen beschreibt der Philosoph als natürlichen Prozess. Im Glauben der Wirklichkeit Gottes innegeworden, wird er durch die Hoffnung befähigt, sein Dasein in die Perspektive des ewigen Lebens zu stellen. Die Liebe öffnet ihn für Gott und den Nächsten, die Klugheit ermöglicht ihm, zwischen ungeordnetem Wollen und den Erfordernissen der Wirklichkeit zu unterscheiden. Die Gerechtigkeit stärkt seinen Gemeinsinn und befähigt ihn, eigene Bedürfnisse zugunsten eines größeren Ganzen hintanzustellen. Die Tapferkeit gibt den Mut zur Verwundbarkeit im Dienste der Wahrheit und das Maßhalten ermöglicht die sinnvolle Beschränkung des Habenwollens, um der Zerstörung der Umwelt und des Gemeinwesens vorzubeugen.

Allein diese knappe, am Denken Thomas von Aquins orientierte Zusammenfassung im ersten Aufsatz dieses Lesebuches, sollte zum Allgemeinwissen aller Christen gehören, liefert sie doch ein vernünftiges handlungsleitendes Instrumentarium in einer Welt, die genau wie diejenige, in der Pieper diese Gedanken formulierte, von Gewalt, Rassismus und Christenverfolgung geprägt ist. Ausführlich denkt Pieper über die Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß nach. Einen weiteren Schwerpunkt setzt er bei den theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe, wobei er der heute wieder so wichtigen Hoffnung ein weiteres „Selbstgespräch über die Hoffnung“ genanntes Kapitel widmet. Bestürzend modern, gerade im Hinblick auf die vielen jungen Menschen, die im Namen Gottes zu Mördern werden, sind seine Gedanken zum Thema „Ist „Heldentum“ noch aktuell?“ Das „Gespräch über die Einfachheit“ bietet in einer zwischen sokratischem Dialog und Selbstgespräch angesiedelten Form ein Kaleidoskop wegweisender Gedanken, die heute, wo sich so viele nach einem einfacheren Leben mit weniger Besitz sehnen, eine gute Grundlage zum Sortieren der vielen Überflüssigkeiten bieten, durch die unser Leben unnötig belastet wird. Bemerkenswert und geradezu revolutionär sind Piepers Einlassungen zum Thema Sehen, die in den letzten beiden Beiträgen dieses Buches dargelegt sind. Er beklagt schon damals die massive seelische Blindheit, die Unfähigkeit, die ganze Wirklichkeit wahrzunehmen. Man fragt sich bei der Lektüre unwillkürlich, was er wohl heute angesichts von Menschen, die, den Blick starr auf ein kleines Display gerichtet, die wirkliche Welt an sich vorüberziehen lassen, zu diesen Thema sagen würde. Denn er selbst sah – sowohl die leuchtend bunten Fische, die den Bug des Schiffes umschwammen, das ihn aus den USA zurück nach Europa brachten oder die Schachtische auf dem Washington Square, mit denen die amerikanische Gemeindeverwaltung ihren aus Italien stammenden Neubürgern die Integration in ihre neue Heimat erleichterte. Im „Experiment mit der Blindheit“ treibt Pieper diese Gedanken dann mit erfrischendem Humor auf die Spitze. Seine Auslegung des Gleichnisses von der Heilung der Blindgeborenen ist ein Musterbeispiel einer Mischung aus narrativer Exegese und philosophischem Gedankenspiel.

Josef Pieper: Von den Tugenden des menschlichen Herzens. Ein Lesebuch mit einem Vorwort von Berthold von Berthold Wald. Topos Plus Verlag, Kevelaer 2017, 160 Seiten, ISBN 978-3-8367-0021-4, EUR 15,40

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