Theologe

Hans Urs von Balthasar: Wuchtig, kantig und eigenwillig

Zum 30. Todestag des Theologen und Kardinals Hans Urs von Balthasar. Von Stefan Hartmann
Hans Urs von Balthasar
Foto: IN | Der große Theologe Hans Urs von Balthasar (1905–1988) entstammte einer alten Luzerner Patrizierfamilie.

An einem Sonntagmorgen vor dreißig Jahren, am 26. Juni 1988, ist in Basel wenige Tage vor seiner in Rom geplanten Kardinalserhebung plötzlich und unerwartet der Schweizer Theologe, Schriftsteller, Übersetzer und auch Verleger Hans Urs von Balthasar verstorben. Papst Johannes Paul II., der ihm seit dem Treffen noch in Polen mit Franciszek Blachnickis „Oase-Bewegung“ eng verbunden war, erreichte die Todesnachricht im Salzburger Dom. Kardinal Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., hielt in der Luzerner Hofkirche das Requiem für den ihm geistlich und theologisch verbundenen Freund.

Stimmen nach dem Tod von Hans Urs von Balthasar

Über den 1905 in Luzern als Sohn einer Patrizierfamilie geborenen Autor äußerte der evangelische Systematiker Horst Georg Pöhlmann:

„Hans Urs von Balthasar ist der wohl wuchtigste, kantigste und eigenwilligste unter den großen katholischen Gegenwartstheologen. Sein oeuvre erreicht an Umfang, Tiefgang und Sprachgewalt Luthersche Dimensionen.“

Viel zitiert wurde das Urteil seines Lehrers und Freundes im Lyoner Jesuitenkollegiums, Henri Kardinal de Lubac (1896–1991), dass Balthasar „vielleicht der gebildetste Mann seiner Zeit“ sei. Der Vermittler der Kirchenväter und kritische Begleiter Pierre Teilhards de Chardin, der sich auch intensiv mit dem modernen Atheismus, mit Friedrich Nietzsche und dem Buddhismus befasste, fügte in seiner damaligen Würdigung anlässlich des 60. Geburtstages Balthasars die Bekräftigung hinzu: „Und wenn es noch so etwas wie eine christliche Kultur gibt, hier ist sie!“ Jemand, der ihm erstmals begegnete, soll gesagt haben: „Ich hatte den Eindruck, ihn schon seit je zu kennen. Es schien mir, als ginge ich mit einem unter die Helvetier verschlagenen Kirchenvater spazieren, zu dessen Vorfahren ebenso die Magier-Könige wie Wilhelm Tell zählten.“

Person und Profil 

Der Verfasser einer theologischen Ästhetik in sieben Bänden mit dem vor-feministischen Titel „Herrlichkeit“ sei mit seinem Werk knapp wahrgenommen und in seiner einzigartigen „Gestalt“ erblickt. Dabei gilt für ihn und seine Rolle in Theologie und geistiger Auseinandersetzung der Gegenwart auch jene Matthias-Claudius-Strophe, die er seinem nachkonziliaren Erfolgsbüchlein „Klarstellungen. Zur Prüfung der Geister“ (1971) voranstellte:

„Seht ihr den Mond dort stehn?/ Er ist nur halb zu sehen,/ Und ist doch rund und schön!/ So sind wohl manche Sachen,/ Die wir getrost belachen,/ Weil unsre Augen sie nicht sehn.“

Da wären als „manche Sachen“ seine klare Katholizität mit Loyalität gegenüber Papst und Bischöfen, seine Abwehr gegenüber Vereinnahmungen von welcher Seite auch immer, seine unbestechlichen und manchmal weh tuenden Urteile und nicht zuletzt seine Verbindung zur Basler Ärztin, Konvertitin und Mystikerin Adrienne Kaegi-von Speyr (1902–1967), die 1950 zu seinem Austritt aus dem Jesuitenorden führte, weil er durch eine Inspiration des heiligen Ignatius von Loyola mit ihr den geistlichen Auftrag erhielt, eine zunächst nur aus Laien bestehende „Johannesgemeinschaft“ zu gründen. Hinzu kam ein gelegentlich als elitär-unnahbar und, trotz Gründung einer internationalen katholischen Zeitschrift mit dem Namen „Communio“, solitär empfundenes Erscheinen und Auftreten. Doch hat sich Balthasar kaum einer berechtigt an ihn herangetragenen Bitte um ein seelsorgerisches Gespräch, einen Vortrag oder einen schriftlichen Beitrag entzogen, nur mit großer Reserve von sich selbst gesprochen und konnte eine ansteckende Freundlichkeit und Heiterkeit ausstrahlen. Andere haben ihn als arrogant empfunden.

Zur Mitwirkung am Zweiten Vatikanischen Konzil wurde Balthasar nicht eingeladen, es hätte ihm auch wenig entsprochen. Er bedauerte einmal, dass nicht eine wirkliche Reform, sondern ein „aggiornamento“ zentraler Begriff des Konzils war. Dies alles mag dazu beigetragen haben, dass seine Rezeption und sichtbare Wirkung zunächst hinter der anderer bekannter Theologen zurückblieb. In Italien, Frankreich und den angelsächsischen Ländern gibt es eine breite Beschäftigung mit seinem Werk.

Der Innsbrucker Jesuit Raymund Schwager (1935–2004) hat intensiv im Blick auf René Girard mit Balthasar korrespondiert. Auch in deutschsprachigen Theologenkreisen ist er mittlerweile so anerkannt wie sein zeitweiliger Antipode Karl Rahner. Unter der Pragmatisierung und Säkularisierung der Theologie leidet beider Nachwirkung. Zu Balthasars bekannten Schülern zählt heute der Präfekt der Bischofskongregation, der Kanadier Kardinal Marc Ouellet, im deutschen Episkopat sind die Bischöfe von Münster, Regensburg und Trier von seinem Geist und/oder vom priesterlichen Zweig der „Johannesgemeinschaft“ geprägt. Kardinal Christoph Schönborn, der Erzbischof von Wien, stand in engem Austausch mit dem Basler Theologen, der mehrere seiner Schriften verlegte. Kardinal Karl Lehmann (1936–2018) hat ihn aus Freiburg oft kontaktiert und noch 2016 in Basel einen Vortrag über seine Sicht der Weltreligionen gehalten.

Werk und Wirkung

Balthasars zahlreiche Schriften sind über die Auslieferung des von ihm 1947 gegründeten „Johannes Verlag Einsiedeln“ (www.johannes-verlag.de), der nach einem kurzen Intermezzo in Trier seit 1990 seinen Sitz in Freiburg im Breisgau hat, lückenlos erhältlich und ein internationales Gesamtverzeichnis der umfassenden Sekundärliteratur ist über das Internet einsehbar.

Eine Monografie verfasste der Italiener Elio Guerriero (Freiburg 1993), der jüngst auch Benedikt XVI. porträtierte (Freiburg 2018). Mehrere biografische Studien hat Manfred Lochbrunner veröffentlicht. Neben Ehrendoktoraten (Edinburgh, Münster, Fribourg, Washington) erhielt Balthasar unter anderem den „Romano Guardini-Preis“ der Katholischen Akademie in Bayern (1971), den von Papst Johannes Paul II. in Rom überreichten „Internationalen Preis Paul VI.“ (1984) und den „Wolfgang Amadeus Mozart-Preis“ der Basler Goethe-Stiftung (1987). 2005, im Jahr seines in mehreren Symposien gewürdigten 100. Geburtstages, hat ihm die Luganeser „Internationale Stiftung Humanum“ in Luzern posthum ihren „Augustin-Bea-Preis“ zuerkannt, dessen Betrag der „Hans Urs von Balthasar-Stiftung“ für den Ausbau eines modernen Balthasar-Archivs in Basel zugute kam.

Wofür steht aber nun Werk und Wirkung des großen Schweizer Gelehrten und Kirchenmannes? Es gibt nicht die Schablone, die ihm gerecht werden würde: progressiv oder konservativ, traditionalistisch oder modernistisch, auch der sogenannten „nouvelle théologie“ lässt er sich trotz seines Lyoner Studiums nicht einfach zuordnen. Sein vorkonziliar progressives Image („Schleifung der Bastionen“, 1952) kehrte sich nachkonziliar in sein Gegenteil um, seit er mit „Cordula oder der Ernstfall“ (1966) harte Anfragen an ein „anonymes Christentum“ richtete oder in indirekter Bezugnahme auf Carl Schmitt einen „antirömischen Affekt“ (1974) als „Selbstzerstörung der Kirche“ (so 1986 in der Festschrift für Joseph Ratzinger) ausmachte. Ebenso heftig stritt er sich mit Tendenzen in seinem ehemaligen Orden, der sich seiner Ansicht nach zu sehr auf teilweise marxistisch inspirierte Befreiungstheologien oder im Religionsdialog auf dogmatische Dekonstruktionen einließ.

Unter den neueren geistlichen Bewegungen stand ihm das vom befreundeten Italiener Luigi Giussani (1922–2005) gegründete „Comunione e Liberazione“ am nächsten. Irritationen verursachte Balthasar selbst durch seine – wenn auch biblisch begründeten – Annäherungen an eine Allversöhnungslehre, die beim Erwägen einer möglicherweise „leeren Hölle“ den Ernst des biblischen Gerichtsgedankens auflösen könnte.

Was den akademischen Zugang zu seinem breiten Werk angeht, machte Balthasar 1975 in einem „Herderkorrespondenz“-Gespräch die Bemerkung:

„Meine Bücher sind keine zünftige Theologie, darum für Dissertationen auch nicht sonderlich geeignet.“

Angebote von Lehrstühlen lehnte er mehrfach ab. Seit er 1940 erstmals vor die Wahl dieser Alternative gestellt war, zog er den pastoralen und theologischen Dienst am geistlichen Leben einer universitären Laufbahn vor. Sein Gang des Denkens war oft assoziativ und verweisend auf andere:

„Origenes oder Bernanos ... stehen mir zum Beispiel näher als manches von mir selbst Geschriebene.“

Als die entscheidende Schule gelten ihm die Heiligen – oder Schriftsteller wie Dante, Gerard Manley Hopkins, Charles Péguy, Paul Claudel und Reinhold Schneider. Im Vorwort zu seiner Programmschrift „Glaubhaft ist nur Liebe“ schrieb er:

„Die Liebenden wissen am meisten von Gott, ihnen muss der Theologe zuhören.“

Balthasars Denken

Balthasars Denken und Schreiben verläuft in Kreisbewegungen und deutet im Sinne Goethes auf eine lebendige Gestalt hin, die vorgegeben ist und nicht an ein apriorisches Raster der Erkenntnis anzupassen wäre.

Mehr als der katholischen Tübinger Schule (die bis zu Walter Kasper und Peter Hünermann reicht) gelingt Balthasar mit seiner „Theologik“ eine Überwindung Hegels, mehr als Karl Barth mit seiner theologischen Ästhetik eine Antwort auf Nietzsche, mehr als Karl Rahner mit seiner „Theodramatik“ und Geschichtstheologie die christliche Unterfassung von Martin Heideggers und Emmanuel Levinas' Philosophie des Seins, der Zeit und des Anderen.

Die Gestalt Jesu und ihre spirituell-theologische Auswortung als Offenbarung der in alle Tiefen vordringenden göttlich-dreieinigen Liebe will auch in ihrer intellektuellen Durchdringung analog zur Gabe der Eucharistie als „reale Gegenwart“ (G. Steiner) wahrgenommen werden. Deshalb entzieht sie sich dem rein akademischen Zugriff, der sie den Interpretationsnormen einer „sekundären Welt“ unterwirft. Vorbild ihrer Annahme ist für Balthasar die Bereitschaftshaltung Marias von der Verkündigung bis zur Tragik des in Tod und Höllenabstieg endenden Kreuzweges. Die marianische Prägung der Kirche sieht er der Leitung durch die petrinische Hierarchie vorgeordnet.

Sein Zeugnis

Dass der einzigartigen Gestalt des Werkes dennoch eine Gestaltlosigkeit in Rezeption, Wahrnehmung und Nachwirkung korrespondiert, entspricht dem Thema, dem er sich wie sein Namenspatron Johannes der Täufer mit dem überdimensionalen Finger auf dem Kreuzigungsbild Grünewalds in seinem ganzen Leben und Wirken gewidmet hat. Doch näher stand ihm als Theologe und Gründer eines Säkularinstitutes der andere Johannes, der mit seiner Mutter real unter dem Kreuz stand und als erster den Auferstandenen erkannte: „Es ist der Herr!“ (Joh 21,7). So identifiziert er ihn auch, anders als die Exegese, mit dem Verfasser der Apokalypse.

Um zusammenfassend an einige seiner bekannten Buchtitel anzuknüpfen: Es ging dem Schweizer Gelehrten in seiner einzigartigen Theologie immer um die Ausstrahlung der unverfälschten katholischen Glaubenswahrheit in die Welt („Katholisch“, 1975), der nach der „Schleifung der Bastionen“ (1952) der Kern der allein glaubhaften christlichen Liebe („Glaubhaft ist nur Liebe“, 1963) und der grenzenlosen Hoffnung („Was dürfen wir hoffen?“, 1986) zu vermitteln ist – durch die Kirche und gesandte Zeugen, die „In Gottes Einsatz leben“ (1971), dabei aber immer beachten: „Christen sind einfältig“ (1983). Nicht populistische Kosmetik, sondern eine „Reform aus dem Ursprung“ (Titel seines Guardini-Buches von 1970) war Balthasars Ideal und Wirkungsziel.

Video: Letztes Interview mit Hans Urs von Balthasar

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