„Handeln, wie Christus es uns vorgemacht hat“

Ein Gespräch mit Kurienkardinal Paul Cordes, dem Präsidenten des Päpstlichen Rats „Cor Unum“

Was ist das für ein Gefühl, hier in Krakau-Lagiewniki die Messe zu lesen und von den Menschen mit soviel Herzlichkeit begrüßt zu werden?

Für mich ist dieser Ort etwas ganz besonders. Ich war als junger Weihbischof von Paderborn das erste Mal in den 70er Jahren in Krakau, als die neugebaute Kirche im Stadtteil Nowa Huta eingeweiht wurde. Damals habe ich Karol Wojty³a, den späteren Papst Johannes Paul II. zum ersten Mal persönlich kennengelernt. Er war mir menschlich von Anfang an sehr nah und ihm verdanke ich auch das Interesse für die mystischen Erfahrungen der Ordensschwester Faustyna, die diesen Ort hier wesentlich geprägt haben. Was die Stimmung der Caritas-Wallfahrt betrifft: Das ist natürlich sagenhaft. Das fröhlich-fromme Miteinander von Glauben und sozialem Engagement, wie es für die polnische Caritas typisch ist, spricht für sich selbst.

Ihr Buch „Helfer fallen nicht vom Himmel“ ist jetzt auch in Polen erschienen. Man sieht: Die Leute reißen sich förmlich darum. Erlauben Sie dennoch die Frage: Warum ist die Kirche eigentlich immer noch karitativ tätig? Diese Aktivitäten werden doch gerade in den hochentwickelten Ländern von der Politik und bestimmten sozialen Organisationen bestens ausgefüllt. Sollte die Kirche es nicht diesen säkularen Organisationen überlassen?

Zunächst einmal: Kaufen heißt ja noch nicht lesen! (lacht) Deshalb erinnere ich diejenigen, die ein bisschen Deutsch verstehen, daran, dass sie das Buch, versehen mit Unterschrift und Widmung, nicht gleich in den Schrank stellen sollen. Was den anderen Teil Ihrer Frage betrifft. Es gehört zum Sendungsauftrag der Kirche, dass wir handeln wie Christus uns es vorgemacht hat: Es ging immer um die Verkündigung in der Gegenwart des Vaters, um die Feier dieses Vaters in der Liturgie und um die gute Tat. Die Dinge gehören zusammen: Martyria, Diakonia und Liturgia. Die Caritas gehört also zu den Grundfunktionen der Kirche. Zum anderen ist es sicher so, dass die Glaubwürdigkeit des Wortes der Verkündigung davon abhängt, ob dieses Wort auch praktiziert wird. Von daher ist die Kirche nicht nur aufgrund der Theologie, sondern auch aufgrund der Effizienz der Verkündigung genötigt, Caritas, sprich Nächstenliebe zu praktizieren. Ein drittes Argument: Im karitativen Tun der Kirche gibt es Elemente, die das weltliche Hilfeleisten nicht sieht und nicht realisiert. Wenn ich am Bett eines Sterbenden stehe, dann kann ich nicht mit materieller Hilfe kommen. Dann muss ich Hoffnung wecken, dann geht es um eine Dimension im Leben, die im innerweltlichen Miteinander nicht mehr präsent oder zumindest sehr verkürzt ist. Als ich nach dem Genozid einmal in Uganda war und an den Massengräbern stand, da musste ich diesen Frauen was vom Ewigen Leben erzählen. Da kann ich nicht mehr mit Kinderspeisung kommen, so wichtig das auch ist.

Stichwort Effizienz: Gerade in reichen Ländern sind die Caritas-Einrichtungen oft sehr effiziente, sehr erfolgreiche Unternehmen: Was kann man tun, dass sie Einrichtungen des christlichen Zeugnisses bleiben und nicht zu reinen Profitunternehmen werden?

Die Enzyklika „Deus Caritas est“ hat daran erinnert: Wenn wir lieben, dann lieben wir aus der Kraft, die Gott uns gegeben hat. Man muss sich also über die Dinge bewusst werden. Das ist das eine. Ich muss das auch als Leerstelle ausmachen, dass eventuell dieses christliche Element zu kurz kommt. Wir von „Cor Unum“ sind im Moment dabei, zu den verschiedenen Bischofskonferenzen zu reisen und den Bischöfen klarzumachen, welche Verantwortung sie haben. Wir sind bestimmt schon bei zehn Bischofskonferenzen gewesen. Wir haben Exerzitien angeboten in Guadalajara für die Präsidenten und Direktoren der Caritas. Fünfhundert sind gekommen. Leute von denen man denken könnte, dass sie immer nur Projekte machen wollen, doch die waren dankbar für Exerzitien. Dieses Jahr finden die Exerzitien in Taiwan statt, und wir machen das, weil wir überzeugt davon sind, dass der erste Teil der Enzyklika, die Frage nach Gott und unserer Verbindung zu ihm ganz wichtig ist – speziell für Caritas-Mitarbeiter. Man kann ja nicht sagen, die Sache mit Gott ist erledigt, das brauchen wir nicht mehr. Es geht darum, dies bewusst zu machen, sodass Caritas-Mitarbeiter Menschen sind, welche die Grunddaten des christlichen Lebens ernst nehmen. Caritas hat nicht nur mit Büro zu tun, sondern damit, dass jemand sein Leben bewusst als Christ lebt und praktiziert. Wie übrigens auch die Journalisten bei guten Zeitungen.

„Soziale Tätigkeit

entspricht dem

innerweltlichen Denken. Ich lasse mich eher von dem berühren, was in meine Kategorien passt. Wenn jemand gar nicht mehr an Gott glaubt, dann ist für ihn schon das Wort ,Gott‘

inexistent“

Haben Sie den Eindruck, dass die soziale Tätigkeit der Kirche in den Medien ein überwiegend positives Echo findet, während evangelistischer Einsatz mit Skepsis, wenn nicht gar mit Feindschaft aufgenommen wird?

Aber auf jeden Fall! Und zwar aus einem Grund: Soziale Tätigkeit entspricht dem innerweltlichen Denken. Ich lasse mich eher von dem berühren, was in meine Kategorien passt. Wenn jemand gar nicht mehr an Gott glaubt, dann ist für ihn schon das Wort „Gott“ inexistent. Wenn sich aber jemand engagiert für die Nächstenliebe, wird er sich auch freuen, dass die Kirche das auch tut. Das ist nicht schlecht, aber es reicht nicht.

Was seit einiger Zeit auffällt, ist die Tendenz bei sozial aktiven Priestern oder Ordensleuten, die religiösen Attribute sukzessive aus der öffentlichen Wahrnehmung zu entfernen, vielleicht um nicht in der Verdacht der Proselytenmacherei zu geraten oder um auf dem Niveau der Nächstenliebe dialogfähig zu sein. Ist das eine gute Entwicklung?

Absolut nicht! Unsere Welt ist so neutral Gott gegenüber, wenn nicht sogar feindlich. Denken Sie an diese Aktion mit den Bussen in London. Da brauchen wir Leute, die sagen: Ich gehöre zu Ihm! Ich setze auf Gott! Das kann man, indem man von Gott redet, aber wahrscheinlich noch intensiver, indem man die Verbundenheit durch die Kleidung zum Ausdruck bringt. Ich weiß von Schweizer Nonnen in Indien, die aus der Schweiz die Anordnung bekamen, die Kreuze abzunehmen. Dagegen haben wir uns gewehrt und die Nonnen auch. Sie haben ihr Programm aufgegeben, weil man sie bei der Finanzierung dieses Programms nötigen wollte, die christlichen Symbole abzunehmen. Wir haben mehr zu verkaufen als soziale Dienstleistungen und wollen auch sagen, dass wir das zu verkaufen haben.

Lassen Sie uns auf einen Mann zu sprechen kommen, der zumindest in den deutschen Medien in letzter Zeit wenig Nächstenliebe erfahren hat: Papst Benedikt XVI. Vom 8. bis 15. Mai besucht er das Heilige Land. Was erwarten sie von dieser Reise? Welche Hoffnungen verbinden Sie damit? Ist die Visite in Jordanien, Israel und den Palästinensergebieten seine vielleicht wichtigste Reise bisher?

Ob es die wichtigste ist, kann ich nicht beurteilen, aber generell habe ich festgestellt: Immer wenn dieser Papst Reisepläne hatte, die problematisch erschienen und bei denen viele Leute ausführten: Das ist aber gefährlich, das geht aber nicht, das ist eine haarige Sache, dann hat er es irgendwie verstanden, die Situation dieses Landes wieder für Christus, für die Kirche, für den Glauben hin zu öffnen. Ich denke zunächst an die Vereinigten Staaten. Wie schwierig sah es aus, als er da hinging und wieviel Zustimmung hat er gefunden! Ich denke auch an die Reise nach Frankreich, die ganz deutlich gezeigt hat: Dieser Papst ist sensibel – und das merken die Leute! Er kommt nicht wie ein Funktionär und liest seinen Text ab. Die Menschen in der ganzen Welt merken: Er ist persönlich beteiligt. Er gibt sich selber voll hinein in das, was er tut, und er ist aufrichtig in allen Dingen. Das kommt rüber! Von daher erwarte ich schon, dass viele dieser aktuellen schwierigen Situationen im Heiligen Land aufbrechen werden. Zum Guten!

Wie beurteilen Sie das Besuchsprogramm, das sich in einigen Punkten doch sehr von dem unterscheidet, wie es im Jahr 2000 bei Johannes Pauls II. Besuch war. Zum Beispiel wird es – anders als damals – nicht nur Messen mit Begegnungen mit der Bevölkerung in Bethlehem geben, sondern auch in Jerusalem. Und es gibt eine große Messe in Galiläa, diesmal nicht am See, abseits von der Bevölkerung, sondern im arabischen Nazareth, wo die meisten Christen leben.

Ich finde es wichtig, dass die Christen des Heiligen Landes eine besondere Zuwendung erfahren. Und zwar aus einem einfachen Grund: Wir müssen was tun, dass die dort bleiben! Wenn nicht, wird das, was uns dort sehr teuer und sehr wichtig ist, eines Tages zum Museum werden. Natürlich ist die Begegnung mit den Juden im Sinne der Gemeinschaft der Religionen wichtig, aber wichtig ist jetzt auch die Stärkung der Christen im Heiligen Land, damit uns der Brückenpfeiler vom Westen her dorthin erhalten bleibt. Das kann man am besten, indem man was für die Menschen tut. Die Bayerischen Bischöfe haben dem Papst anlässlich seines Besuches eine Million Euro geschenkt und dieses Geld ging via „Cor Unum“ nach Nazareth für ein Zentrum der Christen dort. Ich bin selber hingefahren. Wir müssen den Christen dort helfen, dass Sie leben können. Es werden immer weniger. Wir müssen ihnen zeigen: Wir brauchen Euch. Nur dann bleiben sie da.

Zur Gemeinschaft der Religionen zählen im Heiligen Land auch die Muslime: Eine Gruppe von Muslimen hat – wie zu lesen war – in Nazareth bereits Zettel verteilt, auf denen dem Papst gesagt wurde, er soll sich erst für die Regensburger Rede entschuldigen, bevor er kommt. Wie lässt sich bei dieser Reise der Dialog mit den Muslimen vertiefen?

Wissen Sie, manchmal denke ich, es gibt Gruppen oder Personen, die bei solchen und ähnlichen Ereignissen keine Mittel scheuen, um auf sich aufmerksam zu machen. Das ist nicht sachlich begründet, sondern eine billige Chance, in die Öffentlichkeit zu gelangen. Der Papst fragt mich nicht, was er zu tun hat, aber ich würde auf derartige Provokationen überhaupt nicht reagieren. Da gab es so viele Gespräche in der Zwischenzeit. Solch eine alte Geschichte wieder aufzuwärmen erscheint mir nicht nötig. Dreizehnmal habe ich über eine Sache etwas gesagt und nun melde ich mich zum vierzehnten Mal zu Wort, um mich interessant zu machen. Darauf würde ich nicht reagieren.

Trauen sie den deutschen Medien zu, angemessen und objektiv über die Papst-Reise zu berichten?

Ich will nicht schlecht über die Journalisten reden, aber manche lassen ihre eigene Meinung sehr stark in die Nachricht mit einfließen. Die Nachricht kommt dann schon gefiltert zum Empfänger. Umso wichtiger ist es, dass der Papst persönlich da ist, dass man ihn sehen kann und dass man versucht, zu verstehen, was er wirklich sagt und was er wirklich will. Das macht einen großen Unterschied.

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