„Grundlegende Übereinstimmung“

Dialogtreffen von DBK und russisch-orthodoxer Kirche – Christliches Menschenbild Thema

Weltenburg (om) Nach elfjähriger Pause traf sich vergangene Woche erstmals wieder die Dialogrunde der Deutschen Bischofskonferenz und der Russischen Orthodoxen Kirche. Bei der Tagung im bayerischen Benediktinerkloster Weltenburg standen keine kontroverstheologischen Fragen auf der Tagesordnung. Vielmehr ging es um das christliche Menschenbild im Kontext europäischer Entwicklungen.

Beide Seiten wiesen in einer abschließenden Erklärung auf ihre „grundlegende Übereinstimmung in Fragen der Anthropologie“ hin. Sowohl die orthodoxe als auch die katholische Kirche betonten die in der Gottesebenbildlichkeit gründende Würde des Menschen. Als gemeinsamer Leitbegriff des Nachdenkens über den Menschen erweise sich der Begriff der Person. Von der Trinitätstheologie herkommend sei der Begriff der Person immer schon hingeordnet auf die Gemeinschaft. „Das Leben in Beziehungen gehört grundsätzlich zum Menschen dazu.“ Individualistische Tendenzen der neuzeitlichen Kultur widersprächen dem. Mit der Würde eng zusammen hänge die Freiheit der Person. Sie dürfe jedoch nicht zu einer Selbstbezogenheit des Individuums oder zur Beliebigkeit in ethischen Fragen führen. Vielmehr korrespondiere seiner in der Würde gründenden Freiheit die Pflicht des Menschen, sich um das Wohl seiner Mitmenschen zu sorgen.

Neben grundlegenden Reflexionen zur christlichen Anthropologie berieten die Delegationen mit dem Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller und dem Berliner Erzbischof Feofan an der Spitze auch Fragen der Rolle der Kirchen in einer pluralistischen Gesellschaft. Beide Seiten kamen im Grundsatz der Unterscheidung der Kompetenzen von Kirche und Staat überein. Zugleich betonten sie die Notwendigkeit einer Kooperation von Kirche und Staat im Sinne des Gemeinwohls. Der für Berlin und Deutschland zuständige Erzbischof Feofan sagte beim Pressegespräch, dass man in Russland noch immer auf der Suche nach einem tragfähigen Staat-Kirche-Modell sei. Ausdrücklich schloss er auf Nachfrage dieser Zeitung aus, dass die russische Orthodoxie nach dem Status einer Staatskirche strebe. „Wir wollen keine Privilegien.“ Die historische Rolle der Orthodoxie für Russland müsse dennoch stärker berücksichtigt werden. Der Kampf der Kirchen in der Europäischen Union um einen Gottesbezug in der EU-Verfassung sei eine Parallele dazu. Gleichzeitig warb er um Verständnis, dass das Konzept der Trennung von Kirche und Staat für orthodoxe Ohren noch immer nach der Sowjetzeit klinge, als die Kirche aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens verbannt worden sei.

Keine sozialethische Tradition in russischer Kirche

Die sozialethische Reflexion sei in der russischen Kirche nicht sehr weit fortgeschritten. Teilweise sei das Nachdenken darüber bei den Kanones des neunten Jahrhunderts stehengeblieben. Es konnte deshalb im Zusammenhang mit der Erstellung des großen Lehrschreibens seiner Kirche zur Sozialethik aus dem Jahre 2000 auf keine große Tradition zurückgegriffen werden. Es sei aber angesichts der Heiligen Schrift und der patristischen Tradition klar gewesen, dass es in Fragen von Abtreibung und Euthanasie kein Anbandeln mit der Welt geben dürfe.

Feofan berichtete überdies von den Schwierigkeiten, denen das Staat-Kirche-Verhältnis im Alltag noch immer ausgesetzt sei. Wenn die Kirche vor Ort diakonisch tätig werden wolle, müsse sie in aller Regel immer erst einen Kampf mit der Bürokratie führen. Zudem seien die zu Sowjetzeiten enteigneten, für das Leben der Orthodoxie aber so zentralen Ikonen großenteils vom Staat noch immer nicht restituiert worden. „Unsere eigenen Ikonen werden uns in Museen vorgeführt und in Ausstellungen im Westen gezeigt“, klagte Feofan.

Der im Moskauer Patriarchat für inter-christliche Angelegenheiten zuständige Erzpriester Igor Vyzhanov sah indes in der zunehmenden Materialisierung der russischen Gesellschaft die größte Herausforderung für die Kirche des Landes. Für die Generation der 30 bis 40-Jährigen sei der Kommunismus nur noch eine Kindheits- oder Jugenderinnerung. Sie seien jedoch stark von der neuen Ideologie des Geldes infiziert. Die Have-Fun-Ideologie sei schlimmer als der Kommunismus, weil die neuen Atheisten in ihrem Alltag schlimmer lebten als die alten kommunistischen Atheisten. Diese unsittliche Lebenseinstellung sei das größte Hindernis für die Evangelisierung.

Zu aktuellen Fragen der ökumenischen Beziehungen nahm Bischof Müller Stellung. Auf die Frage dieser Zeitung, wie er die Entscheidung des Moskauer Patriarchats bewerte, die Gespräche mit der Evangelischen Kirche in Deutschland nach der Wahl Margot Käßmanns auszusetzen, sagte er, dass er nicht für die russische Kirche sprechen könne. Hinsichtlich des Männern vorbehaltenen Priestertums teile die katholische Kirche aber die Sicht der orthodoxen. Zur Scheidung Frau Käßmanns sagte er, dass die evangelische Theologie in dieser Frage eine andere Position als die katholische habe. Dennoch würden die evangelisch-katholischen Gespräche weitergeführt. Diese hätten jüngst angesichts eines internen Papiers der EKD gelitten, wenn die Irritationen auch bei einem klärenden Gespräch in Karlsruhe ausgeräumt worden seien. „Es ist aber nicht erfreulich, wie wir hinter vorgehaltener Hand beurteilt werden“, so Müller.

Protestanten haben Ethikkonsens aufgekündigt

Zudem sei im Zusammenhang mit der Debatte um die Verschiebung des Stichtags in der Stammzellforschung der ethische Konsens von Seiten der evangelischen Kirche aufgekündigt worden. Dies könne nicht ohne Nachwirkungen bleiben. Zu den bestehenden dogmatischen Differenzen seien jetzt auch ethische hinzugekommen. Die Politik nutze dies, um die Kirchen gegeneinander aufzuspielen. So habe die protestantische Bundeskanzlerin es sich in der Stammzellfrage sehr einfach gemacht, als sie sich auf die Position der evangelischen Kirche berief und den katholischen Bevölkerungsanteil damit abgehängt habe.

Erzbischof Feofan betonte die Übereinstimmung mit der katholischen Kirche in ethischen Fragen. Sie hätten zudem dasselbe Verständnis von Kirche und teilten dieselben Sakramente. Beide Seiten verständigten sich darauf, die Dialogtreffen künftig im Zwei-Jahres-Rhythmus abzuhalten. Das nächste Treffen wird 2011 in Russland stattfinden.

Themen & Autoren

Kirche