Grenzen als Keim zukünftiger Gewalt

Bischof Gassis über die Situation im Sudan. Von Bodo Bost

Bischof Macram Max Gassis, Bischof der Diözese El Obeid im Sudan, wird nach dem 9. Juli Bischof in zwei Ländern. Von diesem Zeitpunkt an soll das Bistum zwischen dem Südsudan und dem Restsudan aufgeteilt sein. Trotzdem bezeichnete er kürzlich bei einem Besuch in Luxemburg die erwartete Unabhängigkeit des Südsudan als ein Geschenk Gottes, das kaum noch jemand erwartet hat, nach so vielen Jahren Unterdrückung und Sklaverei durch den Norden. Der Bischof äußerte sich im Rahmen einer Veranstaltung des Hilfwerkes CSI (Christliche Solidarität International), das den Südsudan seit Jahrzehnten in seinem Kampf um Unabhängigkeit unterstützt.

Bischof Gassis bemängelte allerdings trotz der Euphorie über die erwartete Unabhängigkeit, dass zu viele Regionen, die ebenfalls den Willen zur Abspaltung von Restsudan hatten, nicht zum neuen Staat dazugehören werden. So nannte er vor allem das Abyei-Gebiet, die Region der Nuba Berge und des Blauen Nils, die den Süden in ihrem Unabhängigkeitsstreben unterstützt haben, jetzt aber nicht zum neuen Staat dazugehören werden. Gerade die schlechte Grenzziehung des neuen Staates wird wahrscheinlich wieder zum Keim neuer Gewalt werden, befürchtet Bischof Gassis. Als weiteren Gefahrenfaktor für den neuen Staat sieht der Bischof die jahrzehntelange Gewaltspirale in der Region. Die meisten Menschen in der Region sind mit Krieg und Gewalt aufgewachsen. Er werde sehr schwierig werden, sie an ein Leben ohne Gewalt zu gewöhnen, vor allem wenn jegliche Infrastruktur fehlt. Bischof Gassis hofft von der neuen Regierung eines unabhängigen Südsudan, dass sie die großen Öleinnahmen des neuen Staates gerechter verteilt als die arabische Despotenregierung des alten Sudan. Auch im Konflikt um die Darfour-Region, in der es in den letzten Jahren mehr Opfern gegeben hat als im Südsudan, zeichnet sich derzeit noch keine allen Beteiligten gerecht werdende Lösung ab.

Als größte Herausforderung des neuen Staates Süd-Sudan, der am 9. Juli offiziell aus der Taufe gehoben wird, bezeichnete der Bischof von El Obeid den Wiederaufbau der durch 40 Jahre dauernden Bürgerkrieg geschundenen Region und die Versöhnung unter den Menschen. Der künftige Süd-Sudan ist der 193. Staat der Erde und gehört den am wenigsten unterentwickelten Ländern der Erde an.

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