Gottesfrage in die Gesellschaft einbringen

Hearing der Deutschen Bischofskonferenz zum Thema „Im Heute glauben – Der Beitrag der katholischen Kirche für den Zusammenhalt der Gesellschaft“. Von Gerd Felder
Wolfgang Klose und Katharina Norpoth
Foto: Julia Steinbrecht (KNA) | Wolfgang Klose, Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und Katharina Norpoth, Bundesvorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) auf der Veranstaltung, "Im Heute glauben", ...

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat dazu aufgerufen, die Gottesfrage stärker in die Gesellschaft einzubringen. „Wenn es um die Frage geht, ob die Kirche etwa Neues einbringen kann, was dem Zusammenhalt der Gesellschaft dient, dann ist es das“, betonte Marx bei einem Hearing unter dem Leitwort „Im Heute glauben – Der Beitrag der katholischen Kirche für den Zusammenhalt der Gesellschaft“. „Das ,Gottesgerücht´ wach halten, wie der Theologe Paul Zulehner es formuliert hat: Das macht niemand sonst in der Gesellschaft.“ Er habe das Gefühl, dass dieser kirchliche Beitrag zum Wohl des Ganzen möglich sei, „denn wir haben die entsprechende Botschaft, das Zeugnis und die Neugier für den anderen“, fügte Marx hinzu.  

Zum ersten Mal überhaupt veranstaltete die Deutsche Bischofskonferenz mit dem Hearing, mit dem das Leitthema des mehrjährigen Gesprächsprozesses der Kirche in Deutschland aufgegriffen wurde, eine eigene Veranstaltung auf einem Katholikentag. Zugleich diente das Treffen auch der Vorbereitung der Jahresveranstaltung „Im Heute glauben“, die am 13./14. September 2019 in Fulda stattfinden wird. Kardinal Marx warnte in seiner Rede vor der Vorstellung, dass man Kirche und Gesellschaft strikt voneinander trennen könne; das gehe an der Realität vorbei. Darüber hinaus wies aber er auch darauf hin, dass die Kirche selbst kein zerstrittenes Bild abgeben dürfe. „Wenn man den Eindruck gewinnt, bei uns geht jeder einfach seiner Wege, ist das nicht überzeugend“, unterstrich der DBK-Vorsitzende. „Wir müssen ein Zeugnis der Gemeinsamkeit in die Gesellschaft hineingeben, mit einer mutigen und offenen Kommunikation.“ Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken müssten sich auf einen strukturierten gemeinsamen Weg begeben, für den das Treffen in Fulda im nächsten Jahr eine wichtige Wegmarke darstelle.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, hob hervor, dass zu den aktuellen Herausforderungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt der Umgang mit Flüchtlingen, die Klimaveränderung, die Situation von jungen Familien und auch Lebensschutz und Bioethik gehörten. Christen müssten für diese Fragen kompromissfähige politische Lösungen finden, die zugleich nachhaltig, solidarisch und gerecht seien. Der Jenaer Soziologe Prof.  Dr. Hartmut Rosa rief in einem Impulsvortrag dazu  auf, die Ressourcen des Glaubens neu zu entdecken. „Der Glaube erzeugt Resonanz – in der Kirche und in der Gesellschaft“, erklärte Rosa. Der Grund aller Religion sei ein Verhältnis zwischen Gott und Mensch, zwischen Kirche und Welt und das Versprechen der Zusage Gottes an den Menschen, dass er ihn bei seinem Namen gerufen habe.

Im Rahmen von Arbeitsgruppen konnten die über 300 Hearing-Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet die Themen und Fragen zur Sprache bringen, die sie für wichtig für den Zusammenhalt der Gesellschaft erachten. Dabei gab es Stimmen, die hervorhoben, dass die Kirche sich zuletzt zu stark mit sich selbst beschäftigt habe. „Wir sind die, die gefragt sind und müssen aus uns herausgehen in die Kirche und in die Gesellschaft“, lautete der Tenor.  „Wir sind zugleich die Kirche und die Welt, drinnen und draußen.“ Delegierte aus dem Bistum Rottenburg-Stuttgart empfahlen dringend, die Spiritualität in den Vordergrund zu stellen. „Wir müssen Immobilien und sonstigen Ballast abwerfen und schon heute sagen: das wollen wir nicht mehr machen“, wurde empfohlen. Vor allem dürfe man in der Gesellschaft nicht den Eindruck erwecken, dass man immer schon im Vorhinein wisse, wie alles gehe. Vertreter anderer Bistümer mahnten vor allem an, neu Beziehungen von jungen Menschen zur Kirche zu ermöglichen und attraktive Orte der Begegnung zu gestalten. Außerdem wurde daran erinnert, dass es inzwischen viel sozialen Sprengstoff in der Gesellschaft gebe und es nicht so einfach gelingen werde, Menschen mit radikalen oder populistischen Positionen zu gewinnen. „Da könnten sich all unsere Bemühungen um Solidarität und soziale Gerechtigkeit schnell als vergeblich erweisen“, gab eine Teilnehmerin aus dem Bistum Augsburg zu bedenken. Nicht zuletzt regte der Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, an, sich in Ostdeutschland, wo die Christen eine „schöpferische Minderheit“ darstellten, mit anderen Kräften der Gesellschaft auf einen gemeinsamen Suchprozess zu begeben.

Am Ende bestand zwischen den Teilnehmern des Hearings Einigkeit, dass die Kirche sich verstärkt um ihre Glaubwürdigkeit und Sprachfähigkeit bemühen müsse. Auch müssten neue Formen des Ehrenamts und Kommunikationsmöglichkeiten mit jungen Menschen geschaffen werden, forderte der Freiburger Weihbischof Michael Gerber. Hartmut Rosa riet der Kirche abschließend, sich nicht zu fragen, womit, sondern wie sie sich mit einer Frage beschäftigen wolle. Mit Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, Klimawandel oder Integration der Flüchtlinge befassten sich auch alle anderen gesellschaftlichen Gruppen. „Die Kirche muss ein Hören und Antworten in Gang setzen und dabei eine eigene Stimme entwickeln“, lautete Rosas Empfehlung. „Das geschieht nicht über Theologie und bestimmte Positionen, sondern über die Praxis.“

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