Gottes Ruf zuversichtlich folgen

Auftakt zu einer neuen Reihe päpstlicher Betrachtungen über das Credo: Ansprache des Heiligen Vaters während der Generalaudienz am 23. Januar 2013
Foto: KNA | Der Ruf Gottes trifft im Alten Testament viele im Schlaf. Die Wurzel Jesse versinnbildlicht Jesu Abstammung auf das Gottesvolk Israel, hier dargestellt in der Kirche Sao Francesco im portugiesischen Porto.
Foto: KNA | Der Ruf Gottes trifft im Alten Testament viele im Schlaf. Die Wurzel Jesse versinnbildlicht Jesu Abstammung auf das Gottesvolk Israel, hier dargestellt in der Kirche Sao Francesco im portugiesischen Porto.

Liebe Brüder und Schwestern!

In diesem „Jahr des Glaubens“ möchte ich heute beginnen, über das Credo mit Euch nachzudenken, also über das feierliche Bekenntnis des Glaubens, das unser Leben als Gläubige begleitet. Das Credo beginnt folgendermaßen: „Ich glaube an Gott“. Das ist eine fundamentale Aussage, die in ihrer Essentialität scheinbar einfach ist, die jedoch auf die unendliche Welt der Beziehung zum Herrn und seinem Geheimnis hin öffnet. An Gott glauben impliziert, Ihm zuzustimmen, Sein Wort anzunehmen und Seiner Offenbarung freudig zu gehorchen. Wie der Katechismus der Katholischen Kirche lehrt: „Der Glaube ist ein persönlicher Akt: die freie Antwort des Menschen auf die Einladung des sich offenbarenden Gottes“ (Nr. 166). Sagen zu können, man glaube an Gott, ist also gleichzeitig ein Geschenk – Gott offenbart sich, er kommt uns entgegen – und eine Aufgabe, göttliche Gnade und menschliche Verantwortung, in einer Erfahrung des Dialogs mit Gott, der aus Liebe, „Menschen wie Freunde anredet“ (Vgl. Dei Verbum, 2), der zu uns spricht, damit wir im Glauben und mit dem Glauben in Verbindung mit Ihm treten können.

Wo können wir Gott und sein Wort hören? Grundsätzlich wird das Wort Gottes in der Heiligen Schrift für uns vernehmbar und stärkt unser Leben als „Freunde“ Gottes. Die ganze Bibel berichtet über die Offenbarung Gottes an die Menschheit; die ganze Bibel spricht über den Glauben und lehrt uns den Glauben, indem sie eine Geschichte erzählt, in der Gott seinen Erlösungsplan voranbringt und uns Menschen nahe kommt, über zahlreiche leuchtende Menschengestalten, die an Ihn glauben und sich Ihm anvertrauen, bis zur Fülle der Offenbarung in Jesus Christus.

Sehr schön ist in dieser Hinsicht das elfte Kapitel aus dem Brief an die Hebräer, das wir gerade gehört haben. Hier ist vom Glauben die Rede, und es wird auf die großen biblischen Gestalten verwiesen, die ihn gelebt haben und ein Vorbild für alle Gläubigen geworden sind. Im ersten Vers des Textes heißt es: „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (11, 1). Die Augen des Glaubens vermögen also, das Unsichtbare zu sehen, und das Herz des Gläubigen kann über jede Hoffnung hinaus hoffen, so wie Abraham, über den Paulus im Brief an die Römer sagt: „Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt“ (4, 18). Und gerade mit Abraham möchte ich mich befassen und ihm unsere Aufmerksamkeit zuwenden, denn er ist die erste große Bezugsgestalt, um vom Glauben an Gott zu sprechen: Abraham, der große Patriarch, beispielhaftes Vorbild, Vater aller Gläubigen (vgl. Röm 4, 11–12).

Im Brief an die Hebräer wird er folgendermaßen beschrieben: „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten; denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat“ (11, 8.10). Der Verfasser des Hebräerbriefs bezieht sich hier auf den Ruf an Abraham, über den im Buch Genesis berichtet wird, dem ersten Buch der Bibel. Was fordert Gott von diesem Patriarchen? Er fordert ihn dazu auf, fortzuziehen und sein Land zu verlassen, um in ein Land zu ziehen, dass Er ihm zeigen wird: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12, 1). Wie hätten wir auf eine solche Aufforderung reagiert? Tatsächlich handelt es sich um einen Aufbruch ins Ungewisse, ohne zu wissen, wohin Gott ihn führen wird; es handelt sich um einen Weg, der tiefen Gehorsam und tiefes Vertrauen erfordert, die nur durch den Glauben möglich sind. Doch die Ungewissheit des Unbekannten – wohin Abraham gehen soll – wird durch das Licht einer Verheißung erhellt; Gott fügt dem Gebot ein beruhigendes Wort hinzu, das Abraham eine Zukunft des Lebens in Fülle eröffnet: „Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. ... Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen 12, 2.3).

Der Segen ist in der Heiligen Schrift vor allem mit dem Geschenk des Lebens verbunden, das von Gott kommt und sich besonders in der Fruchtbarkeit zeigt, in einem Leben, das sich vermehrt und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und mit dem Segen ist auch die Erfahrung des Besitzes von Boden verbunden, eines festen Orts, an dem man leben und in Freiheit und Sicherheit wachsen kann, indem man Gott fürchtet und eine Gesellschaft von Menschen errichtet, die dem Bund treu sind, „ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk“ (vgl. Ex 19, 6).

Daher ist Abraham im Plan Gottes dazu bestimmt, „Stammvater einer Menge von Völkern“ (Gen 17, 5; vgl. Röm 4, 17–18) zu werden und in ein neues Land zu ziehen, um dort zu wohnen. Und doch ist Sara, seine Frau, unfruchtbar, sie kann keine Kinder bekommen; und das Land, in das Gott ihn führt, ist weit von seiner Heimat entfernt, es wird schon von anderen Völkern bewohnt und wird ihm niemals wirklich gehören. Der biblische Erzähler weist, wenn auch sehr diskret, darauf hin, als Abraham das Land der Verheißung Gottes erreicht: „Die Kanaaniter waren damals im Land“ (Gen 12, 6). Das Land, das Gott Abraham schenkt, gehört ihm nicht, er ist ein Fremder und wird es immer bleiben, mit allem, was das mit sich bringt: keinen Besitz anstreben, stets die eigene Armut spüren, alles als Geschenk ansehen. Das ist auch der geistliche Zustand dessen, der die Nachfolge des Herrn annimmt, dessen, der sich zum Aufbruch entschließt, indem er Seinen Ruf annimmt, unter dem Zeichen Seines unsichtbaren aber machtvollen Segens. Und Abraham, der „Vater der Gläubigen“, nimmt diesen Ruf im Glauben an. Der heilige Paulus schreibt im Brief an die Römer: „Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde, nach dem Wort: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Ohne im Glauben schwach zu werden, war er, der fast Hundertjährige, sich bewusst, dass sein Leib und auch Saras Mutterschoß erstorben waren. Er zweifelte nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes, sondern wurde stark im Glauben und er erwies Gott Ehre, fest davon überzeugt, dass Gott die Macht besitzt zu tun, was er verheißen hat“ (Röm 4, 18–21). Der Glaube veranlasst Abraham, einem paradoxen Weg zu folgen. Er wird gesegnet werden, doch ohne die sichtbaren Zeichen des Segens: er erhält die Verheißung, ein großes Volk zu werden, doch durch ein Leben, das von der Unfruchtbarkeit Saras gekennzeichnet ist; er wird zu einer neuen Heimat geführt, doch er wird dort als Fremder leben müssen; und der einzige Besitz an Boden, der ihm gewährt wird, ist ein Stück Erde, um Sara dort zu begraben (vgl. Gen 23, 1–20). Abraham ist gesegnet, weil er im Glauben den göttlichen Segen über den äußeren Anschein hinaus zu erkennen weiß und auf Gottes Gegenwart vertraut, auch wenn Seine Wege geheimnisvoll scheinen.

Was bedeutet das für uns? Wenn wir sagen „Ich glaube an Gott“, sagen wir wie Abraham: Ich vertraue Dir; ich vertraue mich Dir an, Herr“, doch nicht wie jemandem, an den man sich nur in schwierigen Momenten wendet oder dem man täglich oder wöchentlich ein paar Augenblicke widmet. Zu sagen „Ich glaube an Gott“ heißt, auf Ihn mein Leben zu gründen, zuzulassen, dass Sein Wort mir täglich bei den konkreten Entscheidungen die Richtung weist, ohne Angst zu haben, etwas von mir zu vergeben. Wenn beim Taufritus dreimal gefragt wird: „Glaubt ihr?“ an Gott, an Jesus Christus, an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche und die anderen Glaubenswahrheiten, erfolgt die dreifache Antwort in der Einzahl: „Ich glaube“, denn mein persönliches Leben muss durch das Geschenk des Glaubens einen Wendepunkt erfahren, mein Leben muss sich ändern, sich verwandeln. Jedes Mal, wenn wir an einer Taufe teilnehmen, sollten wir uns fragen, wie wir jeden Tag das große Geschenk des Glaubens leben.

Abraham, der Glaubende, lehrt uns den Glauben; und zeigt uns als Fremder auf der Erde die wahre Heimat. Der Glaube macht uns zu Pilgern auf der Erde, eingefügt in die Welt und in die Geschichte, doch unterwegs zur himmlischen Heimat. An Gott zu glauben, macht uns also zu Trägern von Werten, die häufig nicht mit der Mode und der augenblicklichen Meinung übereinstimmen, an Gott zu glauben erfordert von uns, dass wir Maßstäbe anlegen und Verhaltensweisen annehmen, die nicht der allgemeinen Denkart entsprechen. Der Christ darf sich nicht davor fürchten, „gegen den Strom“ zu schwimmen, um seinen Glauben zu leben, und muss der Versuchung widerstehen, sich anzupassen. In vielen unserer Gesellschaften ist Gott der „große Abwesende“ geworden und an seiner Stelle finden sich zahlreiche Götzen, die verschiedensten Götzen, und vor allem der Besitz und das autonome „Ich“. Auch die bemerkenswerten und positiven Fortschritte der Wissenschaft und der Technik haben im Menschen eine Illusion der Allmacht sowie der Selbstgenügsamkeit hervorgerufen, und eine wachsende Ichbezogenheit hat zu nicht wenigen Ungleichgewichten innerhalb der zwischenmenschlichen Beziehungen und der gesellschaftlichen Verhaltensweisen geführt.

Und doch ist der Durst nach Gott (vgl. Ps 63, 2) nicht verschwunden, und die Botschaft des Evangeliums erklingt weiterhin durch die Worte und Werke so vieler Männer und Frauen des Glaubens. Abraham, der Vater der Gläubigen, ist weiterhin Vater zahlreicher Kinder, die sich darauf einlassen, seinen Spuren zu folgen, und sich – im Gehorsam gegenüber dem göttlichen Ruf – auf den Weg machen, indem sie auf die wohlwollende Gegenwart des Herrn vertrauen und seinen Segen annehmen, um sich zum Segen für alle zu machen. Es ist die Welt, die vom Glauben gesegnet ist, zu dem wir alle berufen sind, um ohne Furcht dem Herrn Jesus Christus nachzufolgen. Und manchmal ist es ein beschwerlicher Weg, der auch Prüfungen und Tod kennt, der jedoch zum Leben öffnet, in einer tiefen Verwandlung der Wirklichkeit, die nur die Augen des Glaubens zu sehen und in Fülle zu kosten vermögen.

Zu erklären „Ich glaube an Gott“, drängt uns also aufzubrechen, ständig aus uns selbst herauszugehen, gerade wie Abraham, um in die tägliche Wirklichkeit, in der wir leben, die Gewissheit zu bringen, die uns aus dem Glauben erwächst: die Gewissheit also von Gottes Gegenwart in der Geschichte, auch heute; einer Gegenwart, die Leben und Heil bringt und uns zu einer Zukunft mit Ihm öffnet, zu einer Fülle des Lebens, das niemals enden wird.

Die Gäste aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Heilige Vater mit den Worten:

Von Herzen grüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Besonders grüße ich natürlich die Delegation aus Hufschlag, wo ich meine schönen Jugendjahre verbracht habe. Danke für euren Besuch! Auch in unserem Leben gibt es immer wieder, wir wissen es, Prüfungen. Wenn wir dann sagen: Ich glaube an Gott!, dürfen wir zugleich mit Abraham sagen, Herr, ich vertraue dir, ich vertraue mich dir an! Durch den Glauben gründen wir unser Leben auf Gott. Der Herr selbst wird uns die Gnade schenken, ohne Angst getreu und gerecht auf seinem Weg zu gehen. Danke.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller

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