Gott und der Mörder

Nichts ist unmöglich: Thorsten Hartung erlebte im Gefängnis seine persönliche Sternstunde. Von Teresa Engländer
Foto: Archiv | Das Foto zeigt Thorsten Hartung (rechts) mit jungen Männern, um die sich sein Verein „Maria hilf–t“ kümmert.
Foto: Archiv | Das Foto zeigt Thorsten Hartung (rechts) mit jungen Männern, um die sich sein Verein „Maria hilf–t“ kümmert.

Altötting (DT) Mit fester Stimme erzählt er seine Geschichte. Und jeder, der sie hört, erkennt: Es ist die Geschichte eines Wunders. Torsten Hartung saß 20 Jahre seines Lebens wegen Mordes und Autoschieberei im Gefängnis. Er wächst in den 1960er Jahren in der DDR auf. Von Geburt an wird er von seinen Eltern misshandelt. Unzählige Male schlägt sein Vater zu, prügelt ihn halb tot. Als er sieben Jahre alt ist, will sich seine Mutter auf dem Dachboden erhängen. Torsten geht ihr hinterher; sie besinnt sich, gibt ihm aber die Schuld für ihre Verzweiflung. Spätestens da zerbricht etwas in ihm. „Es hat meine Seele deformiert“, meint er rückblickend. Als er kräftig genug ist, beginnt er sich zu wehren – Zuhause, in der Schule, auf der Straße.

Er wird zum stadtbekannten Schläger, dabei ist er selbst voller Angst. Heute erkennt er: „Die Macht des Teufels ist immer Angst und nicht Liebe“. In der Schule ist er verhaltensauffällig. Es ist sein verzweifelter Aufschrei nach Liebe und Anerkennung. Ein Schrei, der ungehört verhallt. Mit 15 Jahren wird Hartung von seinem Vater zum letzten Mal geschlagen. Diesmal wehrt er sich nicht, sondern fordert ihn auf, noch stärker zu zuschlagen. Das untergräbt die Autorität des Vaters, der ihn daraufhin aus dem Haus wirft. Hartung lebt einige Zeit auf der Straße, kehrt zurück und verhandelt mit den Eltern, ihn solange zu beherbergen bis er volljährig und damit juristisch erwachsen ist. Sie willigen ein. Es ist eine Duldung, nicht mehr. Nach außen wird das Bild einer heilen Familie gewahrt, doch hinter der Haustür verbirgt sich „die Hölle“, sagt er. Er macht eine Ausbildung zum Dachdecker, steht kurz vor dem Meister. Dann holt ihn die Vergangenheit ein. Als er über den Mathematikprüfungen sitzt, fühlt er die Schläge des Vaters. „Er hat mich immer bei Mathe verprügelt“, erzählt er mit leiserer Stimme. Hartung bricht seinen Meister ab; zur gleichen Zeit zerbricht seine Beziehung an der Unfähigkeit zu lieben. Er geht weiterhin arbeiten, doch innerlich ist er wie tot. „Da war nichts, was Freude oder ein Stück Zufriedenheit ausgelöst hätte. Nur Trauer, Ruinen, ein Schlachtfeld“, schildert er.

Und verzweifelt ruft er aus: „Ich scheiß auf mein Leben, du kannst meine Seele haben.“ Dabei denkt er nicht an den Teufel. Er hat auch nie etwas von Gott gehört. Seine Eltern waren überzeugte Atheisten. Aber er verkauft damit seine Seele, ist er heute überzeugt. Von da an ereignen sich merkwürdige „Zufälle“. Einen Tag später begegnet Hartung dem „Paten von Riga“, der ihm einen Job im illegalen Autohandel anbietet. Die nächsten Jahre verschiebt Hartung Luxuskarossen nach Russland und die arabische Liga und verdient 90 000 US-Dollar in der Woche. Äußerlich reich, stumpft er innerlich immer mehr ab. Er lebt auf der Überholspur, „um nicht Nachdenken zu müssen“; übt Extremsportarten wie Fallschirmspringen, Paragliding oder Motorcross aus: Nichts kann ihm schnell, hoch, gefährlich genug sein.

Das illegale Geschäft läuft gut. Bald ist er der Kopf von 40 Mitarbeitern. Dann kommt der Tag, an dem sein Leben eine erneute Wende nimmt. Ein Mitarbeiter will ihm seine Position streitig machen. Er erschießt den Mann, der den gleichen Namen hat wie sein Vater.

Kurz nach dem Mord reist er nach Spanien und kommt „zufällig“ in San Salvador vorbei. Aus Neugier betritt er die dortige Wallfahrtskirche und liest umgeben von „Liebe, Wärme und Frieden“ Votivtafeln. „Das ist ja wie bei ,Wünsch dir was‘!“, denkt er und schreibt auf einen alten Kassenzettel: „Ich wünsche mir ein Leben in Glück“. Wenig später beim Paragliding, passiert es: Er verliert die Kontrolle über seinen Schirm, stürzt aus 50 Metern ab. Augenzeugen laufen herbei. Niemand glaubt, dass er überlebt hat. Am wenigsten er selbst. Doch er ist unversehrt. Als er es seiner Freundin erzählt, sagt die ungetaufte Atheistin: „Du bist nicht tot, weil Gott noch etwas mit dir vorhat.“

Drei Wochen später wird Hartung von Interpol gefasst und kommt sofort in Einzelhaft – „vier Jahre, neun Monate und zwei Tage“, erinnert er sich. Auf sich zurückgeworfen, betrachtet er sein Leben. Er will sich verstehen, notiert Fragen und studiert Psychologie. Stück für Stück findet er Antworten. Die Bilder seines Lebens zerreißen ihn, Gefühle aus seiner Kindheit werden freigesetzt und er erkennt: „Ich bin in meiner eigenen Lebensgeschichte keinem bösartigen Menschen begegnet außer mir selbst.“ Diese Erkenntnis drückt ihn zu Boden. Zum ersten Mal kann er die Gefühle seiner Opfer nachempfinden. Seine Seele weint. „Ich habe gelitten wie ein Hund“, sagt er. An Ostern 1998 schaut er sich einen Jesusfilm an. Danach spricht er sein erstes Gebet: „Gott, ich weiß nicht, ob es dich gibt. Aber wenn es dich gibt, dann schenke mir ein neues Leben.“ Dann kommt der 15. Mai 1998, der Tag, an dem er neu geboren wird. Laut zählt er in seiner Zelle die Fehler seines Lebens auf. Er lässt nichts aus, bereut zutiefst.

Und in dieser Stunde des Schuldbekenntnisses ereignet sich etwas rational nicht Greifbares. Er hört in seiner kargen Zelle eine Stimme, die sagt: „Ich weiß.“ Die Stimme ist nicht vorwurfsvoll, sondern voller Liebe, Barmherzigkeit und Verstehen“, so Hartung. In diesem Moment erkennt er: Gott existiert – mit einer Gewissheit, die ihm niemand mehr nehmen kann. Seitdem führt er Dialoge mit Gott. Er kann wieder schlafen und lächeln. Er sieht die Welt mit neuen Augen. Während seines Freigangs legt er sich auf die Wiese, um die „Schönheit der Schöpfung“ zu betrachten. In ihm brennt der Wunsch, Gott kennenzulernen. Seine Mithäftlinge denken: „Er ist verrückt geworden“.

Doch die Stimme, die er gehört hat, lässt ihn nicht los. Ein Sozialarbeiter schenkt ihm eine Bibel, er kann nichts damit anfangen. Als sein Blick wieder einmal auf die Bibel fällt, hört er die Stimme zum zweiten Mal: „Nimm und schlag auf!“, sagt sie. Er liest in der Bibel über die Schuldbefreiung und kann es nicht fassen. Wieder hört er: „Nimm und schlag auf!“ Er liest, dass Gott von Sünden befreit. Und er versteht. Bis zu diesem „mystischen“ Ereignis hat er gegenüber dem Gericht noch kein Geständnis abgelegt. Nun informiert er den Anwalt und gesteht.

In der nächsten Zeit schreibt er Bibelverse auf alte Tapeten und verbindet sie mit passenden Schlagworten. Es ist sein Mind Map des Glaubens. Eines Tages kommen Wärter und konfiszieren die Tapeten, weil sie denken, die Zeichnungen stellen einen Fluchtplan dar. Noch heute muss er darüber lachen.

Der Prozesstag rückt näher und er verhandelt seine Strafe mit Gott. Er weiß, dass ihn eine lebenslängliche Haft erwartet und bittet, dass es eine Strafe von zehn Jahren wird. „Wirklich zehn Jahre?“, hört er die Gegenfrage im Gebet. „Na gut“, willigt er ein, „15 Jahre“. Zur Verwunderung der Staatsanwaltschaft wird Torsten Hartung tatsächlich lediglich zu 15 Jahren verurteilt. In der Vollzugsanstalt nimmt er sofort Kontakt zu einem katholischen Geistlichen auf und beichtet. Der 75-jährige Priester wird sein geistlicher Begleiter. Er besorgt Heiligenbiografien, tauft, firmt und verheiratet ihn.

Die 15 Jahre in Haft kommen Hartung nicht wie eine Bestrafung vor, denn er lernt Gott und die Kirche kennen. Er befasst sich mit Kirchengeschichte, geht regelmäßig in die Anbetung und lässt sich am 20. Juni 2000 taufen. Ein Jahr später weiht er sich Maria. „Was soll ich tun?“, betet er immer wieder und hört Gott antworten: „Lebe die Liebe da, wo ich dich hinstelle.“ Als er entlassen wird, schließt er sich einer katholischen Gemeinschaft an. Kurz darauf wird er vor den Augen einer Pilgergruppe auf dem Weg nach Lourdes am Flughafen verhaftet, weil sein Name noch auf der Fahndungsliste steht. Alle sind erschrocken, und er sieht sich in der Pflicht, seine Geschichte zu erzählen. Daraufhin lädt ihn ein koreanischer Priester nach Korea ein. Hier lernt er seine Frau kennen.

Seit fünf Jahren ist er glücklich verheiratet. „Jeden Tag erfüllt sich mein Wunsch, ein Leben in Glück“, sagt er. Und man nimmt es ihm sofort ab. Hartung gründet mit seiner Frau den Verein „Maria hilf–t“, der straffällig gewordenen Jugendlichen zurück ins Leben hilft. Wenn er heute auf die Kehrtwende in seinem Leben schaut, sagt er: „Für mich ist es das größte Wunder!“ Er fühlt sich wie der Blinde im biblischen Gleichnis, der von Jesus geheilt wird und plötzlich sehen kann. „Gott hat mich verändert“, sagt er glücklich. Er feiert seinen Geburtstag nun immer am 15. Mai. Es ist der Tag, an dem er Gottes Stimme in seiner Zelle hörte; der Tag, an dem er neu geboren wurde.

Torsten Hartung wird am 5. August zu Gast beim „Europäischen Jugendform“ in Altötting sein. Jugendliche zwischen 17 und 25 Jahren sind herzlich eingeladen, an diesem großen Glaubensfestival teilzunehmen: www.youthonmission.net/eu-youth-forum.

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