„Gott soll das Zentrum unserer Familie sein“

Serie „Katholisch-Sein im Heiligen Land“ (Teil V): Die Glaubensweitergabe im Heiligen Land ist nicht einfach – Zu Besuch bei den Helous in Jerusalem. Von Oliver Maksan
Foto: Maksan | Die Helous haben einen Familienkreis eingerichtet – auch, weil sie die Bedeutung der Laien für die Kirche erkannt haben.
Foto: Maksan | Die Helous haben einen Familienkreis eingerichtet – auch, weil sie die Bedeutung der Laien für die Kirche erkannt haben.

Reihenhaus mit moderner Einrichtung, ein Mittelklassewagen vor der Tür: So lebt die arabische Mittelschicht Israels vielfach. Dass auf dem Gasgrill aber Schweinesteaks brutzeln, Dosenbier kaltgestellt ist und eine große Figur der Jungfrau Maria im Garten steht, zeigt: Man ist zu Gast bei arabischen Christen. Hausherr Sami Helou ist maronitischer Katholik. Er lebt mit seiner Frau Tamara und den beiden Töchtern in Beit Hanina, einem arabischen Viertel im Norden Jerusalems. Muslime und Christen bewohnen die Reihenhausanlage zu gleichen Teilen. „Ich war als Jugendlicher katholisch aus Tradition. Zur Messe bin ich gewohnheitsmäßig gegangen. Das Warum kam erst später.“ Genauer gesagt während seines Studiums in Amerika. „Ich wurde dort durch die vielen Protestanten herausgefordert. Sie begegneten dem katholischen Glauben mit Verachtung. Überhaupt kamen mir viele Fragen: Ist der christliche Glaube überhaupt wahr? und ähnliches. Ein Priester dort gab mir dann den Weltkatechismus. Das half.“ Mittlerweile hat sich der 38-jährige IT-Spezialist des Glaubens und seiner Grundlagen versichert. „Papst Benedikt war mir dabei eine große Hilfe. Ich habe seinen Lehrschreiben und seiner Theologie viel zu verdanken.“ Seine Frau Tamara nickt, während sie die Salate aufträgt. „Bevor ich meinen Mann kennengelernt habe, bin ich nicht jeden Sonntag zur Kirche gegangen. Ich habe schon an Gott geglaubt. Aber wirklich praktiziert haben wir in meinem Elternhaus außer an Ostern und Weihnachten nicht. Das hat sich durch ihn geändert.“

Mittlerweile gehört der Kirchgang fest zum Leben der jungen Familie. Die beiden Töchter Marcellina und Meroun, fünf und zwei Jahre alt, spielen derweil lautstark in der Spielecke der Terrasse. „Wir versuchen, unsere Kinder in den Glauben einzuführen. Dabei helfen uns gute Filme, einfache Geschichten aus der Bibel und christliche Musik“, meint Mutter Tamara. Marcellina singt in einem Kinderchor der Franziskaner. Sie wird bald auch eine katholische Schule besuchen. „Außerdem beten wir jeden Abend mit unseren Töchtern.“

Selbstverständlich ist all das nicht. „Es gibt unter uns arabischen Christen viel Unsicherheit und Verwirrung“, erklärt Sami. „Sie wissen wenig über ihren Glauben.“ In dieses Vakuum stoßen in letzter Zeit immer häufiger evangelikale Gemeinschaften. „Vor allem in Galiläa, wo die Mehrzahl der israelisch-arabischen Christen lebt, missionieren sie sehr aggressiv. Und sie haben Erfolg damit. Die katholischen oder orthodoxen Christen im Heiligen Land sind nicht verwurzelt genug. Oft spielen auch finanzielle Anreize eine Rolle. Viele wechseln deshalb zu den Freikirchen.“

Seine Frau ergänzt: „Ich beobachte, dass das muslimische Umfeld radikaler wird. In meiner Jugend vor zwanzig Jahren war nicht jede Palästinenserin verschleiert. Heute ist das die Regel.“ Die Christen, erzählt sie, reagieren auf zweierlei Weise darauf: Einerseits tragen sie ihr Christsein auch nach außen. Christsein wird zur Identitätsfrage. „Aber das erschöpft sich dann oft im demonstrativen Trinken von Alkohol.“ Andere wiederum, so Tamara, wählen den Weg des geringsten Widerstands und verstecken ihr Christentum. Sami nickt. „Das fällt mir auch bei vielen Christen in Israel auf. Angesichts des israelischen säkularen Mainstreams ist ihnen ihr Christsein fast peinlich.“ Den Helous bereitet all das Sorge. „Die Kirche hier macht ja viel in Sachen Glaubensweitergabe, aber vielleicht nicht so viel wie sie könnte. In jedem Fall nicht so viel, wie es nötig wäre“, meint Sami. Seiner Meinung nach wären gerade die christlichen Schulen in der Pflicht. „Denen ist es aber oft wichtiger, dass die Kinder in Algebra gut sind als dass sie den Glauben kennen. Ich meine, beides hat seine Berechtigung.“ Sami weiß aber, dass es für die Kirche im Heiligen Land insgesamt nicht einfach ist. „Von den Priestern und Bischöfen wird eine ganze Menge erwartet. Sie sollen sich um Wohnungen und Arbeitsplätze für die Christen kümmern. Die Glaubensweitergabe kommt da oft zu kurz.“

Die beiden wollen aber nicht auf andere mit dem Finger zeigen. „Wir haben uns bemüht, einen Familienkreis einzurichten, wo sich Paare über ihren Glauben austauschen und wie sie ihn an ihre Kinder weitergeben können“, berichtet Sami. „Aber das ist nicht einfach. Geistliche Gespräche und Gruppentreffen sind nicht Teil unserer Kultur. Außerdem leben viele Laien in einer Haltung, die alles von den Priestern und Ordensleuten erwartet, selber sich aber nicht in der Pflicht sieht.“ Er will mit seinem Apostolat dennoch weitermachen. „Ich möchte meinen Glauben mit anderen teilen. Er ist etwas so kostbares. Ich hoffe, der liebe Gott zeigt mir noch, wie ich mehr für ihn tun kann.“

Derweil versucht das junge Paar, seine Berufung zur Ehe zu leben. Dankbar meint Sami: „Ich bin mit einer katholischen Ehe gesegnet. Meine Frau teilt meinen Glauben. Gemeinsam wollen wir ihn an unsere Kinder und die, die Gott uns noch schenkt, weitergeben. Ich will, dass Gott das Zentrum im Leben unserer Familie ist.“

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