„Gott muss hier einfach wohnen bleiben“

Ein Verein von engagierten Christen versucht die traditionsreiche Berliner Kirche Sankt Clemens als Exerzitienzentrum zu erhalten von Clemens Mann

Ein Rosenkranz baumelt an seiner Hand. Ruhig und still kniet der Mann in der letzten Reihe. Vorne auf dem Altar ist die Monstranz mit dem Allerheiligsten ausgesetzt. Der Mann betet. Gestört wird er nur hin und wieder vom Knarren der alten hölzernen Kirchenbänke – immer dann, wenn ein Besucher sich hinsetzt oder aufsteht und geht. An diesem Sonntagmittag halten sich drei Gläubige in Sankt Clemens auf. Fast schon verloren wirken sie in der hellen, schlicht ausgestatteten Kirche, deren Chorraum mit Bildern vom Guten Hirten und seinen Schafen ausgekleidet ist. Gleich rechts daneben steht eine kleine weiße Madonnenstatue – mit Blumen ist sie geschmückt –, ein weiteres Bild zeigt den auferstandenen siegreichen Christus. Draußen zwitschern ein paar Vögel. Ab und zu laufen ein paar Passanten vorbei. Drinnen hört man ihr Lachen und Reden.

Szenenwechsel. Das Licht unzähliger Kerzen erleuchtet die dreischiffige Basilika. Weihrauchduft liegt in die Luft. Dann endet plötzlich die andächtige Stille: Zum majestätischen Klang der Orgel erhebt sich der uralte Hymnus der Christenheit zu Ehren des Altarsakraments: „Gottheit tief verborgen, betend nah ich Dir, unter diesen Zeichen bist Du wahrhaft hier.“ Unter einem prachtvollen Baldachin, flankiert von zwei Ministranten mit flackernden Kerzen, geht Pater Georg, ein Pater der Kongregation der Vinzentiner, wie immer lächelnd. Wie ein Schiff bewegt sich der Baldachin in der Kirche, ihm folgt ein unendliches Meer aus Kerzen. Die Menschen bilden eine Gasse aus Lichtern. Sie knien nieder und beten.

Eine Oase der Stille und des Gebets ist das Exerzitienzentrum Sankt Clemens in Berlin. Größer könnte der Kontrast zum pulsierenden Leben in der hippen, aber klammen Millionenmetropole mit ihren Prachtboulevards, Einkaufsmeilen und bundesrepublikanischen Prestigebauten kaum sein. 1910 ließ der spätere „Löwe von Münster“ Kardinal August Graf von Galen Kirche und Wohngebäude aus rotem Backstein errichten – wegen Auflagen des protestantischen Kaisers in einem Hinterhof, der noch heute zwischen den Hochhäusern Berlins gut versteckt ist. Der Katholik, der 2005 von Papst Benedikt XVI. aufgrund seiner unerschrockenen Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus seliggesprochen wurde, wollte den in die Stadt strömenden Wandergesellen und Handwerkern eine menschenwürdige Unterkunft bieten und sie religiös begleiten. Dem Geistlichen war dies ein echtes Anliegen: Für den Gebäudekomplex ließ er sich sein Erbteil auszahlen. Einen Großteil der Kosten für den Bau stemmte der spätere Bischof aus eigener Tasche. Später wurde die Kirche zur ersten offiziellen Niederlassung der Jesuiten in Berlin. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie als Lagerhalle für Nazi-Raubgut missbraucht. Jetzt ist Sankt Clemens ein Ort des viel beschworenen und dringlich erhofften neuen Glaubensaufbruches im am stärksten atheistisch geprägten Bundesland.

Renate Wiegner erlebt gerade diesen geistlichen Aufbruch mit. Die 73-Jährige könnte man als eine gute Seele von Sankt Clemens bezeichnen. Wiegner schenkt bei den Exerzitien Kaffee aus, unter der Woche erledigt sie einfache Dienste oder hilft bei der Segnung von Kranken und Bedürftigen. Als bekannt wurde, dass die Kirchengemeinde Sankt Hedwig das Gotteshaus verkaufen will, suchte Wiegner zusammen mit anderen engagierten Christen nach Wegen, wie man das Gotteshaus erhalten könnte. Im Juli 2006 nutzt es die Kongregation der Vinzentiner für erste Exerzitien, die gut angenommen wurden. Kardinal Georg Sterzinsky hatte die Ordensmänner 2006 aus Indien nach Berlin gerufen. Im September dann der Rückschlag: Ein Käufer ist gefunden – Sankt Clemens ist an einen britischen Immobilienfonds verkauft. Ein schnell gegründeter Verein sammelt Geld, um die Kirche wieder anzumieten. Das Ziel: Das Gotteshaus als Ort ewiger Anbetung und als Exerzitienzentrum zu erhalten. Als Leuchtturm des Glaubens. „Das Exerzitienzentrum kann überall sein. Die Kirche aber darf nicht in säkulare Hände fallen“, meint Renate Wiegner. Wegen des Verkaufs habe sie persönlich sehr gelitten. Schließlich sei das Gotteshaus ein Zeugnis für das Wirken des seliggesprochenen Kardinal von Galen. „Gott muss hier einfach wohnen bleiben“ ist die 73-Jährige überzeugt und fügt hinzu, dass sie auf das Wirken Gottes auch hier im Kleinen vertraut. Im März 2008 ist es dann soweit: Feierlich eröffnet Kardinal Sterzinsky die Tore von Sankt Clemens. „So einen Tag habe ich noch nicht erlebt“, sagt Sterzinsky. Seitdem besuchte er jedes Jahr das Zentrum.

Gerade im atheistischen Berlin sei es wichtig, in besonderer Weise das Wort Gottes zu verkünden und einen Zugang zu den Sakramenten zu haben, meint Renate Wiegner. Das Exerzitienzentrum, an dem zwei Gottesdienste am Tag gefeiert werden, und rund um die Uhr das Allerheiligste ausgesetzt ist, sieht Wiegner in der langen Tradition der Kirche als Ort der Volksmission. Die Jesuiten seien hier gewesen und der Namenspatron Clemens Maria Hofbauer als Redemptorist Volksmissionar gewesen.

An den Wochenenden stehen Exerzitien und Vorträge auf dem Programm. Sogar aus Westdeutschland würden Christen nach Berlin kommen, erzählt Renate Wiegner. Je nach Bekanntheit des Predigers sei die Zahl der Teilnehmer zwar unterschiedlich, bei den abendlichen Messen kämen aber etwa 100 Leute. Jugendliche Gottesdienstbesucher versucht Sankt Clemens einmal im Monat mit der Holy Hour zu gewinnen. Dann wird die Kirche abgedunkelt. Kerzen erhellen den Gottesraum. Gemeinsam singt man Anbetungslieder.

Von einem Boom des Religiösen – viele Medien titelten von einem „Wunder vom Prenzlauer Berg“ und beschrieben damit das Phänomen, dass sich junge Berliner wieder für den Glauben interessieren und Anschluss in den Gemeinden suchen – merkt man an diesem Sonntagmittag in Sankt Clemens wenig. Das liege aber auch ein wenig daran, dass Sankt Clemens keine Pfarrei, sondern ein Exerzitienzentrum sei, erklärt die Wiegner. Die Pfarreien seien besonders ansprechend. Dennoch: Man bekommt einen spürbaren, einen beeindruckenden Eindruck davon, was Kirchesein in der Diaspora bedeutet: Eine kleine Herde, wenig Pomp, vor allem aber eine Konzentration aufs Christus selbst.

Die Wunder von Sankt Clemens seien klein, fast unscheinbar, meint Matthias Prause, der Vorsitzende des Fördervereins. Da gebe es eine Frau aus Bayern, die aus der Kirche ausgetreten sei und hier wieder zurück zum Glauben und zur Kirche gefunden habe. Oder einen jungen Mann aus Ostdeutschland, der nun begeistert und voller Feuer in der Berliner Kathedralkirche Taufe, Firmung und Erstkommunion empfangen habe. Da ist ein Mann in den Vierzigern, der in der Anbetung und in der katholischen Kirche endlich seine geistige Heimat gefunden hat, nach der er als evangelischer Christ vergeblich so lange suchte, erzählt Prause. Es seien die Lebensgeschichten, die Sankt Clemens ausmachten.

Renate Wiegner ist eine dieser Lebensgeschichten. Auf einen Boom des Glaubens auch für Sankt Clemens hofft sie. „Die Menschen haben einen großen Hunger danach, etwas von Christus zu hören“, sagt die engagierte Frau. Ans Aufhören denkt sie daher nicht. Die Erfahrung eines nahen und personalen Gottes treibt sie an und diese Erfahrung möchte sie auch gerne anderen Menschen weitergeben.

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