Goldkörner und sprachlicher Grauschleier

Eine Annäherung an das Osterfest im Für und Wider: Hermann-Josef Frischs Buch über das wichtigste christliche Fest. Von Klaus-Peter Vosen

Lacht Gott über den Tod? In gewisser Weise ja! Weil der Tod Gottes besiegter Gegner ist, der ausgespielt hat, wie Hermann-Josef Frisch, Autor des neuen Osterbüchleins „Auf uns wartet das Leben“, in seinem Opus bei der Erklärung gewisser Osterbräuche ausführt. Dennoch bleibt einem der Gedanke an ein Gelächter Gottes über das Sterben eigenartig fremd – hat doch sein Sohn Jesus Christus den schrecklichen Kreuzestod von Golgotha erleiden müssen, um die Macht des Todes zu brechen. Einem sterbenden Tumorpatienten wird der Glaube an einen Gott, der ihn im Leiden nicht allein lässt, sondern mit ihm durch die Niederungen des Todes geht, um ihn aus dessen Gewalt zu erretten, weit hilfreicher sein, als ein Lachen in himmlischen Höhen. Nicht jeder Osterbrauch erscheint heute als sinnvoll und vermittelbar. Das wird einem klar, wenn man in Frischs interessantem und gut geschriebenem Werk blättert. Ebenso gilt: Nicht alles, was Menschen in ihrem Lebenshunger sich an religiösen Ritualen erschaffen haben, verdient es, mit Ostern in Verbindung gebracht zu werden. Überzeugend stellt der Autor dar, wie Gott in der Auferstehung (Frisch wählt lieber den anderen möglichen Terminus „Auferweckung“) auf eine Sehnsucht aller Menschen antwortet, nämlich ewig zu leben. Die Bemühung freilich, einen Brauch wie das madegassische Totenfest Famadihana mit jährlichem Aus- und Wiedereingraben der sterblichen Überreste von Angehörigen dem christlichen Auferstehungsfest zu parallelisieren, stößt allerdings an deutlich wahrnehmbare Grenzen.

Der Verlag verheißt über Frischs Osterbuch: „Hermann-Josef Frisch gelingt es, Herkunft und Botschaft des wichtigsten christlichen Festes zu erläutern und ins Heute zu übersetzen. Angefangen bei den biblischen und historischen Grundlagen bis hin zu den bekannten Bräuchen informiert er kundig über Entwicklung und Bedeutung des Osterfestes. Ein bemerkenswertes Buch, kompakt, informativ und inspirierend“. Diese Verheißung wird über weite Strecken tatsächlich eingelöst. Der Autor hat uns ein durchaus anspruchsvolles, aber eigentlich gut lesbares Werk geschenkt, das bedenkenswerte Annäherungen an Ostern bringt. Ein gewisses Quantum an theologischem Interesse setzt dessen Lektüre voraus. Als Geschenk oder Mitbringsel für jedermann eignet es sich nicht für jedermann. Hier und da finden sich sicher gute und originelle Impulse für den Prediger und Religionslehrer: zum Beispiel die Charakterisierung der Christen als „Protestleute gegen den Tod“ oder die Herleitung des Ostereis aus der Legende der heiligen Katharina von Alexandrien. Der Rezensent hat in seiner Verkündigung diese beiden „Goldkörner“ mit guter Wirkung genutzt.

Ein erheblicher Kritikpunkt darf allerdings nicht verschwiegen werden. Fatalerweise entzündet er sich an Frischs Ausführungen über die Geschichtlichkeit des Osterereignisses. Man wird dem Autor zustimmen, wenn er feststellt, dass es keine förmlichen Beweise – nur Indizien – für die Auferstehung gibt. Doch traut der Leser seinen Augen kaum, wenn er auf Seite 22 liest: „Die Kreuzigung Jesu ist ein historisch greifbares Ereignis, das auch entsprechend sprachlich fassbar ist. Mit der Auferweckung Jesu aber gelangt man in eine grundsätzlich andere Dimension. Die biblischen Erzähler wollten letztlich Unfassbares ausdrücken, das jede Alltagswahrnehmung übersteigt, transzendiert. Dies war und ist nur möglich in einer bildhaften und metaphorischen Sprache“. Selbstverständlich ist die Auferstehung des Herrn etwas, das alle menschlichen Begrifflichkeiten sprengt. Aber dies Unfassbare ist doch ebenso eine geschichtliche Tatsache wie die Kreuzigung. Und wenn das historisch Nachzuweisende im Auferstehungszeugnis der Jünger beginnt – dieses Zeugnis ist ohne geschichtliche Grundlage letztlich nicht denkbar. Die Historizität der Auferstehung ist vom Standpunkt des kirchlichen Glaubens her unbedingt zu verteidigen. Ansonsten bleibt nur noch eine spiritualisierte Sicht von Auferstehung übrig, von der niemand leben kann, und die auch nicht in der Aussageabsicht der biblischen Osterberichte liegt. Der Verfasser geht durchaus von einem „Geschehen der Auferweckung“ aus; eine klare Begrifflichkeit wäre hier aber einzufordern.

Gegenüber diesem Hauptkritikpunkt nimmt sich ein anderer eher marginal aus. Frisch ist der Ansicht, man könne von einer „Bekehrung“ des heiligen Paulus nicht sprechen, denn: „Paulus war vor dem Damaskusereignis ein gläubiger Mensch und bleibt es danach; er brauchte nicht zum Glauben bekehrt zu werden. Wohl aber geschieht nun eine Anbindung an Christus, den Auferweckten“. Dass Paulus vor Damaskus den jüdischen Glauben hatte, ist unbestritten. Andererseits war ihm das Christusereignis bis dahin verschlossen. Wenn er sich durch die bekannte Vision nun zu Christus hinkehrt, im tiefsten, weil sich dieser dem Paulus in liebevoller und besonderer Weise zugewandt hat, nennt man das eben mit Recht eine „Bekehrung“. Den Terminus abzulehnen könnte die falsche Annahme einer völligen Identität des Neuen mit dem Alten Bund offenbaren, die das Christusereignis einebnen und seiner einzigartigen Heilsbedeutsamkeit berauben würde. Das aber kann nicht Frischs Position sein. Auch von hierher wäre größere terminologische Klarheit am Platze. Die Christen zur Zeit des heiligen Paulus haben das Damaskusereignis sehr stark und dankbar als Bekehrung des späteren Völkerapostels empfunden. Paulus selbst schreibt: „Sie (die Gemeinden Christi in Judäa) hörten nur: Er, der uns einst verfolgte, verkündigt jetzt den Glauben, den er früher vernichten wollte. Und sie lobten Gott um meinetwillen“ (Gal 1, 23 – 24). Insgesamt darf man sagen: Das Osterbuch von Hermann-Josef Frisch bringt viel Lobenswertes. Uneingeschränkt empfehlenswert ist es nicht.

Hermann-Josef Frisch: Auf uns wartet das Leben. Was wir an Ostern feiern. Patmos-Verlag, Ostfildern 2011,

128 Seiten, ISBN 978-3-8436-0005-7,

EUR 12,90

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