Gleichwertig und doch verschieden

Papst Franziskus befasst sich mit der Rolle der Frau in der Kirche – Und ein Aufruf zur Stadtmission aus dem Vatikan. Von Guido Horst
Foto: Symboldpa | Platznot erleben Mütter nicht nur im Parkhaus, sondern im Terminkalender. Oft besteht der Alltag in einem Spagat zwischen den familiären und beruflichen Pflichten.
Foto: Symboldpa | Platznot erleben Mütter nicht nur im Parkhaus, sondern im Terminkalender. Oft besteht der Alltag in einem Spagat zwischen den familiären und beruflichen Pflichten.

Rom (DT) In der vergangenen Woche hatte sich der von Kardinal Gianfranco Ravasi geleitete Päpstliche Kulturrat in seiner Vollversammlung mit den „Lebenswelten von Frauen“ befasst. Es hatte eine einleitende Pressekonferenz mit der Präsidenten des italienischen Staatsfernsehens, der Direktorin eines Nachrichtensenders sowie einer früher recht bekannten Filmschauspielerin gegeben und Ravasi hatte angekündigt, bei seinem Rat ein Komitee von Beraterinnen einzurichten.

Am Samstag dann empfing Papst Franziskus die Vollversammlung in Audienz – am gleichen Tag auch die Vollversammlung des vatikanischen Kulturrats –, und bekannte vor den Mitgliedern des Kulturrats, dass ihm das Thema Frau sehr am Herzen liege. Frauen sollten „sich nicht als Gäste, sondern als vollberechtigte Teilhaber am sozialen und kirchlichen Leben fühlen“. Die Kirche sei schließlich weiblich, meinte der Papst: „Sie ist die Kirche, nicht der Kirche!“ Das sei eine Herausforderung, die keinen Aufschub mehr dulde.

Sodann ging Franziskus auf eine Formulierung Ravasis ein, es gelte ein Gleichgewicht „zwischen Gleichheit und Verschiedenheit“ zu finden: „Diesen Aspekt sollte man nicht ideologisch angehen, denn die Linse der Ideologie verhindert, dass man die Realität richtig wahrnimmt. Die Gleichheit und die Verschiedenheit der Frauen – wie übrigens auch der Männer – nimmt man besser unter dem Hinblick des Miteinanders, der Beziehung wahr und nicht in der des Gegensatzes. Seit einiger Zeit haben wir – zumindest in den westlichen Gesellschaften“, fuhr der Papst fort, „das Modell der sozialen Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann hinter uns gelassen, ein jahrhundertealtes Modell, dessen negative Wirkungen immer noch spürbar sind. Wir haben auch ein zweites Modell überwunden: das der reinen und einfachen, mechanisch angewandten Gleichstellung und der absoluten Gleichheit. So konnte ein neues Paradigma gebildet werden, das der Gegenseitigkeit in der Gleichwertigkeit und in der Unterschiedlichkeit.“

Mann und Frau sind aufeinander verwiesen

Bei der Beziehung von Mann und Frau sei anzuerkennen, „dass beide notwendig sind, weil beide zwar eine identische Natur haben, aber mit je eigenen Modalitäten“, so Franziskus. Mann und Frau seien aufeinander verwiesen und könnten nicht ohne den jeweils anderen auskommen, weil nur so „die Fülle des Menschen“ erreicht werde. Durch ihre biologische Veranlagung seien Frauen außerdem in besonderer Weise mit der Weitergabe und dem Schutz des Lebens betraut, das gehe auch „über die biologische Sphäre hinaus“.

Eine dritte Frage, die der Papst ansprach, war „der weibliche Körper zwischen Kultur und Biologie“. Der weibliche Körper, „ein Symbol des Lebens“, werde „leider nicht selten angegriffen und entstellt“. Diese Form der Degradierung sei zu bekämpfen, die den Körper auf ein pures Objekt reduziere, das man auf den Märkten verkaufe. In diesem Zusammenhang wolle er auf die schmerzliche Lage so vieler Frauen in Armut aufmerksam machen, auf die Gefahr, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und zu Opfern einer Wegwerf-Kultur zu werden.

Zur Stellung der Frau in der Kirche sagte Franziskus: „Das geht die Gläubigen auf ganz besondere Weise an. Ich bin davon überzeugt, dass es dringend geboten ist, den Frauen im Leben der Kirche Räume zu bieten und sie aufzunehmen, wobei man natürlich die besonderen und gewandelten, kulturellen und sozialen Sensibilitäten berücksichtigen muss. Darum ist eine stärkere und deutlichere weibliche Präsenz in den Gemeinschaften wünschenswert, damit wir viele Frauen einbezogen sehen in seelsorgliche Verantwortung, in die Begleitung von Menschen, Familien und Gruppen und auch in die theologische Reflexion.“

Mit Blick auf den synodalen Prozess zu Ehe- und Familie sprach Franziskus die „unersetzliche Rolle der Frau in der Familie“ an. Ohne diese Realität „wäre die menschliche Berufung nicht zu verwirklichen“, meinte er. „Außerdem geht es darum, die wirksame Präsenz der Frauen im öffentlichen Leben, in der Arbeitswelt und da, wo die Entscheidungen getroffen werden, zu ermutigen und voranzubringen – und gleichzeitig ihre Präsenz und besondere Rolle in und für die Familie beizubehalten. Man darf die Frauen mit dieser Last nicht alleine lassen... Alle Institutionen, auch die der Kirche, sind dazu aufgerufen, die Wahlfreiheit von Frauen zu garantieren, damit sie die Möglichkeit haben, soziale und kirchliche Verantwortung zu übernehmen, ohne das Familienleben zu vernachlässigen.“ Sofort im Anschluss an die Vollversammlung des Kulturrats empfing der Papst am Samstagvormittag im Apostolischen Palast auch die Mitglieder des von Kardinal Stanis³aw Ry³ko. „Gott finden in der Stadt“ war das Thema der diesjährigen Sitzung und Franziskus sprach über die Stadtmission: „Mehr als die Hälfte der Menschen auf der Welt lebt in einer Stadt. Und dieses städtische Umfeld prägt stark die Mentalität, die Kultur, die Lebensstile, die Beziehungen und die Religiosität der Menschen.“

Jede Stadt hat auch das Zeug zum Unmenschlichen

In diesem sehr komplexen und vielschichtigen Umfeld sei die Kirche nicht mehr die einzige Anbieterin von Sinnangeboten. „Städte bieten große Gelegenheiten und bergen große Risiken: Sie können wunderbare Räume der Freiheit und der menschlichen Verwirklichung sein, aber auch furchtbare Orte des Unmenschlichen und des Unglücks. Es sieht wirklich so aus, als trage jede Stadt in sich auch das Zeug zu einer dunklen ,Gegen-Stadt‘, und als gäbe es zusammen mit den Bürgern auch die Nicht-Bürger: unsichtbare Menschen, Arme, die an Nicht-Orten und in Nicht-Beziehungen leben. Das sind Menschen, die keiner ansieht, bemerkt, für die sich keiner interessiert.“ Und das sei schrecklich, meinte der Papst.

Aber angesichts dieser traurigen Szenarien müsse man sich immer wieder daran erinnern, „dass Gott die Stadt nicht verlassen hat; Er wohnt in der Stadt“. Und das sei sehr schön. „Gott ist weiterhin in unseren so frenetischen und zerstreuten Städten gegenwärtig. Darum ist es notwendig, sich nie dem Pessimismus und Defätismus hinzugeben, sondern einen Blick des Glaubens auf die Stadt zu haben, einen kontemplativen Blick, der Gott entdeckt, der in den Häusern, den Straßen und Plätzen wohnt. Gott entfernt sich nie von Stadt, weil er sich nie von den Herzen des Menschen entfernt.“ Besonders die Laien seien berufen, das Evangelium in den Städten zu verkünden und vorzuleben: „In den täglichen Beschäftigungen, bei der Arbeit, als Einzelne oder als Familie, gemeinsam in der Pfarrei oder in den kirchlichen Bewegungen, denen sie angehören, können sie die Mauer der Anonymität und der Gleichgültigkeit einreißen, die oft in den Städten souverän regieren. Es geht darum, den Mut zu finden, den ersten Schritt zu machen und auf den anderen zuzugehen, um Apostel der Stadtviertel zu werden.“ Jedes christlich gelebte Leben habe einen starken sozialen Effekt, sagte Franziskus.

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