Glaubensschule, Lernen und Gemeinschaft

Der Priesterseminarist Martin Seiberl hat ein Buch geschrieben, das Vorurteile widerlegt. Von Benedikt Bögle

Über Priester und Priesterseminaristen gibt es viele Vorurteile, mit denen wohl jeder Priester im Laufe seiner Ausbildung und seines Lebens konfrontiert wird. Martin Seiberl, Priesterseminarist in Regensburg, versucht, diesen Vorurteilen und Gerüchten mit einer eigenen Publikation entgegenzutreten. „Zeige mir, Herr, deinen Weg! Meine Erfahrungen im Priesterseminar“ will aufzeigen, wie die Priesterausbildung abläuft und welche Erfahrungen junge Seminaristen machen. Schon im Vorwort macht der Autor deutlich, weshalb er den vorliegenden Band der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. „Heutzutage gibt es bei uns kaum einen Ausbildungsweg, der einerseits mehr Anstoß, andererseits mehr Interesse wecken kann als der Weg in den Priesterberuf. Viele sind erstaunt und haken nach, wenn man erzählt, welches Berufsziel man hat. Eine Welle der Neugier, der Ahnungslosigkeit und des Erstaunens bricht sich Bahn, und viele Fragen kommen auf.“

Fragen, die Seiberl beantworten will. Er zeigt, wie Menschen sind, die im 21. Jahrhundert Priester werden wollen. Gleichzeitig erklärt er, wie man Priester werden kann, in welchen Abschnitten die jungen Theologiestudenten zu Priestern ausgebildet werden. Rudolf Voderholzer, Bischof von Regensburg, teilt diese Ansicht. Im Vorwort des Buches schreibt er: „Wie der Weg zum Priestertum der katholischen Kirche im 21. Jahrhundert konkret aussieht, beschreibt aus eigenem Erleben Martin Seiberl in dem vorliegenden Buch. Das eignet sich hervorragend als erste Informationsquelle für alle, die in sich den Ruf verspüren, den Weg der Nachfolge Jesu im Priestertum zu gehen.“

Konsequent berichtet Seiberl aus seiner eigenen Perspektive, bricht all das Prinzipielle und Grundlegende, das es über die Priesterausbildung in Deutschland zu sagen gibt, auf sich, seinen Weg und seine Gefühle herab. So berichtet er von seiner eigenen Berufung, seinen ersten Überlegungen, ins Priesterseminar einzutreten – auch von den Zweifeln an dieser Berufung. Schließlich hat Seiberl den Sprung ins Priesterseminar gewagt und seine Ausbildung im Propädeutikum in Passau begonnen. Ein Jahr lang werden dort die Priesteramtskandidaten aus Regensburg, Passau, Augsburg und München in das priesterliche Leben eingeführt. Sie lernen die alten Sprachen, die für das Studium notwendig sind, üben sich im Stundengebet, erhalten Glaubensunterweisungen und arbeiten als Praktikanten in verschiedenen sozialen Einrichtungen. Gerade die Lehrstunden über den christlichen Glauben lobt Seiberl: „Glaubensschule bedeutet, dass die angehenden Seminaristen die groben Inhalte des katholischen Glaubens durch einen wöchentlich stattfindenden Glaubenskurs sowie durch fachliche Vorträge zusammenhängend vermittelt bekommen.“ Inhalt des propädeutischen Jahres ist ebenso ein vierwöchiger Aufenthalt in Israel, den Seiberl ausführlich, ausgeschmückt mit eigenen Erfahrungen, beschreibt.

Ebenso ausführlich skizziert Seiberl sein Leben mit den anderen Seminaristen im Regensburger Priesterseminar. Er geht detailliert auf die Aufgaben eines Seminaristen ein und beschreibt die Dienste des Regens, Subregens und Spirituals, die „Diener an den Berufungen Gottes“ seien. Er schreibt über die Gemeinschaft des Seminars: „Im Priesterseminar werden keine Heiligen ausgebildet, und Heilige wird man hier wie da wohl keine finden. Aber es ist die Sehnsucht nach Teilhabe an der Heiligkeit Gottes und der Kirche, die uns alle antreibt.“ Der gemeinschaftliche Charakter eines Seminars sei ein weitaus größerer als in Schulklassen, Sportvereinen oder am Arbeitsplatz.

Die praktischen Erfahrungen Seiberls durchziehen „Zeige mir, Herr, deinen Weg!“ vom Anfang bis zum Ende. Trotzdem gewinnt an einigen Stellen ein theologisch-wissenschaftlich, beinahe hochgestochener Stil die Überhand vor persönlichen Erfahrungen. Besonders deutlich wird das in dem Teil, dem Seiberl dem Theologiestudium widmet. In kurzen Abrissen stellt er die einzelnen Fächer des theologischen Studiums vor, manche – wie die Dogmatik – ausführlicher, manche – wie die Religionspädagogik – etwas spärlicher. Der Seminarist skizziert seinen Weg innerhalb des Studiums. Am Anfang sei er skeptisch gewesen: „Wenn es um die Theologie oder einfacher gesagt um unseren Glauben geht, dann haben leider nur wenige eine Vorstellung davon, warum man dafür ein zehnsemestriges Studium bestreiten muss.“ Mittlerweile sei Seiberl von der Theologie begeistert, kann an der Mitte seines Studiums angekommen ein vorläufiges Fazit ziehen: „Langweilig wird die Theologie mit Sicherheit nicht.“

Langweilig wird auch Seiberls Buch nicht. An manchen Stellen muss sich der Leser zwar durch etwas langatmige und umständlich formulierte Stellen kämpfen. Dafür wird er belohnt: Seiberl zeigt, dass auch normale Menschen im Priesterseminar wohnen: „In Priesterseminaren findet man gewöhnliche Menschen, wie sie überall anzutreffen sind, nicht nur sexuell verklemmte Irrläufer.“ Er schildert den Alltag dieser Menschen, beschreibt den Ablauf der Ausbildung und verankert die Ausbildungspraxis in biblischen Schriften und den Anweisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Ausbildung der Priester. Der Wunsch von Bischof Rudolf, das Buch könne als erste Information für angehende Priesterseminaristen dienen, kann sich so verwirklichen.

Martin Seiberl: „Zeige mir, Herr, deinen Weg! Meine Erfahrungen im Priesterseminar. Pneuma Verlag, München 2014,

125 Seiten, EUR 11,95

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