Glaube ist immer Frucht einer Begegnung

Zum dritten Mal kamen in Rom Bewegungen und geistliche Gemeinschaften aus aller Welt zusammen – Diesmal empfangen von Papst Franziskus. Von Guido Horst
Foto: dpa | Kirche in Bewegung: Zur Vigilfeier am Samstagabend und zur Papstmesse am Pfingstsonntag kamen jeweils über dreihunderttausend Gläubige.
Foto: dpa | Kirche in Bewegung: Zur Vigilfeier am Samstagabend und zur Papstmesse am Pfingstsonntag kamen jeweils über dreihunderttausend Gläubige.

Rom (DT) Am vergangenen Pfingstsamstag wäre Benedikt XVI. ein zweites Mal mit den kirchlichen Bewegungen zusammengetroffen, nach seinem ersten Treffen dieser Art zu Pfingsten 2006. Begründet hatte diese Reihe Johannes Paul II. am Pfingstfest 1998. Viel war damals die Rede vom „Wehen des Heiligen Geistes“. Für Erzbischof Rino Fisichella vom Rat für Neuevangelisierung, der das diesjährige Treffen vor Journalisten als Initiative im Rahmen des „Jahrs des Glaubens“ vorgestellt hatte und am Samstag auch die einleitenden Begrüßungsworte vor Papst Franziskus sprach, sind die Bewegungen und neuen geistlichen Gemeinschaften in der Kirche eine der augenfälligsten Früchte des Zweiten Vatikanums. Und es fiel nun dem ersten Jesuiten-Papst zu, dieser Vigilfeier am frühen Abend vorzustehen.

Auf den ersten Blick eine Veranstaltung mit Franziskus-Effekt: Sie wollte gar nicht mehr aufhören, die Fahrt des Papstes im weißen Jeep durch die Menschenmassen, die aus Italien, vielen Ländern Europas und anderer Kontinente zusammengeströmt waren. Zweimal „durchbrach“ der Papst die Grenze des Vatikanstaats und fuhr auf italienisches Staatsgebiet, weil sich die Menschen bis weit in die Via della Conciliazione hinein stauten. Am Pfingstsonntag, vor der Messfeier auf dem Petersplatz, sollte sich das ein drittes Mal wiederholen. Ein neues „Gewohnheitsrecht“ ist geboren: Wenn der Petersplatz die Menge nicht mehr fassen kann und sich die Piazza Pio XII und auch die Via della Conciliazione füllen, darf der Papst in seinem Papamobil auch einen „Ausflug“ machen. Die italienischen Sicherheitskräfte und die römische Stadtverwaltung haben gerne mitgemacht. Den italienischen Medien zufolge waren zur Vigilfeier am Samstagabend und zur Papstmesse am Pfingstsonntag jeweils über dreihunderttausend Gläubige gekommen. Viel Bewegung. Aber das soll ja auch eine Eigenschaft der kirchlichen Bewegungen sein.

Die Vigilfeier war trotz der Menschenmasse eine sehr vertraute Begegnung, weil Papst Franziskus erzählte. Vier Fragen hatten ihm Mitglieder verschiedener Bewegungen vorgetragen und der Papst antwortete frei, ohne Manuskript. Zuvor hatten zwei Laien ein Zeugnis abgelegt, der Pakistaner Paul Bhatti, Bruder des pakistanischen Integrationsministers Shahbaz Bhatti, der im Alter von 43 Jahren von islamischen Extremisten erschossen worden war, und der irische Autor und Journalist John Waters, der über die Begegnung mit „Comunione e Liberazione“ zum Glaubensleben zurückgefunden hatte. Doch vor allem kam die Muttergottes. Nach den Begrüßungsworten von Erzbischof Fisichella hatten Jugendliche die uralte Ikone der „Salus Populi Romani“ aus der Basilika Santa Maria Maggiore in einer Prozession über den Petersplatz bis zum Sagrato vor der Fassade des Petersdoms getragen. Papst Franziskus betete zunächst mit den Versammelten zu Maria. Aber der Höhepunkt der Vigilfeier waren dann seine Antworten auf die vier Fragen.

Die erste Frage war sehr persönlich: „Heiliger Vater, wie haben Sie in Ihrem Leben Sicherheit über den Glauben erlangt?“ Und was rate er jedem, um die Glaubensschwächen zu überwinden? Und Franziskus antwortete auch sehr persönlich – er sprach von seiner Oma: „Am Karsamstag ging sie mit uns abends zur Lichterprozession, und am Ende der Prozession kam man zum liegenden Christus. Die Großmutter ließ uns, uns Kinder, hinknien und sagte: Schaut, er ist tot, aber morgen wird er auferstehen. Die erste Verkündigung des christlichen Glaubens habe ich von dieser Frau erhalten, von meiner Oma! Das ist wunderschön. Die erste Verkündigung geschieht zu Hause, in der Familie!“ Alle Mütter und Großmütter rief der Papst dazu auf, den Glauben weiterzugeben. „Denn Gott stellt uns Personen an die Seite, die uns auf unserem Weg des Glaubens helfen. Wir finden den Glauben nicht im Abstrakten, nein! Es ist immer eine Person, die zu uns spricht, die uns sagt, wer Christus ist, die uns den Glauben weitergibt.“

Warum Franziskus die Massen anzieht

Gleich darauf erzählte Franziskus ein zweites Erlebnis: „Es gab für mich einen sehr wichtigen Tag: den 21. September 1953. Ich war fast siebzehn Jahre alt.“ An diesem Tag sei er an seiner Pfarreikirche vorbeigekommen – „und ich spürte die Notwendigkeit zu beichten. Es war für mich die Erfahrung einer Begegnung: Ich traf auf jemanden, der mich erwartete. Ich weiß nicht, warum dieser Priester da war, den ich nicht kannte. Ich weiß nicht, warum ich den Wunsch verspürte zu beichten. Aber die Wahrheit ist, dass einer mich erwartete. Dieser Priester wartete seit langer Zeit. Nach der Beichte habe ich gespürt, dass etwas anders geworden war. Ich war nicht mehr derselbe. Ich habe es wie einen Ruf, wie eine Stimme erlebt: Ich war überzeugt, dass ich Priester werden muss. Diese Glaubenserfahrung ist wichtig. Wir sagen, dass wir Gott suchen müssen, dass wir zu Ihm gehen müssen, um Vergebung zu erbitten. Aber wenn wir losgehen, erwartet Er uns schon, Er ist schon da!“ Es sei eine große Gnade, auf jemanden zu treffen, der einen erwartet. „Du gehst los als Sünder, aber Er erwartet dich schon, um dir zu vergeben.“

Man muss Papst Franziskus sehen, wenn er diese Dinge sagt. Die Teilnehmer bei der Pfingstvigil konnten seine Worte und Gesten auf den Videowänden verfolgen, die den Petersplatz und die Via della Conciliazione säumten, die Italiener zu Hause auf einem der Fernsehsender, die das Ereignis live übertrugen. Papst Franziskus ist kein junger Mann, beim Einzug zum Pfingstgottesdienst am Sonntagmorgen humpelte er stark, oft sieht er müde aus, sein Gesicht nimmt dann fast grimmige Züge an. Aber wenn er, wie bei der Vigil mit den Bewegungen, über seinen Glaubensweg und seine Erfahrungen spricht, dann ist er wie ausgewechselt. Dann wirkt er lebendig, anziehend und – um es einfach zu sagen – unglaublich sympathisch. Jedenfalls so, dass er auf die Menschen wirkt. Das ist der Grund, warum Franziskus die Massen anzieht.

Die zweite Frage: Wie können wir in wirksamer Weise den Glauben heute verkünden? Die Antwort – wie so oft, ganz in jesuitischer Weise – in drei Stichpunkte aufgeteilt: „Zunächst: Jesus. Was ist das Wichtigste? Jesus. Wenn wir uns mit Organisation auf den Weg machen, mit anderen Dingen, auch mit schönen Dingen, aber ohne Jesus, dann kommen wir nicht voran. Die Sache läuft nicht. Jesus ist das Wichtigste. Jetzt möchte ich eine kleine Zurechtweisung machen, eine brüderliche, unter uns: Ihr alle auf dem Platz habt ,Franziskus, Franziskus, Papst Franziskus‘ geschrien. Aber Jesus, wo war er? Wenn es nach mir ginge, solltet ihr schreien: ,Jesus, Jesus ist der Herr, und er ist mitten unter uns!‘ Also jetzt: Nichts mehr mit ,Franziskus‘, sondern ,Jesus‘!“ Der zweite und dritte Stichpunkt der Antwort des Papstes betrafen das Gebet und das Zeugnis.

Die Zuhörer dankten mit langem Applaus

Bei der Antwort auf die dritte Frage – „Wie können wir eine arme Kirche für die Armen leben, wie antworten wir auf die Krise der öffentlichen Ethik, der Entwicklung, der Politik?“ – erzählte Papst Franziskus einen „Midrasch“, eine Schriftauslegung eines Rabbiners des dreizehnten Jahrhunderts zum Turmbau von Babel: Die Steine für den Turm seien ein kostbarer Schatz gewesen, aus Lehm hergestellt, gebrannt und nach oben transportiert. „Wenn ein Stein herunterfiel, war das ein Drama, eine nationale Tragödie, und der Schuldige wurde bestraft. Wenn aber ein Arbeiter herunterfiel, geschah nichts. Und genau das passiert heute: Wenn die Einlagen und Bankguthaben ein wenig an Wert verlieren, dann ist das eine Tragödie... Was soll man machen? Aber wenn die Leute vor lauter Hunger sterben, wenn sie nichts zu essen haben, wenn sie nicht gesund sind, dann macht das nichts. Das ist unsere Krise von heute! Und es ist das Zeugnis einer armen Kirche für die Armen, gegen diese Mentalität vorzugehen.“

Auf die vierte Frage hin nannte der Papst zwei Tugenden, die man brauche, um das Evangelium zu verkünden: Mut und Geduld. Wieder eine lange Antwort, insgesamt sprach Franziskus über vierzig Minuten. Die Zuhörer dankten es ihm mit einem langen Applaus. Und als der Papst mit seinem Jeep den Petersplatz verließ und nochmals durch die Menge fuhr, schallten ihm wieder „Franziskus, Franziskus“-Chöre entgegen – nicht „Jesus, Jesus“, wie er es sich eigentlich gewünscht hatte. (Die Antworten des Papstes im vollen Wortlaut siehe Seiten 6 und 7)

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