„Gesungene Liturgie war immer das Normale“

Der Kirchenmusiker und Musikwissenschaftler Albert Richenhagen betrachtet das Motu proprio „Summorum pontificum“ als Fortschritt für die Musica sacra

Was sind aus Ihrer Sicht des Kirchenmusikers die größten Unterschiede zwischen der tridentinischen Liturgie und der Liturgiereform von 1970?

Eigentlich keine. Würde der Novus Ordo von 1970 so zelebriert, wie ihn die Konzilsväter gewünscht haben, könnte man 1:1 dieselbe Sakralmusik verwenden. Das gilt namentlich für die moderne Musik. Ein Beispiel ist die Stravinsky-Messe von 1948, die für die vorkonziliare Liturgie gedacht war.

Ihre Aussage erstaunt, denn man assoziiert doch gemeinhin mit der Alten Messe gregorianische Gesänge und lateinische Responsorien. Und mit der Liturgiereform zeitgemäße Musik und landesprachliche Texte?

Die Konzilskonstitution über die Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ (SC) drückt im 6. Kapitel über die Musik im Grunde nur aus, was Pius X. in seinem berühmten Motu proprio von 1903 wollte. Wer das in seinem Haupttext liest, wird sagen: Die Musik ist eigentlich dieselbe, die Rangfolge auch.

Um welche Reihenfolge geht es da?

An erster Stelle steht der gregorianische Choral. An zweiter Stelle die sogenannte gltklassische Vokalpolyphonie. Den dritten Rang hat die Mehrstimmigkeit generell, sofern sie die wichtigsten Kriterien erfüllt, nämlich Sakral- und Kunstmusik ist. An vierter Stelle kommen die geistlichen Gesänge in der Landessprache.

Woher kommen dann die Veränderungen in der neuen Messliturgie, die von vielen Kennern der alten Liturgie doch als sehr schmerzlich wahrgenommen werden?

Versuche mit dem sogenannte neuen geistlichen Lied gab es schon kurz vor dem Zweite Vaticanum, lange davor die deutschen Messen von Michael Haydn oder von Franz Schubert. Positive Veränderungen hat bereits der Kirchenmusikkongress von 1961 in Köln angeregt, die dann aufgegriffen wurden.

Gilt das auch für die Beteiligung der Gemeinde am Gottesdienst?

Die „Missa cum populo activo“, die Messe mit aktiver Beteiligung der Gemeinde, gibt es schon lange vor dem 2. Vaticanum. Papst Pius X. wollte, dass die Gemeinde die Teile des Ordinariums, die ihr zukommen auch singen kann. Pius X. war einer der größten Reformpäpste, was die Liturgie angeht. Er hatte mit Entsetzen bemerkt, dass Musik aus Theater und Militär in den Gottesdienst eingedrungen waren. Daher wollte er 1903 eine Reform der Kirchenmusik. Er knüpfte daher an Formen an, die es schon früher gegeben hatte.

Wo konnte sich die Gemeinde in der Tridentinischen Liturgie denn genau beteiligen?

Im schon erwähnten Ordinarium, in den Antworten auf die Priestergesänge, in den Rufen der Allerheiligenlitanei, in den Liedern der Landessprache. Ich habe diese Vielfalt noch als Musikstudent im 1. Semester miterlebt, als ich die Organistenvertretung in der Kirche einer Kölner Arbeiterpfarrei übernahm. Der Pfarrer sagte in der Sakristei: Wir singen heute das 11. Ordinarium. Ich erschrak, weil ich dieses nicht kannte, und ich musste mich schnell auf der Orgelbank damit vertraut machen. Die Gläubigen aber konnten dieses Ordinarium aus dem ausliegenden Kyriale sehr gut mitsingen.

Von Pius X. bis zum 2. Vaticanum, also innerhalb von 60 Jahren, hat es demnach eine liturgische Schulung und Bildung der Gemeinde gegeben. Woran lag das?

Die liturgische Bewegung mit Zentren wie Maria Laach hat viel dazu beigetragen. Die gregorianischen Gesänge waren so im Rheinland sehr verbreitet. Es konnten fast alle mitsingen. Das galt auch und besonders für die Eucharistische Liturgie. Gesänge wie das Kyrie, das Gloria, Sanctus und das Agnus Dei waren gut bekannt.

Es wird immer wieder argumentiert, die Liturgiereform sei gut, aber sie werde schlecht praktiziert. Welche Missstände beobachten Sie von der Orgelbank aus?

Das ist genau der Punkt. Im Prinzip werden oft Ausführungsbestimmungen des Novus Ordo ignoriert. Es dringen Elemente ein wie bürgerliche Höflichkeitsformen, die als liturgischer Gesang unmöglich wären. Man kann ja nicht singen: Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen und die Gemeinde antwortet: Danke gleichfalls. Das alles ist nicht vorgesehen. Solche Missstände könnte ich vielfältig benennen. Ich habe das in einem Artikel den „unordentlichen Ritus“ genannt.

Was meinen Sie mit dem „unordentlichen Ritus“?

Faktisch gibt es den ordentlichen, den außerordentlichen und den unordentlichen Ritus. Letzterer ist von keinem Konzil beschlossen und zeichnet sich durch zahlreiche Beliebigkeiten aus. Da werden zum Beispiel Passagen aus dem „Kleinen Prinzen“ von Antoine Saint-Exupéry vorgelesen oder irgendwelche, aus obskuren Quellen stammenden Messkanones benutzt. Da gibt es eine unheimliche Abenteuerlust bei den Priestern. Mich ärgert daran, dass diejenigen, die den außerordentlichen Ritus praktizieren wollen, in den hintersten Winkel verbannt werden, für diesen Unfug aber ist in vielen Kirchen Platz. Genau umgekehrt müsste es sein.

Gibt es für diesen „Unfug“ eines unordentlichen Ritus, wie Sie es nennen, nicht vielleicht doch Anhaltspunkte in den Konzilstexten?

Nein gar nicht, aus dem schon erwähnten Text von SC, Kap. 6 geht an keiner Stelle hervor, dass solche Missstände erlaubt sein sollen.

Viele Priester, die zu einer sogenannten „kreativen Gottesdienstgestaltung“ greifen, wollen den Menschen entgegenkommen. Ist das nicht ein berechtigtes Anliegen, gerade, was den Musikstil angeht?

Nein, das muss misslingen. Viele der neuen geistlichen Lieder sind dilettantisch gemacht. Ich bin selber Jazzmusiker und bin auch für die Unterhaltungsmusik sehr aufgeschlossen. Ich bin an der Universität auch mit Pop-Musik befasst und interessiere mich sehr dafür. Bedauerlich ist, dass schlechte Unterhaltungsmusik, die nicht diskothekenfähig ist und nie in die Charts kommen würde, als neues geistliches Lied in die katholische Kirche kommt. Und das kirchensteuersubventioniert!

Kritisieren Sie hier hauptsächlich die Qualität der Musik oder den mangelnden geistlichen Tiefgang dieser Lieder?

Beides, das mangelnde handwerkliche Können und den fehlenden geistlichen Tiefgang. Besonders peinlich sind in dieser Hinsicht Stadiongottesdienste bei Katholikentagen und Papstbesuchen, wo Gesänge erklingen, von denen viele bald vergessen werden wie Eintagsfliegen.

Seit dem Motu proprio von Papst Benedikt von 2007 gibt es zwei Formen des einen römischen Ritus. Welche Chancen sehen Sie in dieser neuen Lage als Kantor?

Wir kehren hier zu dem Reichtum der römischen Liturgie zurück. Das, was in der Konzilsaula in den sechziger Jahren diskutiert worden ist, wird jetzt durch das Motu Proprio von Papst Benedikt wieder mehr und mehr praktiziert werden. Das ist ein großer Fortschritt.

Was bedeutet das für die Priesterausbildung?

Es gibt in den Priesterseminaren ganz offenkundig ein Defizit an musikalischer Bildung. Es ist verhängnisvoll, dass Musikwissenschaft und Liturgiewissenschaft immer noch keine richtige Verbindung zueinander gefunden haben. Die Musica Sacra entstand nicht dadurch, dass Texten nachträglich eine Melodie hinzugefügt wurde. In Wirklichkeit sind die Propriumteile wie der Introitus, das Graduale etcetera als Gesänge und nicht als reine Sprachtexte in die Liturgie eingetreten. Die gesungene Liturgie war immer das Normale. Da schaue man sich nur die Ostkirchen an. Über die gesungene Liturgie müsste in der Priesterausbildung viel mehr gelehrt und gelernt werden.

Sie haben mir erzählt, dass Sie durch die traditionellen katholischen Gesänge neu zum Glauben gefunden haben. Was hat Sie da besonders angesprochen?

Die gewordene, nicht die gemachte Liturgie. Das Gefühl, nein die Gewissheit, in der Heiligen Messe in etwas einzutreten, was nicht Menschen gebastelt haben, sondern was aus der zweitausendjährigen Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Volk hervorgegangen ist. Was Liturgieplaner nicht am grünen Tisch planen können, das hat mich fasziniert.

Da tritt Gott in der Liturgie in seiner Heiligkeit dem Menschen entgegen und der Mensch antwortet?

Genau, es ist ja nicht der Priester, der die Messe zelebriert, sondern Christus selbst, der in der Person des Priesters gegenwärtig ist. Darum trägt er auch Messgewänder. Darum wenden wir uns ja auch gemeinsam Gott zu. Der Priester und die Gläubigen. Gleichzeitig bedarf der Priester ja genauso des Priesters und Beichtvaters wie der Laie.

Wenn man dieses Grundverständnis der Messe, der Heiligkeit der Liturgie zugrunde legt, wie könnte man dann heute Familiengottesdienste ansprechend auch für Kinder gestalten – ohne profan zu werden?

Es ist einer der Hauptirrtümer zu glauben, dass es eigene Kinder- oder Familiengottesdienste geben müsse. Es gibt ja auch keine Kinderflugzeuge, Kinderstraßenbahnen und so weiter. Die Kinder können ganz normal am Glaubensleben der Eltern und Erwachsenen teilnehmen. Dadurch, dass man die Kinder ausgliedert und ihnen gleichsam Reservate zuweist, geschieht in Wirklichkeit eine verhängnisvolle Desintegration. Und dieses Problem begegnet uns besonders in Kinder- und Familiengottesdiensten. Ich plädiere daher dafür, dass Kindern die Messe erklärt wird und sie zusammen mit den Erwachsenen am Gottesdienst teilnehmen; sie sich genauso wie die Erwachsenen von der Heiligkeit Gottes berühren lassen. Auf diese Weise überwinden wir die Desintegration und erleben die Kontinuität der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Wir haben denselben Gott für Kinder, Erwachsene und Alte. Liturgie und Pastoral dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Die liturgischen Formen sind so reich, dass sie jeden ansprechen können.

Welche positiven Erwartungen haben Sie nach der päpstlichen Erlaubnis für den außerordentlichen Ritus für die Zukunft der Kirchenmusik und Gottesdienstliturgie?

Wenn der von mir so benannte „unordentliche Ritus“ aufhört, wird es auch keine Probleme mehr zwischen dem ordentlichen und dem außerordentlichen Ritus geben. Der ordentliche Ritus sollte wieder regelmäßig in seiner Hochform gefeiert werden. Es gibt ja nur einen Ritus in zwei Formen, wie der Papst lehrt. Vieles wird in der Zukunft von den Bischöfen abhängen. Wenn diese wollen, dann wird sich vieles zum Guten wenden können.

Was würde das zum Beispiel für Bischofsstädte bedeuten?

Das würde für Bischofsstädte bedeuten, dass es im Dom an einem Tag der Woche eine Messe im außerordentlichen Ritus gäbe Damit würde man zeigen, dass diese Form des römischen Ritus zum Leben der Kirche gehört. Dieses Angebot würde von vielen traditionell empfindenden Katholiken dankbar angenommen. Umgekehrt kann der außerordentliche Ritus natürlich auch die neuen Präfationen, Heiligenfeste etc. aufnehmen, die in den letzten vierzig Jahren entstanden sind.

Bedeutet das auch die Aufnahme von moderner Musik in den Außerordentlichen Ritus?

Genau dafür plädiere ich. Es ist nicht einzusehen, warum in vielen Feiern des außerordentlichen Ritus nur Musik aus der Zeit bis zum neunzehnten Jahrhundert vorkommt. Es gibt sehr gute Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, deren Musik in beiden Formen des Messritus aufgenommen werden kann. Ein sonntägliches Hochamt im außerordentlichen Ritus mit gregorianischem Proprium und mit dem mehrstimmigen Ordinarium von Igor Stravinsky oder eines Komponisten wie Arvo Pärt wäre sehr zu begrüßen!

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