Gespür für die Tradition

Sichtung und Neubewertung des Kirchenliedgutes gelungen: Zum Advents- und Weihnachtsteil im neuen „Gotteslob“. Von Michael Karger
Foto: Symbolbild: KNA | Welche Freude: Engel und Gemeinde können beim Krippenspiel sorgfältig ausgesuchte alte und neue Lieder nach dem neuen Gotteslob gemeinsam singen.
Foto: Symbolbild: KNA | Welche Freude: Engel und Gemeinde können beim Krippenspiel sorgfältig ausgesuchte alte und neue Lieder nach dem neuen Gotteslob gemeinsam singen.

In unseren Advents- und Weihnachtsliedern spiegelt sich die gesamte Entwicklung des Kirchengesanges: Von den Hymnen und Antiphonen der frühen Kirche und des Mittelalters führte der Weg über die Anfänge des deutschsprachigen Singens in kleinen Wechselgesängen zu musikalischen Spielen, die der Liturgie entwachsen sind, wie die Herbergssuche, das Krippenspiel oder das Sternsingen. Seinen Höhepunkt erreichte das deutsche Liedschaffen mit Paul Gerhardt und Friedrich Spee im 17. Jahrhundert. Auf die historisierende Distanz des Klassizismus und den Moralismus der Aufklärung folgte die Restauration zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die Blüte der weihnachtlichen Hausmusik. Eine Annäherung an die Liturgie und eine Hinwendung bedeutender Dichter zum Weihnachtslied kennzeichnen die Zeit bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Weltweiten musikalischen Einflüssen öffnete sich das Lied in der Nachkonzilszeit. Engagierte Dichtung und sozialrevolutionäres Pathos machten in den siebziger Jahren auch vor dem Weihnachtslied nicht halt. Zu allen Zeiten sind dabei aber auch Lieder mit hoher Textqualität und zeitlos schönen Melodien entstanden. Zuletzt wurde 1975 mit dem katholischen Einheitsgesangbuch „Gotteslob“ (GL1) eine Neusichtung und Bewertung der Liedtradition vorgenommen.

In der Zwischenzeit sind zahlreiche ausgeschiedene Lieder bei Neuauflagen der Eigenteile der einzelnen Bistümer wieder in das GL1 zurückgekehrt. Dem neuen „Gotteslob“ von 2013 (GL2) ging wiederum eine völlige Neuprüfung des gesamten Kirchenliedschaffens voraus. Im Blick auf den Advents- und Weihnachtsteil soll hier in Auswahl eine kleine Gewinn- und Verlustbilanz aufgemacht werden.

An den letzten sieben Tagen des Advents wird Christus in den sogenannten O-Antiphonen unter Verwendung alttestamentlicher Bilder angerufen. Eine neue Melodie hat die Übertragung der O-Antiphonen „Herr send herab uns deinen Sohn“ (222) bekommen. Wurden sie bisher nach einer Melodie des Andernacher Gesangbuches von 1608 gesungen, so heißt es zur neuen Melodie nun „1856 nach französischer Melodie des 15. Jahrhunderts“. Auch weiterhin findet sich in mehreren Anhängen die zweite Übersetzung der O-Antiphonen: „O komm, o komm Emmanuel“ vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Weggefallen sind im GL2 die Andachten mit den O-Antiphonen, die das GL1 für den Advent angeboten hatte. Erstmalig in den Stammteil aufgenommen wurde „Maria durch ein Dornwald ging“ (224). Zwischen den Weltkriegen wurde dieses Marienlied von der Jugendbewegung wiederentdeckt. Es entstand wohl um 1600. Zu Text und Melodie gibt das GL2 „August von Haxthausen 1850“ an. Vom überlebten Aktivismus der Liedschöpfungen der 70er Jahre und ihrem sozialrevolutionären Jesus-Bild geprägt ist das neu hinzugekommene Lied „Wir ziehen vor die Tore der Stadt“ (225) von 1971. Darin heißt es etwa „Er ist entschlossen, Wege zu gehen, die keiner sich getraut“ und „Er ist entschlossen, Wege zu gehen, vor denen allen graut“.

Barocke Strahlkraft ist ungebrochen

Im 19. Jahrhundert wird Weihnachten mit der romantischen Entdeckung der Kindheit zum bürgerlichen Familienfest. Es beginnt die weihnachtliche Hausmusik zur Klavierbegleitung. Der evangelische Kirchenchoral hält Einzug in die festlichen Wohnstuben des Biedermeier. Aus dieser Frühzeit der häuslichen Weihnachtsmusik stammt „Tochter Zion.“ Erst jetzt als stammteiltauglich erachtet, wird es als mehrstimmiger Satz abgedruckt (228). Der Text von Friedrich Heinrich Ranke von 1820 (nach Sacharja 9, 9–10) wurde mit einer Melodie von Georg Friedrich Händel unterlegt. Es handelt sich um den Siegeschor aus dem Oratorium „Josua“, den der Meister selbst später nochmals in seinem Oratorium „Judas Maccabäus“ verwendet hat. Dieses Adventslied hat bis heute nichts von seiner barocken Strahlkraft verloren. Fast gänzlich von reiner Endzeiterwartung auf das Kommen Christi geprägt ist der neue ökumenische Titel „O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu“ (233) von 1979.

Herausgenommen wurden „Tauet, Himmel aus den Höhn“ (GL1,104) und die beiden Adventslieder aus dem 16. und 17. Jahrhundert „Aus hartem Weh die Menschheit klagt“ (GL1,109) und „Mit Ernst, o Menschenkinder“ (GL1,113). Während „Es kommt ein Schiff geladen“, eines der ältesten deutschsprachigen geistlichen Lieder, im GL1 noch dem Advent zugeordnet war, eröffnet es jetzt im GL2 die Weihnachtslieder (236). Jetzt fehlt die marianische siebte Strophe „Maria Gottes Mutter,/ gelobet musst du sein./ Jesus ist unser Bruder,/ das liebe Kindelein.“ Im GL1 war das Lied mit der marianischen Strophe als ökumenisch gekennzeichnet. Bereits im GL1 war die Fassung des evangelischen Pfarrers Daniel Sudermann von 1626 abgedruckt worden, allerdings mit der marianischen Strophe, die auf das katholische Andernacher Gesangbuch von 1608 zurückgeht. Von Philipp Nicolai, dem Verfasser von „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, stammen auch Text und Melodie von „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, das im GL1 noch dem Advent zugehörte und jetzt unter „Die Himmlische Stadt“ (554) gesucht werden muss. Im „Evangelischen Gesangbuch“ steht es unter den Liedern zum Ende des Kirchenjahres. Martin Luther hat insgesamt zwölf Lieder zum Kirchenjahr geschrieben. Mit ihm begann die Geschichte des protestantischen Weihnachtschorals. Sein 1535 entstandenes Weihnachtslied über die Verkündigung an die Hirten „Vom Himmel hoch da komm ich her“ (237) wird jetzt ohne die von Valentin Triller 1555 vorangestellte erste Strophe „Es kam ein Engel hell und klar/ von Gott aufs Feld zur Hirtenschar;/ der war gar sehr von Herzen froh/ und sprach zu ihnen fröhlich so“ mit sieben Strophen gebracht.

Endlich steht auch die so genial einfache Katechismusstrophe „Welt ging verloren, Christ ist geboren“ des unsterblichen „O du fröhliche“ (238) im Stammteil. Nur diese erste Strophe stammt vom Weimarer Sozialpädagogen Johann Daniel Falk. Sein Assistent Heinrich Holzschuher hat später noch zwei weitere Strophen hinzugefügt. Bei der von Johann Gottfried Herder übermittelten Melodie eines „Sizilianischen Schifferliedes“ handelt es sich um ein Marienlied. „Zu Bethlehem geboren“ (239) des Jesuiten Friedrich Spee steht mit dem „Eja, eja, sein eigen will ich sein“ in der Tradition der Wiegenlieder, die im Gottesdienst gesungen wurden.

Für weihnachtliches Singen außerhalb der Liturgie gibt es für Mittelalter und frühe Neuzeit keinerlei Belege. In GL2 sind die Strophen vier und fünf jetzt gegenüber dem GL1 vertauscht und eine sechste Strophe, die dem aufgeklärten und rationalistischen Zeitgeschmack von 1975 nicht genehm war, ist wieder hinzugekommen: „Lass mich von dir nicht scheiden,/ knüpf zu, knüpf zu das Band:/ Die Liebe zwischen beiden/ nimmt hin mein Herz zum Pfand./ Eja, eja, nimmt hin mein Herz zum Pfand.“

Wie im GL1 wird das ursprünglich lateinische Lied „Quem pastores laudavere“ aus dem 15. Jahrhundert auch wieder nur in der deutschen Übersetzung von Markus Jenny von 1971 gebracht: „Hört, es singt und klingt mit Schalle“ (240). Mehrere Knabenchöre haben in der Christmette im Wechsel mit dem Volk das „Quempas-Singen“ praktiziert. Sowohl aus der katholischen wie aus der protestantischen Liturgie überliefert, hat das „Quempas-Singen“ als Schülerbrauch in Brandenburg bis in das 20. Jahrhundert überlebt. Eine Neubelebung gelang durch das vom Bärenreiter-Verlag 1930 herausgegebene „Quempas-Heft“, das 1962 wiederaufgelegt wurde. Erstmalig wird „Adeste fideles“ (241f) sowohl im lateinischen Originaltext von Jean Francois Borderies (um 1790) und in der bereits im GL1 enthaltenen deutschen Übersetzung von Joseph Mohr zugänglich gemacht.

Wohl eines der schönsten deutschen Weihnachtslieder ist „Es ist ein Ros entsprungen“ aus dem 15. Jahrhundert. Als der protestantische Kantor Michael Praetorius 1609 einen vierstimmigen Satz dazu schrieb, ersetzte er das Bekenntnis zur immerwährenden Jungfräulichkeit der Gottesmutter „bleibend ein’ reine Magd“ durch „wohl zu der halben Nacht.“ Im GL1 steht in der „ökumenischen Fassung“, die neben den katholischen Strophen steht: „hat sie ein Kind geboren,/ welches uns selig macht.“ Jetzt sind im GL2 nur noch die drei Strophen der katholischen Fassung als ökumenisch gekennzeichnetes Lied zu finden. „Menschen, die ihr wart verloren“ (245) vom Anfang des 19. Jahrhunderts wurde mit vier Strophen neu in den Weihnachtsteil hinzugenommen.

Ein erfreulicher Zugewinn ist das zu Anfang des 17. Jahrhunderts entstandene Verkündigungslied mit Echo-Effekt „Als ich bei meinen Schafen wacht“ (246). Was 1975 noch undenkbar war: „Ihr Kinderlein kommet“ von Christoph von Schmid, Inbegriff des biedermeierlichen Krippenliedes, steht nun mit allen fünf Strophen im Stammteil. In dem Moment, da junge Eltern diese beiden Lieder von Zuhause her kaum noch kennen, kann man sie wenigstens wieder in der Krippenfeier an Heiligabend in der Kirche mit dem „Gotteslob“ erlernen.

Auch den Kampf gegen „Stille Nacht“ (249) haben die Ideologen verloren. Im katholischen Gesangbuch von 1975 wurde nur der Text der bekannten drei Strophen gebracht. Textdichter war der in Salzburg gebürtige Hilfspriester Josef Mohr. Sein sechsstrophiges Lied hat auf seine Bitte hin kurz vor Weihnachten 1818 in Oberndorf an der Salzach der Lehrer und Organist Franz Xaver Gruber zur Aufführung in der Christmette vertont. Im GL1 steht „Urfassung“ unter den drei Strophen, was sich nur auf die Änderung von Christus in Jesus („Jesus in deiner Geburt“ und „Jesus der Retter ist da“) beziehen kann. Im neuen Gotteslob heißt es wieder „Christ der Retter ist da“, und es wurde die Reihenfolge der Strophen zwei und drei vertauscht. Jetzt heißt es in der Christmette: Aufgepasst; wir singen „Stille Nacht“ nun nach dem evangelischen Gesangbuch: Erst wird den Hirten in der zweiten Strophe kundgemacht und dann erst lacht der Gottessohn in der dritten Strophe.

Diese Änderung berechtigt offenbar dazu, dem Lied einen weiteren Texter und Komponisten hinzuzufügen. Unter dem Lied steht jetzt: „Text: Josef Franz Mohr (1816)1838/Johann Hinrich Wichern 1844, Musik: Franz Xaver Gruber (1818)1838/Johann Hinrich Wichern 1844.“ Was erlaubt nun, Wichern, den Gründer der Hamburger Diakonie, zum Mitautor und Mitkomponisten von „Stille Nacht“ zu erheben? Wichern hat die Strophen drei, vier und fünf gestrichen und die sechste („Hirten erst kundgemacht“) zwischen die erste und zweite platziert. Dem ist erst 2013 das katholische Gesangbuch gefolgt. Er hat „Jesus“ durch „Christus“ ersetzt, aus dem zu katholisch klingenden „hochheiligen Paar“ hat er ein „so seliges Paar“ gemacht und dem Ganzen den neuen Titel „Freude am Christkind“ gegeben und die Melodie unwesentlich vereinfacht. Dann nahm er „Stille Nacht“ 1844 in sein Liederbuch für Heimkinder auf. Nach heutigem Urheberrecht wohl keinesfalls ausreichend, um als Mitautor und Mittexter zu gelten. In die Diözesanteile der österreichischen Bistümer wurde „Stille Nacht“ mit allen sechs Strophen der Urfassung aufgenommen. So erfreulich die Neuaufnahme von „Engel auf den Feldern singen“ (250) nach französischer Vorlage aus dem 18. Jahrhundert auch ist, es hätte auch eine bessere Übersetzung („Engel haben Himmelslieder“) als die von Marie Luise Thurmaier gegeben. „Jauchzet ihr Himmel“ (251) von Gerhard Tersteegen wurde gegenüber dem GL1 wieder in seine ursprüngliche Gestalt von 1731 zurückversetzt (nun heißt es wieder „süßer Immanuel“ statt „treuer Immanuel“). Am Anfang der Entstehung eines eigenen Gemeindegesanges stehen die sogenannten Dialoggesänge, zu ihnen gehören auch die lateinisch-deutschen Mischgesänge wie „In dulci jubilo“ (253). Das GL2 folgt einer protestantischen Fassung dieses wohl aus dem 15. oder sogar 14. Jahrhundert stammenden Liedes. Gegenüber dem GL1 ist eine neue dritte Strophe hinzugekommen „O Patris caritas,/ o nativ lenitas!/ Wir warn all verdorben/ per nostra crimina,/ da hat er uns erworben/ caelorum gaudia./ Eja qualia,/ eja qualia.“ Dabei handelt es sich um eine reformatorische Umarbeitung der ursprünglich marianischen Strophe „Mater et filia/ ist Jungfrau Maria;/ wir wären gar verloren/ per nostra crimina/ so hast du uns erworben/ caelorum gaudia,/ Maria hilf uns da.“

Viele Originalfassungen wurden wieder hergestellt

Zu den Erneuerern des evangelischen Kirchenliedes im 20. Jahrhundert gehören Rudolf Alexander Schröder und Jochen Klepper. Während Schröder weder im Weihnachtsteil des Evangelischen Gesangbuchs noch im GL2 vertreten ist, wurde von Jochen Klepper „Du Kind zu dieser heilgen Zeit“ (254) von 1937 neu einbezogen. Die Einheit von Krippe und Kreuz wird darin drastisch beschworen: „Vor deiner Krippe gähnt das Grab.“ Von Paul Gerhardt, der zentralen Gestalt des zweiten reformatorischen Liederfrühlings im 17. Jahrhundert ist auch wieder „Ich steh an deiner Krippe hier“ (256) vertreten. Im GL1 war das Lied mit einer anderen Melodie („Wittenberg 1529“) notiert. Jetzt wird die Johann Sebastian Bach zugeschriebene Melodie unterlegt. Sie findet sich im Gesangbuch des Kantors Georg Christian Schemelli, für das Bach den Generalbass gesetzt hat. Dass aber diese Melodie vom Thomaskantor stammt, ist nicht belegt und darum äußerst umstritten. Die Lieder zum Jahresschluss und zu Neujahr eröffnet das schon aus dem GL1 bekannte Lied von Jochen Klepper „Der du die Zeit in Händen hast“ (257). Jetzt aber mit einer Melodie aus dem 18. Jahrhundert und nicht mehr der von 1960.

Zu Epiphanie wird ein neues Lied von 1998 empfohlen „Gottes Stern leuchte uns“ (259). Einen wertvollen und kindgerechten Text hat das erstmalig vertretene Lied „Stern über Bethlehem“ (261) von 1963. Nach der Melodie von „Engel auf den Feldern singen“ wird das neue „Seht ihr unsern Stern dort stehen“ (262) des Zeitgenossen Diethard Zils gesungen. Als „Gebet- und Gesangbuch“ konzipiert, bietet das GL2 auch eine Familienfeier zur Segnung des Adventskranzes an, einen Hausgottesdienst im Advent und einen Wortgottesdienst für den Heiligen Abend in der Familie (24ff). Sieht man von einzelnen diskussionswürdigen Expertenentscheiden ab, so ist die Bilanz des Advents- und Weihnachtsliedteils doch positiv: Sprachreinigungen aus dem Geist nachkonziliaren Modernisierungseifers wurden rückgängig gemacht. Viele Originalfassungen wurden wieder hergestellt. Manche Stücke wurden zurückgeholt oder wurden erstmals für den Stammteil zugelassen.

Wesentlich besser über die Geschichte des Kirchenliedes informiert als die Macher des GL1, haben die Herausgeber des GL2 bei ihrer Revision meist auch mehr Verständnis für die Tradition gezeigt. Seinen Zweck erfüllt das neue Gotteslob, wenn die Gläubigen in der Heiligen Nacht mit den Engeln und den Hirten in den gemeinsamen Lobpreis Gottes einstimmen: „Mit den Hohen und Geringen/ wollen auch wir ihm Gaben bringen/ Gloria voll Freude singen.“

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