Geschwächtes Ideal von Ehe und Familie

Polens Kirche tritt energisch gegen Homosexualisierung auf – doch es gibt auch andere Auffassungen unter den Bischöfen. Von Stefan Meetschen
Foto: IN | Kardinal Kazimierz Nycz.
Foto: IN | Kardinal Kazimierz Nycz.

Warschau (DT) Knapp zehn Jahre ist es her, dass Johannes Paul II. in seinem Vermächtnisbuch „Erinnerung und Identität“ (2005) im Zusammenhang mit der schon damals einsetzenden Popularisierung der Homosexualität eine „Verletzung des Gesetzes Gottes“ und eine „neue Ideologie des Bösen“ aufziehen sah. „Ich denke zum Beispiel an den starken Druck des Europäischen Parlaments, homosexuelle Verbindungen anzuerkennen als eine alternative Form der Familie, der auch das Recht der Adoption zusteht. Es ist zulässig und sogar geboten, sich zu fragen, ob nicht hier – vielleicht heimtückischer und verhohlener – wieder eine neue Ideologie des Bösen am Werk ist, die versucht, gegen den Menschen und gegen die Familie sogar die Menschenrechte auszunutzen.“ (Erinnerung und Identität)

Deshalb überrascht es auch nicht, dass die katholische Kirche in Polen die Ausstrahlung eines Werbespots für gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften im staatlichen Fernsehen mit deutlichen Worten kritisiert. Der Vorsitzende der Medienkommission des polnischen Episkopats, Erzbischof Waclaw Depo (61), sagte, eine solche „Förderung der Homosexualität“ verstoße gegen das Rundfunkgesetz. Dieses besage, dass der betreffende Sender TVP in seinen Programmen die religiösen Überzeugungen der Zuschauer achten müsse, „besonders das christliche Wertesystem, zu dem Ehe und Familie gehören“.

Tatsächlich zeigt der Sender in seinen beiden Vollprogrammen und drei Spartenkanälen derzeit einen Spot der Nichtregierungsorganisation „Kampagne gegen Homophobie“. Darin ist eine verliebte junge lesbische Frau zu sehen, die für die staatliche Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften wirbt, was vom polnischen Parlament mehrfach abgelehnt wurde. In einem Brief an den Chef der Rundfunkbehörde, Jan Dworak, argumentiert Depo, der 90-sekündige Spot schwäche das Ideal von Ehe und Familie. Der Film propagiere nicht Toleranz, sondern homosexuelle Partnerschaften. Ein Vorwurf, den TVP zurückweist: So sagt ein Sprecher des Senders, der Film unterstütze lediglich „Offenheit und Toleranz“.

Dass es aber auch innerhalb der Bischofskonferenz durchaus unterschiedliche Auffassungen zum angemessenen Umgang mit der Homosexualisierung gibt, wird in einem aktuellen Interview des Metropoliten von Warschau, Kardinal Kazimierz Nycz (64) deutlich. In einem Gespräch mit der Krakauer Kirchenzeitung „Tygodnik Powczechny“, die in der jüngsten Vergangenheit wegen ihres liberalen Kurses mehrfach von polnischen Bischöfen ermahnt wurde, äußerte sich Nycz, der bislang als großer Verehrer von Johannes Paul II. galt, zur Homosexualität und anderen kontroversen Kirchen- und Familienthemen. „Ich denke, dass es sich mit der Homosexualität so verhält wie mit dem Ökumenismus vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil“, sagte Nycz der Zeitung. „Wir haben damals verschiedene unfreundliche Wörter benutzt, wenn wir über Orthodoxe und Protestanten sprachen.“ Eine Integration der homosexuellen Lebensform in den traditionellen christlichen Familienrahmen befürwortet Nycz. Es sei, so der Kardinal, „kein Problem, wenn die Eltern zu den Feiertagen die Partner ihrer homosexuell veranlagten Kinder einladen“.

Auf die Frage, wie die Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen verfahren solle, sagte Nycz: „Wie Kardinal Schönborn gesagt hat, sehe ich keine Hindernisse, um einem solchen Paar mit Liebe zu begegnen. Das eine ist es, wie man einem solchen Beziehungstyp zugewandt ist und etwas anderes ist die moralische und juristische Akzeptanz.“ Mit dem Verlauf der Synode zeigte sich Nycz zufrieden: „Die Synode hat in ihrer offenen Diskussion gezeigt, dass Menschen der Kirche, nicht nur Bischöfe und Priester, sondern auch Laien, tatsächlich manchmal zu manchen Leuten und über manche Leute nicht mit der Sprache der Liebe oder mit einer Haltung der Offenheit und Barmherzigkeit gesprochen haben. Das wird sich ändern, aber natürlich in den Grenzen, die nicht die Lehre über die Ehe aufheben.“

Fast zeitgleich mit Nycz bekräftigte hingegen der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki (65), gegenüber dem katholischen Magazin „Gosc Niedzielny“ seine während der Synode geäußerte Kritik am Zwischenbericht und lobte die überarbeitete Form des Berichts. Wie es seiner Mentalität entspricht in geradliniger und diplomatischer Weise, ohne Sprachslalom: „Ich denke, dass diejenigen, die diesen Arbeitstext geschrieben haben, eine gute Absicht hatten. Sie wollten zeigen, dass die Kirche ein offenes Haus für alle ist, was aber keine Neuigkeit ist, weil die Kirche seit 2000 Jahren so ist. Sie wollten auch neu die barmherzige Kirche zeigen, die mit unterschiedlichem Erfolg seit Jahrhunderten gelebt wird.“

Ein „großer Mangel des Zwischenberichts“ sei es aus Gadeckis Sicht gewesen, dass er „einseitig“ war. Nur „positive Seiten von irregulären Verhältnissen (Konkubinate, homosexuelle Beziehungen)“ seien gezeigt worden, während man „negative Seiten“ verschwiegen habe. Besonders lobt Gadecki, der 2002 vom polnischen Papst zum Erzbischof von Posen ernannt wurde, in dem Interview, dass sich der Inhalt des Schlussdokuments der Synode auf das Konzilsdokument „Gaudium et spes“ beziehe ebenso wie auf „die Lehre von Johannes Paul II.“.

Doch ist dies wirklich schon ein Grund für besorgte Katholiken, die es nach der Synode auch in Polen in sehr großer Zahl gibt, beruhigt zur Tagesordnung übergehen zu können, um sich wieder mit ganzer missionarischer Kraft der Evangelisation zu widmen, um die es doch eigentlich ging und gehen sollte? Nicht wenige Beobachter fürchten, dass stattdessen jetzt eine Diskussion um die Deutungshoheit zum heiligen polnischen Papst entbrennen wird, in Polen und in der Weltkirche, obwohl dessen Worte zum Thema Homosexualisierung eigentlich klar sind und keinerlei Spielraum für theologisch unschiefe Analogien erlauben. Dass eine solche Diskussion sich ausgerechnet im Jahr seiner Heiligsprechung und Ernennung zum „Patron der Familie“ sowie unmittelbar vor seinem 10. Todestag abzeichnet, sorgt für Verunsicherung.

Mit Material von KNA

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