Geschenkte Gabe – verpflichtender Auftrag

Kardinal Lehmann warnt in seiner Predigt vor der Verführung kirchlicher Amtsträger durch Macht

Wir haben bei den Vollversammlungen der Deutschen Bischofskonferenz seit Jahrzehnten jeweils einen Studien(halb)tag, den wir der tieferen Erkenntnis von theologischen und pastoralen Problemen widmen, ohne unmittelbar durch notwendige bindende Beschlüsse bedrängt zu werden. An diesem Mittwoch beraten wir mit Hilfe der zuständigen Kommission zum Thema „Gemeinsam Kirche sein. Das Zueinander der Dienste und Charismen im priesterlichen Gottesvolk“. Dabei wollen wir durch die soeben gehörten Lesungen aus der Heiligen Schrift den biblischen Boden für unsere Arbeit vorbereiten.

Auch wenn das Modell der Charismen in den paulinischen Hauptbriefen (1 Kor 12,8–10.28–30; Röm 12,3–13) schon oft für unsere Frage in Anspruch genommen worden ist, so erhebt sich dennoch ein Zweifel, ob diese Rückgriffmöglichkeit genügend ausgeschöpft worden ist. Der Ansatz ist schon vielversprechend: Paulus zählt alle Ämter und Dienste in ihrer Verschiedenheit unter die Geistesgaben an die Kirche. Dabei kommt es Paulus offenkundig nicht sonderlich darauf an, in diese Aufzählung eine strenge Ordnung zu bringen. Ganz verschiedene Fähigkeiten kommen zur Darstellung: Formen der Lehre und Deutung; Aspekte praktischer Hilfe: Unterstützung, bereitwilliges Geben, Ausüben von Barmherzigkeit; Gemeindeleitungsfunktionen stehen neben Prophetie und Glossolalie (Zungenreden); Sachaufgaben stehen neben Personenbezeichnungen; manchmal erscheint ein spezifischer Trägerkreis für die Dienste. Diese Aufzählung ist nicht schlechthin zufällig und ungeordnet, sie will aber bewusst die Liste offen lassen für weitere Dienstleistungen. Immer handelt es sich jedenfalls um ganz bestimmte Gaben und begrenzte Aufgaben. Man kann dies unter dem Leitwort Charismen zusammenfassen. In der Bibel ist Charisma ein untechnisches Wort, das zwar eine bestimmte Prägnanz hat, aber für viele Anwendungsbereiche offen ist: von Gottes Geist zugeteilte Gaben, welche eine bestimmte Aufgabe zum Nutzen der Gemeinde übernehmen. Die geschenkte Gabe ist zugleich ein verpflichtender Auftrag. Ich möchte die Kriterien herausstellen, die für das Zusammenwirken der vielen Dienste, Ämter und Charismen für Paulus wichtig sind.

1. Der Geist Gottes als Ursprung

Das Zusammenwirken der vielen Dienste entspringt nicht nur dem Bedürfnis einer sinnvollen Kooperation oder – wie wir heute gerne sagen – einer besseren Kosten-Nutzen-Rechnung im Sinne eines Synergieeffektes. Dahinter steht auch nicht das Idealbild einer wohltemperierten Harmonie zwischen verschiedenen Fähigkeiten. Das Zusammenwirken der vielen Charismen in Einheit und Verschiedenheit wird zuletzt vom Geist getragen. Der Gottesgeist vereinigt gegensätzliche Bestimmungen, wie zum Beispiel die konkret-geschichtliche Verwirklichung und die universale Bedeutung, das einzelne Engagement und den Dienst im Ganzen. Der Geist vermittelt den Gott des Friedens und der Ordnung in die lebendige Gemeinde hinein. Der Geist entspringt dem Tod des Herrn: Nur aus der Hingabe des eigenen Lebens ergibt sich das Heil aller; individualistische Suche nur nach sich selbst verliert sich; Selbstbegrenzung ist Voraussetzung für Kooperation. Nur wenn alle von diesem Geist bewegt sind, ist ein Zusammenwirken der verschiedenen Dienste möglich. Der Geist bleibt der lebensspendende Ursprung jeder Kooperation. Kommunikation und Geist gehören ganz eng zusammen. Je mehr Einheit in diesem Ursprung gegeben ist, umso unterschiedlicher können und dürfen die Gaben wirken.

2. Das Bekenntnis zu Jesus Christus als Fundament

Es ist für Paulus nicht von vornherein ausgemacht, dass die Charismen jeweils authentische Gaben des Geistes sind. Außerordentliche Fähigkeiten können auch anders bedingt sein, im Extremfall sogar dämonisch (vgl. 1 Kor 12,2 f.). Jeder kann sich zunächst auf einen am Ende nicht überprüfbaren Geistbesitz berufen. Wir brauchen eine inhaltliche Unterscheidung der Geister, ob sie wirklich aus Gott sind (vgl. 1 Kor 12,10; 1 Joh 4,1; 1 Tim 4,1). Äußerungen des Geistes werden daran geprüft, ob sie Jesus als den Herrn der Welt und des Lebens bekennen. Darum wird in 1 Kor 12,3 auf das fundamentale Bekenntnis „Herr ist Jesus“ verwiesen. Auch muss jede prophetische Rede in „Übereinstimmung mit dem Glauben“ stehen. Diese Übereinstimmung muss nachprüfbar sein. Darum ist die Unterscheidung der Geister wichtig. Jedes Charisma ist also, wo immer es zum Einsatz kommt, dem Glauben der Kirche verpflichtet. Alle Dienste und Ämter haben ihr grundlegendes Maß am Credo der Kirche.

3. Der „Aufbau der Kirche als Kriterium“

Paulus beschreibt die Kirche öfter als „Gottes Bau“ (vgl. 1 Kor 3,9). Gott schafft letztlich das lebendige Gefüge der Kirche. Jesus Christus ist der Grund des Ganzen. Aber es braucht auch die, die von diesem Fundament künden, es entfalten und weiterbauen. Er sieht dafür zuerst den Apostel verantwortlich (vgl. 2 Kor 10,8; 13,10; 12,19). „Auferbauung“ ist ein ganz plastisches Bild, das man sich mit dem Aufbau eines Hauses durch das Aneinanderfügen von Steinen vorstellen kann, aber hier ist es eben auch ein Grundwort für die Gründung, Bewahrung und Förderung der christlichen Gemeinde. Dies ist das entscheidende Kriterium, das auch alle Dienste und Ämter in der Gemeinde leiten muss. Unser Wort „erbaulich“ hat damit natürlich etwas zu tun, wenn es auch zu sehr auf die Innerlichkeit beschränkt ist. Jedenfalls ist dieser „Aufbau“ das entscheidende Kriterium, das auch alle Dienste und Ämter in der Gemeinde leiten muss. „Auferbauung“ der Gemeinde ist die zentrale Korrektur für alle Tendenzen, die sich absondern, nur ihren eigenen Wegen nachgehen oder sich sogar aufblähen. Dieses Kriterium ächtet jedes egozentrische Sich-selbst-Produzieren und jeden um sich kreisenden Individualismus. Alles muss auf den konstruktiven Beitrag für die Gemeinschaft hingeordnet werden. „Auferbauung der Gemeinde“ ist die umfassendste pastorale Kategorie für alle Dienste und Ämter. Jeder muss sein eigenes Werk prüfen (vgl. Gal 6,4). Kein Charisma ist von dieser grundsätzlichen Aufforderung ausgenommen: „Einer richte den anderen auf, wie ihr es schon tut.“ (1 Thess 5,11) Alles muss geprüft werden, ob es „erbaut“, nicht alles, was erlaubt ist, hat auch schon konstruktiven, aufbauenden Charakter. Wir kennen die Verführung zu einer anderen Haltung, wie sie oft im Namen der Freiheit geschieht, bereits von Paulus her, wenn er sagt: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf.“ (1 Kor 10,13) Man kann in diesem grundlegenden Sinne die Auferbauung der Gemeinde als den „Nutzen“ eines Dienstes und einer Funktion sehen. Daran misst Paulus die Dienste und Gaben der Kirche. In 1 Kor 14 taucht dieses Kriterium allein siebenmal auf. Die Auferbauung der Gemeinde ist das Mittel, durch das die Gemeinschaft der Gläubigen das Ziel erreichen soll. Die Gemeinde ist nicht einfach eine fertige Größe, vielmehr wird sie in einem zielgerichteten Prozess immer mehr der endzeitlichen Vollendung durch Gott selbst entgegengehen.

4. Der „Dienst“ als Vollzugsform und Gestalt

Paulus ist unerbittlich, wenn es um Grenzziehungen gegenüber individualistischen Bestrebungen in der Gemeinde geht. Die Behandlung der Zungenrede in 1 Kor 14 ist nur ein Beispiel dafür. Aber es handelt sich dabei nicht um ein Pochen auf einen vordergründigen „Nutzen“ jeglicher Aktivität. Das innerste Motiv allen Wirkens ist die Dienstgesinnung nach dem Maß und Vorbild Jesu, der nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen (vgl. Mk 10,45). Dies gilt gerade auch für alle Formen der Autoritätsausübung, die nie in Weisen der Anmaßung und des Befehls ergehen dürfen, sondern ihr eigenes Maß in der engen und stetigen Bindung an Jesus Christus haben. Dies bezieht sich nicht nur auf das schon genannte Bekenntnis zu Jesus Christus, sondern zeigt sich auch in der Form und Gestalt allen Tuns: Die Person tritt hinter dem Auftrag zurück, sie verleugnet sich zugunsten der Sache. Auch wenn es Abstufungen in der Ausübung von Autorität und Vollmacht gibt, so ist das gemeinsame Arbeiten am selben „Werk“ in gegenseitiger Ergänzung das unersetzliche Fundament. Das Amt muss darum auch eine Dienstgestalt haben. Auferbauung und Dienst sind die beiden ergänzenden Kriterien für jedes pastorale Tun und auch für die Struktur der Dienste, Charismen und Ämter. Von hier aus kann man auch ermessen, wie wichtig dem heiligen Paulus die echte „Gemeinschaft des Dienstes“ (2 Kor 8,4) ist. Nichts anderes ist gemeint, wenn wir im kirchlichen Arbeitsrecht, übrigens auch ökumenisch, von der „Dienstgemeinschaft“ als der Basis auch aller kirchlichen arbeitsrechtlichen Regelungen sprechen.

5. Liebe als alles relativierende Norm

Die genannten Kriterien werden letztlich zusammengefasst in der Liebe. Sie ist das letzte Maß der „Auferbauung“ und des „Dienstes“. Viele Charismen können erst in der Feuerprobe uneigennütziger Liebe erweisen, ob sie wirklich „nützlich“ sind. „Doch die Erkenntnis macht hochmütig, die Liebe dagegen baut auf.“ (1 Kor 8,1) Die Liebe ist dabei nicht nur die Motivation für das Tun. Sie ist vielmehr jene Kraft, die alles trägt und von der aus auch alles relativiert wird. Wo die Liebe fehlt, nützen daher alle Dienste und Ämter nichts mehr: Zungenrede und Prophetie sind nur noch „tönendes Erz und klingende Schelle“ (1 Kor 13,1), geschäftiger Apparat und „Betrieb“. Die Liebe ist darum die letzte Norm, weil alle Dienste und Ämter vorläufig sind. Sie erweisen ihre letzte Nützlichkeit nur dann, wenn sie etwas beigetragen haben zur Liebe, die als Einzige bleibt. Wie weit dies reicht, sieht man, wenn dadurch auch noch die Caritas und Diakonie selbst auf letzte Echtheit hin durchleuchtet werden: „Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte, und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, aber die Liebe nicht hätte, nützte es mir nichts.“ (1 Kor 13,3) Kein geistlicher Dienst ist darum schon in Ordnung, wenn und weil er „funktioniert“.

6. Das Maß auch für jede Macht

Wir könnten das Gemeinte auch noch konkret anschaulich vor Augen führen, wenn wir verschiedene weiterführende Modelle und Metaphern bei Paulus näher betrachteten, zum Beispiel den Vergleich mit dem Zusammenspiel der Glieder am Körper im Gesamt des Leibes (vgl. 1 Kor 12,12–31). Ich will dies hier aber unterlassen, aber noch auf einen Gedanken aufmerksam machen, der im Evangelium dieser Eucharistiefeier zur Sprache kommt.

Die Jünger streiten um ihren verdienten Platz, wenn Jesus einmal zur Rechten sitzen wird. Unmittelbar davor hatte Jesus zum dritten Mal sein Leiden und die Auferstehung angekündigt. Selbstsicher sagen gerade die engsten Jünger, dass sie auch für Jesus leiden könnten. Die zehn anderen Jünger merken, worum es Jakobus und Johannes geht. Sie ärgern sich über deren egoistischen Ehrgeiz. Da ruft Jesus alle zusammen: „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.“ (Mk 10,42 ff.) Dieser Text trifft auch für unsere Frage ins Herz. Bei all der Unterscheidung der Geister und dem Anlegen der genannten Kriterien ist es immer wieder die Macht, die uns verführt. Je älter ich werde, umso mehr bedrängt mich dies, natürlich und zuerst im eigenen Tun. Aber gerade da ist Jesus bis an eine fast unerträgliche Härte unerbittlich: „Bei euch aber soll es nicht so sein!“ Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen. Auch jede geistliche Vollmacht ist tief vom Machtstreben her gefährdet.

Es gehört damit zur Eucharistiefeier, dass wir immer täglich in den Geist der Dienstbereitschaft Jesu und in das Tun von ihm inspirierter Liebe eintauchen. So muss uns jede Eucharistiefeier hin zum wahren Dienst bekehren. Vielleicht ist dies das einzig entscheidende Kriterium für das Zusammenwirken aller Dienste, Charismen und Ämter. Amen.

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