„Geschaffen um aufrecht zu stehen“

Der Heilige Vater betrachtet die Würde, die auf der Vergebung Gottes gründet – Im Wortlaut die Ansprache während der Generalaudienz am 30. März 2016
Foto: KNA | König David als Psalmensänger. Glasgemälde von Peter Hemmel um 1480.
Foto: KNA | König David als Psalmensänger. Glasgemälde von Peter Hemmel um 1480.

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Wir beenden heute die Katechesen über die Barmherzigkeit im Alten Testament mit einer Betrachtung von Psalm 51, der auch „Miserere“ genannt wird. Es handelt sich um ein Bußgebet, in dem der Bitte um Vergebung ein Schuldbekenntnis vorausgeht und in dem der Beter dadurch, dass er sich von der Liebe des Herrn läutern lässt, ein neues Geschöpf wird, das zum Gehorsam, zu geistlicher Standhaftigkeit und zu aufrichtigem Lobpreis fähig ist.

Der „Titel“, den die alte jüdische Tradition diesem Psalm gegeben hat, bezieht sich auf König David und seine Sünde mit Batseba, der Frau des Urija, eines Hethiters. Die Geschichte ist uns bekannt. König David, von Gott berufen, das Volk zu weiden und es auf den Wegen des Gehorsams gegenüber dem göttlichen Gesetz zu führen, verrät seinen Auftrag und lässt, nachdem er mit Batseba Ehebruch begangen hat, ihren Mann töten. Eine schreckliche Sünde! Der Prophet Natan legt ihm seine Schuld dar und hilft ihm, sie zu erkennen. Es ist der Moment der Versöhnung mit Gott, die Bekenntnis der eigenen Schuld. Und hier hat sich David demütig gezeigt, hier war er groß!

Wer diesen Psalm betet, ist aufgefordert, dieselben Gefühle der Reue und des Vertrauens auf Gott zu haben wie David, als er sein Unrecht einsah und sich, obwohl er König war, demütigte, ohne sich zu fürchten, seine Schuld zuzugeben und dem Herrn sein Elend zu zeigen, jedoch überzeugt von der Gewissheit Seiner Barmherzigkeit. Und es war keine leichte Sünde, nicht nur eine kleine Lüge, was er da getan hatte: Er hatte Ehebruch und einen Mord begangen!

Der Psalm beginnt mit diesen flehenden Worten: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde!“ (V. 3–4) Der Ruf richtet sich an den Gott der Barmherzigkeit, dass er, bewegt von einer Liebe, die so groß ist wie die eines Vaters oder einer Mutter, Erbarmen haben möge, dass Er also Gnade gewähre, Seine Gunst durch Wohlwollen und Verständnis zeige. Es ist ein herzzerreißender Appell an Gott, den Einzigen, der von der Sünde befreien kann. Es werden ausgesprochen plastische Bilder verwendet: tilge, wasch von mir ab, mach mich rein. In diesem Gebet zeigt sich das wahre Bedürfnis des Menschen: das Einzige, dessen wir in unserem Leben wirklich bedürfen, ist, dass uns vergeben wird, dass wir vom Bösen und von seinen todbringenden Konsequenzen befreit werden.

Leider lässt uns das Leben diese Situationen oftmals erfahren; und vor allem in ihnen müssen wir auf die Barmherzigkeit vertrauen. Gott ist größer als unsere Sünde. Vergessen wir das nicht: Gott ist größer als unsere Sünde! „Pater, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, ich habe so Vieles, so Schlimmes getan!“ Gott ist größer als alle Sünden, die wir begehen können. Gott ist größer als unsere Sünde. Wollen wir das gemeinsam sagen? Alle zusammen: „ Gott ist größer als unsere Sünde!“ Nochmal: „Gott ist größer als unsere Sünde.“ Und nochmal: „Gott ist größer als unsere Sünde!“. Und seine Liebe ist ein Ozean, in den wir eintauchen können, ohne Angst zu haben, überwältigt zu werden: vergeben bedeutet für Gott, uns die Gewissheit zu geben, dass Er uns niemals im Stich lässt. Was immer wir uns vorzuwerfen haben, Er ist immer noch größer als alles (vgl. 1 Joh 3, 20), weil Gott größer als unsere Sünde ist.

In diesem Sinne sucht jemand, der mit diesem Psalm betet, die Vergebung und bekennt seine Schuld, doch indem er sie eingesteht, preist er die Gerechtigkeit und die Heiligkeit Gottes. Und dann bittet er noch um Gnade und Barmherzigkeit. Der Psalmist vertraut sich der Güte Gottes an, er weiß, dass die göttliche Vergebung in höchstem Maße wirksam ist, weil sie schafft, was sie sagt. Sie versteckt die Sünde nicht, sondern zerstört sie und beseitigt sie; aber sie beseitigt sie wirklich von der Wurzel her, nicht wie in einer Reinigung, wenn wir ein Kleidungsstück dort hinbringen und sie einen Flecken wegmachen! Nein! Gott beseitigt unsere Sünde wirklich von der Wurzel her, ganz und gar! Daher wird der reuige Sünde wieder rein, jeder Fleck ist beseitigt, und jetzt ist er weißer als unberührter Schnee. Wir alle sind Sünder. Stimmt das? Wenn einer von Euch sich nicht als Sünder fühlt, dann soll er die Hand heben… Keiner! Wir alle sind es.

Durch die Vergebung werden wir Sünder neue Menschen, erfüllt vom Geist und voller Freude. Jetzt beginnt eine neue Wirklichkeit für uns: ein neues Herz, ein neuer Geist, ein neues Leben. Wir, die Sünder, denen vergeben wurde, die wir die göttliche Gnade empfangen haben, können sogar den anderen beibringen, nicht mehr zu sündigen. „Aber Pater, ich bin schwach, ich falle, ich falle immer wieder.“ „Wenn du hinfällst, dann steh wieder auf! Steh auf!“. Wenn ein Kind hinfällt, was macht es dann? Es streckt die Hand zur Mutter oder zum Vater hoch, damit sie ihm helfen, aufzustehen. Tun wir das auch! Wenn du aus Schwäche der Sünde verfällst, heb deine Hand: der Herr wird sie nehmen und dir helfen aufzustehen. Das ist die Würde der Vergebung Gottes! Die Würde, die uns die Vergebung Gottes gewährt, ist die Würde, die uns aufstehen lässt, die uns immer wieder auf die Beine bringt, weil Er den Mann und die Frau geschaffen hat, damit sie aufrecht stehen.

Der Psalmist sagt: „Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist! […] Dann lehre ich Abtrünnige deine Wege und die Sünder kehren um zu dir“ (V. 12.15). Liebe Brüder und Schwestern, die Vergebung Gottes ist etwas, dessen wir alle bedürfen, und sie ist das größte Zeichen Seiner Barmherzigkeit. Ein Geschenk, das jeder Sünder, dem vergeben wurde, mit jedem Bruder und jeder Schwester, denen er begegnet, teilen sollte. Alle, die der Herr uns zur Seite gestellt hat, die Familienangehörigen, die Freunde, die Kollegen, die Gemeindemitglieder …, sie alle bedürfen, wie wir, der Barmherzigkeit Gottes. Es ist schön, wenn einem vergeben wird, aber auch du solltest, wenn du möchtest, dass dir vergeben wird, deinerseits vergeben. Vergib! Möge uns der Herr auf die Fürsprache Marias, der Mutter der Barmherzigkeit, hin gewähren, Zeugen seiner Vergebung zu sein, die das Herz reinigt und das Leben verwandelt. Danke.

Ein Sprecher verlas folgenden Gruß des Papstes an die Besucher aus dem deutschen Sprachraum:

Mit Freude heiße ich die Pilger deutscher und niederländischer Sprache willkommen. Besonders grüße ich die Gläubigen der Diözese Regensburg mit ihrem Bischof Rudolf Voderholzer sowie die Seminaristen aus Rolduc im Bistum Roermond in Begleitung von Bischof Franz Wiertz. Der Herr helfe uns, Zeugen seiner Vergebung zu sein, die das Herz reinigt und das Leben umwandelt. Der Friede des Auferstandenen begleite euch allezeit.

Übersetzung aus dem Italienischen

von Claudia Reimüller

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