Gerhard Wagner geht, die Krise bleibt

Frustrierte Katholiken Oberösterreichs fordern eine Apostolische Visitation der Diözese Linz

Wien/Linz (DT) So ganz freiwillig wie behauptet war der Rückzug Gerhard Maria Wagners nicht. Im Gespräch mit der „Tagespost“ schilderte der vor gut zwei Wochen vom Papst zum Weihbischof in Linz ernannte Pfarrer von Windischgarsten am Dienstagabend, den „Druck“, dem er zuletzt ausgesetzt war. „Die Dechanten hätte ich vielleicht überzeugen können – aber wenn der Bischof Angst bekommt?“ Er habe letztlich keinen Sinn mehr darin gesehen, das Amt anzutreten, „nachdem die Bischöfe alle umgefallen sind“. Er habe am Ende „keine Basis mehr gesehen“ für eine fruchtbare Arbeit als Weihbischof. Die Vorstellung, von Firmungen ausgeladen und für Visitationen von den Pfarrern abgelehnt zu werden, gab dann zusammen mit „den Ängsten und Nöten“ des Diözesanbischofs offenbar den Ausschlag: Gerhard Wagner bat den Papst am Sonntagabend um Rücknahme der Ernennung zum Weihbischof.

Eine römische Bestätigung für die Annahme des Gesuches gab es auch bei Redaktionsschluss am Mittwoch noch nicht. Das tägliche „Bollettino“ der „Sala Stampa della Santa Sede“, das alle Ernennungen und Annahmen von Rücktritten berichtet, teilte nichts darüber mit. Dabei hatte „Kathpress“ bereits am Sonntagabend Wagners Bitte um Rücknahme der Ernennung mit der Behauptung verbunden, der Heilige Stuhl habe dieser Bitte entsprochen. Wagner selbst wusste jedenfalls am Dienstagabend im Gespräch mit dieser Zeitung nichts von der Annahme seines Gesuchs. Der „Tagespost“ liegen mittlerweile mehrere an Papst Benedikt XVI. und an den Apostolischen Nuntius in Wien, Erzbischof Farhat, gerichtete Schreiben vor mit der Bitte, Gerhard Wagner doch als Bischof zu belassen.

Kardinal Schönborn kritisiert das Ernennungsverfahren

Vor allem die Wiener Nuntiatur musste sich wohl kritisiert fühlen, als der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Kardinal Christoph Schönborn, bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz am Montagnachmittag sagte, bei der Ernennung Wagners seien durch ein „verkürztes“ Verfahren Fehler passiert. Im österreichischen Fernsehen erklärte Schönborn, warum aus seiner Sicht ein „verkürztes Verfahren“ die Fehlerquelle gewesen sei: „Das heißt, dass nicht die übliche weit gestreute Befragung stattgefunden hat, die sonst für Bischofsernennungen üblich ist.“ Deutlicher kann die Kritik am noch bis Anfang März amtierenden Nuntius Edmond Farhat kaum geäußert werden.

Viele Medien hörten aber noch mehr heraus: So titelte die „Kleine Zeitung“, in der Auflage immerhin an zweiter Stelle unter Österreichs Tageszeitungen, auf Seite 1 der Dienstagsausgabe: „Bischöfe kritisieren Vatikan“. Die „Süddeutsche Zeitung“ teilte ihren Lesern ebenfalls auf der Titelseite mit: „Niederlage für den Papst“. Die bürgerliche bis konservative Tageszeitung „Die Presse“ ließ ihre Leser unter der Überschrift „Die Stunde des Kardinals“ wissen: „Die Bischöfe bekennen Fehler der Kirche. Schönborns Linie hat sich voll durchgesetzt“. Als Problemlöser sieht auch die auflagenstärkste Tageszeitung Österreichs, die „Kronen Zeitung“ den Vorsitzenden der Bischofskonferenz: „Schönborn hilft Kirche aus der Krise“, lautete ihre Schlagzeile am Dienstag auf der Titelseite.

Doch nicht einmal die Bischöfe glauben, dass die Krise allein mit der Ernennung Wagners zu tun hat und mit seinem Rückzug gelöst sei. Kardinal Schönborn gestand vor Journalisten, dass die kirchliche Situation in Oberösterreich den Bischöfen große Sorgen bereite. Es sei ihre Überzeugung, dass hier das Gleichgewicht zwischen dem allgemeinen Priestertum aller Getauften und dem Weihepriestertum neu gefunden werden müsse. Dies meinte Tage zuvor auch der ernannte Weihbischof Wagner, als er sich im Interview mit der „Tagespost“ dagegen aussprach, „den Laien zu klerikalisieren und den Klerus zu laisieren“. Tatsächlich dürften es vor allem die liturgischen Missstände – nicht nur Laienpredigten und Taufspendungen durch Pastoralassistenten – sein, die in der Nuntiatur und in Rom den Eindruck wachsen ließen, dass in Linz ordnend eingegriffen werden müsse. Wie Kardinal Schönborn und die von ihm am Montag zur Krisensitzung versammelten Diözesanbischöfe bestätigten, gibt es in Linz seit Jahren starke Spannungen – auch innerhalb des Klerus – die mit Wagners Rückzug nach Windischgarsten, wo er als Pfarrer weiterarbeiten wird, keinesfalls behoben sind. Wenn der Linzer Bischof Schwarz meint, man wolle nun „nach der Aufregung der letzten Wochen wieder zur Ruhe kommen“, freut er sich vielleicht zu früh: Mehrere oberösterreichische Laien und Priester, die die Ernennung Wagners zum Weihbischof begrüßt hatten, meinten gegenüber dieser Zeitung, nun sei eine Apostolische Visitation für die Diözese Linz angebracht.

Die Bischöfe positionieren sich für künftige Ernennungen

Dass Österreichs Bischöfe so sensibel auf eine Wirbel und Widerstand auslösende Bischofsernennung reagierten, hat eine Vor- und eine Folgegeschichte: Da sind die „Kontroversen um Bischofsernennungen“ der Jahre 1986 bis 1991 und die Konflikte innerhalb der Bischofskonferenz bis 2004, die traumatisch nachwirken. Da ist aber auch der Blick darauf, dass in den kommenden Jahren – wenn der Schweizer Zurbriggen den Libanesen Farhat in der Wiener Nuntiatur abgelöst hat – wichtige Bischofsstühle neu zu besetzen sein werden. Im kommenden Jahr erreicht der Bischof von Eisenstadt, Paul Iby, die für Bischöfe übliche Altersgrenze. Im Jahr 2011 werden der Bischof von Graz-Seckau, Egon Kapellari, dienstältester Bischof Österreichs und stellvertretender Vorsitzender der Bischofskonferenz, sowie der Bischof von Vorarlberg, Elmar Fischer, das 75. Lebensjahr vollenden. Im Jahr darauf folgt ihnen der Erzbischof von Salzburg, Alois Kothgasser.

Mit Blick auf diese Weichenstellungen haben die Diözesanbischöfe zwar das freie Ernennungsrecht des Papstes betont, zugleich aber „verlässliche und umfassend geprüfte Grundlagen“ dafür angemahnt. Dass sie sich bei diesen Bischofsernennungen keinesfalls auf den Nuntius, den Vertreter des Heiligen Stuhls in Österreich, verlassen wollen, haben sie bereits klargestellt: „Wir Bischöfe werden alles Mögliche tun, um die bevorstehenden Bischofsernennungen im Sinn dieser Verfahrensregeln zu begleiten, in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen vatikanischen Stellen.“ Zusammen mit der Kritik am zuletzt angeblich „verkürzten Verfahren“ ist die Botschaft an die Öffentlichkeit wie an den Vatikan unmissverständlich: Bei künftigen Bischofsernennungen in der Alpenrepublik führt kein päpstlicher Weg an den amtierenden Bischöfen vorbei.

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