Gemeinwohl ist mehr als die Summe einzelner Interessen

Sozialethik für das 21. Jahrhundert: Festschrift zum 70. Geburtstag des Dominikaners Wolfgang Ockenfels. Von Urs Buhlmann

Pater Wolfgang Ockenfels predigt von der öffentlichen Kanzel. Der Dominikaner hat als profilierter Sozialethiker eine Botschaft an die Gesellschaft. Er bringt sie auf vielen medialen Kanälen an den Mann – und an die Frau, zum Beispiel an die Bundeskanzlerin, der er bescheinigte, keine Ahnung von katholischer Sozialethik zu haben. In seinem Fach, das so bedeutsame Impulse für die Entwicklung der jungen Bundesregierung gegeben hat, ist er einer der Wenigen in der klassischen Spur. Zu seinem siebzigsten Geburtstag ist nun eine prall gefüllte Festschrift erschienen, die sich dem Begriff des Gemeinwohls – einem heute etwas blutleer gewordenen Spitzenwert und -wort der Sozialethik – von mehreren Seiten nähert.

Vorausgesetzt wird, so die Herausgeber, dass das Bonum commune nicht etwas ist, „das sich anstrengungslos von allein ergibt, etwa durch Summierung von Einzelleistungen, sondern auf dem gemeinsamen, mühevollen Gestalten der Wirklichkeit beruht“. Das aber ist nicht einfacher geworden in den letzten Jahren, wie vielen Beiträgen der Festschrift zu entnehmen ist. Paul Kirchhof hält fest, dass Freiheit nicht Ungebundenheit oder alltägliche Beliebigkeit sei. „Der Mensch handelt nie voraussetzungslos und nie wertlos. Er ist in die klimatischen und kulturellen Bedingungen seines Standortes eingebunden, denkt in seiner Sprache, lebt in seinem Staat und dessen Recht (...).“ Die Freiheit berechtige uns, unser Leben in den Grenzen des Freiheitsrechts nach eigenem Willen zu gestalten. „Mitgedacht wird dabei die – rechtlich unverbindliche, aber gesellschaftlich unverzichtbare – Bereitschaft zu eigenverantwortlicher Rücksichtnahme.“ An der scheint es aber doch vielfach zu mangeln. Kirchhof meint optimistisch, dass gerade aus der verwirrenden Situation der Gegenwart, den Unsicherheiten der Finanzkrise und des Arbeitsmarktes, aus den endlosen Möglichkeiten des Wissens, aber auch der anonymen Meinungsäußerung im Internet heraus die christliche Lehre von der Barmherzigkeit Gottes, dem verantwortlichen Handeln vor Gott und den Menschen, von der geistigen Weite des „Übersichhinausdenkens“ neu auf fruchtbaren Boden fallen könne.

Von der Freiheit, die irdische Rechtsordnung zu schaffen

Neue Perspektiven auf das etwas unzeitgemäße Thema des Naturrechts eröffnet Horst Ehmann, der nachweisen will, dass der Begriff in der weltlichen Rechtswissenschaft, hier nennt er Gustav Radbruch, zu Unrecht als unwandelbares „göttliches Recht“ verstanden werde, gegen das aber schon Kant den entscheidenden Schlag getan habe. So könne man es, rechtspositivistisch gesehen, rasch als Unfug abtun. Von Ockenfels' großem Mitbruder Thomas von Aquin ausgehend kann Ehmann nachweisen, dass es aber tatsächlich, wie alles positive Recht, von menschlicher Setzung herrühre. Und das sei gut so: „Wir müssen unsere irdische Rechtsordnung selber schaffen, weil uns die Götter in diese Freiheit und in diese Verantwortung entlassen haben.“ Und so gibt es auch einen sinnvollen Gebrauch des Naturrechts, wie der emeritierte Trierer Rechtsprofessor zeigen will.

Martin Schlag von der Universität des Heiligen Kreuzes in Rom orientiert über die eher kritische Haltung Papst Benedikts XVI. zum Naturrecht vor seiner Papstwahl – und dann drehen die berühmten Reden in Paris und Berlin die Sache doch ziemlich herum. Tatsächlich wende sich Ratzinger, so Schlag, gegen eine „essentialistische“ Auffassung von Naturrecht, „so als ob man aus der vermeintlichen ,Natur des Staates‘ objektiv-gegenständlich universal gültige Normen deduzieren könne“, auch sehe er hergebrachte Sichtweisen des Naturrechts nicht mehr vom letzten Konzil gedeckt. Als Papst habe er sich dann aber mehrfach im Zusammenhang mit sozialethischen Fragestellungen wieder der Naturrechts-Idee bedient. Man könne nämlich das Anliegen einer konstruktiven sozialen Zusammenarbeit nicht „ohne einen Kern von in Freiheit geteilten moralischen Wertvorstellungen“ verfolgen.

Norbert Blüm kann Erhellendes zur Gründung und zum Charakter der CDU – der Ockenfels kritisch und immer kritischer verbunden ist – beitragen, die gerade nicht mehr Sammlungspartei, sondern alle Volksschichten umfassende Programmpartei sein wolle. Ist damit aber nicht auch schon die allmähliche, zunächst unmerklich sich vollziehende Abkehr vom Christentum als Basis grundgelegt? Und was wird aus einer Partei werden, die weiterhin „C“DU heißen will, aber keine oder nur noch eine Minderheit von überzeugten Christen aufweist?

Was passiert, wenn das Gemeinwohl nicht mehr im Vordergrund steht, kann Altmeister Anton Rauscher am Beispiel des ausufernden Streikrechts deutlich machen. Wenn Spezialisten, die nicht leicht ersetzt werden können – Fluglotsen, Piloten oder Lokführer – in den Ausstand treten, wird die ganze Gesellschaft in Geiselhaft genommen. Rauscher: „Was uns in Deutschland nottut, ist die Besinnung auf das Gemeinwohl, das mit überzogenen Gruppeninteressen unvereinbar ist.“ Joachim Starbatty, wortgewaltiger Euro-Kritiker, geht mit dem „Kasino-Kapitalismus“ ins Gericht, erklärt aber auch, dass der Begriff kaum auf die Ursachen der immer noch schwelenden Finanzkrise angewandt werden kann. Denn die preußischen Offiziere verzockten ihr eigenes Geld und mussten sich als ehrlos betrachten, wenn sie Spielschulden nicht zurückzahlen konnten. Die Manager der Anlage-Firmen bringen fremdes Geld durch, begleichen den Schaden nicht aus eigenem Vermögen und sehen sich durchaus nicht zum Selbstmord veranlasst, wenn alles schiefgegangen ist. Sie haben bis dahin Boni eingestrichen und bekommen am Ende womöglich noch eine hohe Abfindung.

Nur Zweckfreiheit ist dem Kult angemessen

Ein gediegener Beitrag von Peter Paul Müller-Schmid beleuchtet das Verhältnis von Arbeit und Muße. Dieser Begriff kommt in seiner christlichen Auslegung aus dem Bereich des Kultus: „Nützlichkeitsdenken hat hier keinen Platz. Einzig Zweckfreiheit ist dem Kult angemessen.“ Doch dann schlägt die calvinistische Prädestinationslehre zu: „Arbeit und systematisch-rationale Lebenspraxis werden zum Zeichen der Bewährung. Der sich seiner Erwählung nie ganz sichere Mensch lebt in der dauernden systematischen Kontrolle des status gratiae.“ Wie gut, dass Katholiken das nicht tun müssen!

Mitherausgeber Elmar Nass widmet sich der Frage, ob und wie die Sozialethik mit dem Gender-Wahn leben muss. „Die von der Genderperspektive aufgeworfene soziologische Gerechtigkeitsfrage ist von der Theologie als Herausforderung anzuerkennen und zu diskutieren.“ Dabei sei aus biblischer Sicht klar, dass Mann und Frau gleiche Würde und gleiche Rechte haben. „Diese Gleichheit gründet aber nicht in der Dekonstruktion jeder Differenz des sogenannten sozialen Geschlechts (...).“

Einen Grundsatzbeitrag zu einem häufig übersehenen Thema liefert Johannes H. Zabel OP. Es geht um die Zuordnung des Ordensrechts zum Kirchenrecht, wobei vielerorts gar nicht klar sein dürfte, dass den Ordensgemeinschaften der Kirche – die ja in sich noch einmal sehr unterschiedlich sind – ein eigener Abschnitt im kirchlichen Gesetzbuch gewidmet ist, zu dem noch einmal das Eigenrecht jeder Gemeinschaft tritt. Die Probleme beginnen schon damit, mit welchem Begriff man das Faktum des Ordenslebens überhaupt beschreiben soll. „Status perfectionis“ klingt seit dem Konzil nicht mehr so gut; bis heute sei die Ordenstheologie auf der Suche nach einem passenden Begriff. Nötig ist es aber, das, was die Orden an Eigenem in die Kirche einbringen können, sauber zu benennen, damit dieser Beitrag Frucht bringen kann. Denn Orden unterstehen zwar der Hierarchie, sind aber nicht Teil der Hierarchie; sie dürfen und sollen sich Freiraum schaffen, der der Kirche zum Guten gereichen kann.

Der in dieser umfassenden Festschrift Geehrte hat seine Freiheit Zeit seines Lebens klug zu nutzen gewusst und wird hoffentlich weiter, ohne der politische Korrektheit zu achten, zu vernehmen sein.

Elmar Nass, Wolfgang H. Spindler, Johannes H. Zabel (Hg.): Kultur des Gemeinwohls – Festschrift zum 70. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. Wolfgang Ockenfels OP. Paulinus Verlag, Trier, 2017, 488 Seiten, ISBN 978-3-7902-1860-2, EUR 39,90

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