Gelungener Brückenschlag

Der Papst predigt Frieden und Versöhnung, und warnt vor noch größerem Blutvergießen im Nahen Osten – Ökumenische und interreligiöse Akzente

Nicosia (DT) Der nette Kollege vom zypriotischen Staatsfernsehen hat eine einfache Begründung für seine Freude über den Papstbesuch: „Wir haben so viele Probleme mit den Türken. Deshalb brauchen wir den Papst und seinen internationalen Einfluss.“ Doch Benedikt XVI. wies schon bei seiner Ankunft auf Zypern darauf hin, dass er nicht als Politiker, sondern auf den Spuren von Paulus und Barnabas als Pilger gekommen sei. Als „Vater und Hirte“, wie es der maronitische Erzbischof von Zypern, Youssef Soueif, formulierte, der seine kleine und doch so internationale Herde auf der Insel im östlichen Mittelmeer besuchen und stärken wollte.

Deutliche Signale Richtung Orient

Bei der vielsprachigen Sonntagsmesse im Sportstadion von Nicosia wurde die Internationalität der auf Zypern lebenden Katholiken spürbar: Da waren die andächtigen Scharen von Filipinos und Indern, einträchtig vereint mit farbenprächtigen Immigranten aus Afrika, mit wild jubelnden Gästen aus dem Libanon und den alteingesessenen maronitischen und lateinischen Gläubigen. Da waren die Fahnen vieler Länder zu sehen, da zogen die Patriarchen und Bischöfe des Orients vor dem Papst ein, von ihren Gläubigen mit Begeisterung empfangen, nach links und rechts grüßend und segnend.

Zypern sei eine Brücke zwischen Ost und West, zwischen Europa und dem Nahen Osten, sagten in diesen Tagen viele Offizielle und auch Kommentatoren. Eben diese Brückenfunktion wird in der katholischen Kirche greifbar, denn die seit 1 200 Jahren auf Zypern lebenden Maroniten unterstehen dem in Bkerke bei Beirut residierenden Patriarchen Nasrallah Sfeir, die römisch-katholischen Christen dem Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Fouad Twal. Und eben diese Brückenfunktion nutzte der Papst, um auf Zypern das „Instrumentum laboris“ für die Nahost-Sondersynode vorzustellen, und deutliche Signale in Richtung Orient zu senden. „Der Nahe Osten hat einen besonderen Platz in den Herzen aller Christen, seit Gott sich selbst zuerst dort unseren Vätern im Glauben zu erkennen gab“, erläuterte Benedikt XVI. bei der Präsentation des Arbeitspapiers.

Bereits unmittelbar nach seiner Ankunft hatte er die im Oktober bevorstehende Sondersynode thematisiert: „Zypern ist ein passender Ort, um die Reflexion der Kirche über die jahrhundertealte katholische Gemeinde im Nahen Osten zu beginnen, unsere Solidarität mit allen Christen der Region zu zeigen und unsere Überzeugung zu bekunden, dass sie eine unersetzliche Rolle für den Frieden und die Versöhnung unter den hier lebenden Völkern zu spielen haben.“

Bei der ersten ökumenischen Begegnung nahe Paphos nannte der Papst drei Ziele der Nahost-Synode: Sie werde über die Rolle der Christen in der Region nachdenken, sie in ihrem Zeugnis für das Evangelium ermutigen und die Zusammenarbeit zwischen den Christen in der ganzen Region fördern. Zeichenhaft und bereichernd werde die Anwesenheit von Delegierten anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften sein. An die anwesenden Christen aus dem Orient gewandt, hielt Benedikt XVI. bei der Sonntagsmesse ein deutliches Plädoyer für die umfassende Religionsfreiheit. Er bete darum, dass die Bischofssynode helfen möge, „die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf die Lage der Christen im Nahen Osten zu lenken, die für ihren Glauben leiden“. Warnend fügte er an, es brauche dringend gemeinsamer Anstrengungen, „die aktuellen Spannungen im Nahen Osten, vor allem im Heiligen Land, zu lösen, bevor diese Konflikte zu größerem Blutvergießen führen“. Der Papst selbst wirkte auf Zypern durch Worte und starke Gesten als Botschafter des Friedens und der Versöhnung. Dies vor allem in ökumenischer Hinsicht, denn die katholische Kirche ist hier facettenreich, doch klein.

Die seit dem Konzil von Ephesus 431 autokephale orthodoxe Kirche von Zypern prägte in osmanischer Zeit und unter britischer Kolonialherrschaft die Insel. Sie prägt sie auch heute: Ihr Erzbischof Makarios III. war von 1960 bis 1974 der einzige Präsident des souveränen und ungeteilten Zypern. Zu seinen Standbildern wurde der Papst vom heutigen Präsidenten wie vom heutigen Erzbischof geführt. Chrysostomos II. unterstrich dabei die seit Jahrhunderten privilegierte Stellung der zypriotischen Orthodoxie innerhalb der orthodoxen Welt und ihre freundschaftlichen Bande zu den anderen Kirchen.

Von der Missstimmung im Vorfeld des Papstbesuches, als vier der 17 Mitglieder des Heiligen Synod sich kritisch bis feindselig zum Papst geäußert hatten, war in diesen Tagen nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Alle Bischöfe empfingen den Papst und Erzbischof Chrysostomos nahm sogar an der katholischen Messe teil, um mit dem Papst den Friedensgruß auszutauschen.

Die Zyprioten sind stolz auf ihre christlichen Wurzeln und ihre apostolische Tradition. Und so setzte der Papst bereits bei der Begegnung in Paphos, wo Paulus einst den römischen Prokonsul bekehrte und einen heidnischen Zauberer entzauberte, den ersten ökumenischen Akzent. Der Papst erinnerte an die erste Missionsreise des Paulus, der mit dem gebürtigen Zyprioten Barnabas und dem späteren Evangelisten Markus von Seleuzia kommend in Salamis – im heute türkischen Norden der Insel – landete. Man könne Gott heute dafür dankbar sein, dass das reiche apostolische Erbe, das Ost und West teilen, in den vergangenen Jahrzehnten wiederentdeckt worden sei, sagte der Papst, der sich zum „Ziel der vollen Einheit“ bekannte. „Umkehr und Heiligkeit sind die bevorzugten Mittel, um unseren Verstand und unser Herz zu öffnen für das, was der Herr für die Einheit der Kirche will.“

Nicht nur Staatspräsident Christofias, der auf die im orthodoxen Raum traditionelle Symphonie zwischen Staat und orthodoxer Kirchenhierarchie großen Wert legt, betonte während des Papstbesuchs die religiöse und ethnische Toleranz der Republik Zypern. Auch der maronitische Erzbischof Soueif, bei dem die Hauptlast der Vorbereitung des Papstbesuches lag, erwähnte mehrfach, dass die Maroniten, die Lateiner und die Armenier als christliche Minderheiten friedvoll zusammenleben mit griechischen und türkischen Zyprioten. Dass die traditionsreichen Maroniten nicht nur in Worten auf ihre „geschichtliche Gemeinschaft mit dem Stuhle Petri stolz“ sind, zeigte sich beim fröhlichen Empfang des Papstes in der maronitischen Grundschule von Nicosia, wo der Papst gefeiert und beschenkt wurde, wie auch bei der Begegnung in der kleinen maronitischen Kathedrale nahe der UN-Pufferzone in der geteilten Hauptstadt.

Mehr katholische Einwanderer als Alteingesessene

Die wachsende Zahl der katholischen Immigranten, insbesondere von den Philippinen und aus Sri Lanka, gehört dagegen der katholischen Kirche des lateinischen Ritus an, die seit der osmanischen Eroberung 1571 stark von franziskanischer Präsenz geprägt ist. Hier übersteigt die Zahl der Immigranten längst die der Alteingesessenen. In der Predigt, die der Papst in der Pfarrkirche vom Heiligen Kreuz, mitten in der UN-gesicherten Zone, hielt, konnten viele Immigranten wohl auch ihre eigenen Schicksale wiederfinden: Benedikt XVI. predigte über das Kreuz als Folterwerkzeug und als Zeichen für „den endgültigen Triumph der Liebe Gottes über alles Böse in der Welt“, als Grund der christlichen Hoffnung, dass Gott Leid in Freude verwandeln kann, Einsamkeit in Gemeinschaft und Tod in Leben.

Der Papst setzte – ebenfalls mit Blick auf den Nahen Osten – aber auch einen interreligiösen Akzent, indem er hervorhob, diese Reise solle „die Notwendigkeit betonen, gegenseitiges Vertrauen und bleibende Freundschaft zwischen allen, die den einen Gott anbeten, aufzubauen“. Dafür gibt es im Spannungsfeld des geteilten Zypern wie in dem noch größeren Konfliktpotenzial des Orients viele politische Argumente. Bei der Sonntagsmesse im Sportstadion von Nicosia nannte Benedikt XVI. dafür aber einen religiösen Grund: „Das Niederreißen der Mauern zwischen uns und unseren Nächsten ist der erste notwendige Schritt, um in das göttliche Leben einzutreten, zu dem wir berufen sind.“ Die internationale Schar der anwesenden Katholiken erinnerte er an ihre Berufung, „Auseinandersetzungen zu überwinden, in Konfliktsituationen Frieden und Versöhnung zu stiften und der Welt eine Botschaft der Hoffnung zu geben“.

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