Gelungene Ouvertüre

Lektüre zur Heiligsprechung: Der Postulator Johannes Pauls II. hat eine lesenswerte Papstbiografie vorgelegt. Von Barbara Wenz

Biografien – ob in Druckform oder als Verfilmung – über Johannes Paul II. gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Sie beweisen, dass das Interesse an dem Menschen Karol Wojtyla nicht verlöscht ist, sein Pontifikat einen weltgeschichtlichen Markstein gesetzt hat und dieses Interesse anlässlich seiner kürzlichen Selig- und bevorstehenden Heiligsprechung noch weiter gewachsen ist. Nun hat der Postulator (lateinisch: Forderer) des Seligsprechungsprozesses, Monsignore Slawomir Oder gemeinsam mit Saverio Gaeta, einem renommierten italienischen Journalisten, ein Buch mit dem signifikanten Titel „Darum ist er heilig“ vorgelegt, welches von Stefan und Anna Meetschen ins Deutsche übertragen wurde. Der Postulator stellt während eines Kanonisationsprozesses sozusagen den Rechtsanwalt des potenziellen neuen Seligen oder Heiligen dar: Ihm obliegt es, möglichst viele schriftliche oder auch mündliche Zeugnisse über dessen Person zu sammeln, seine Biografie aufzubereiten, möglichst klar darzustellen und gegen den Kirchenanwalt (den früheren promotor fidei, salopp auch advocatus diaboli genannt) zu verteidigen. Bei der Fülle des Materials, mit der sich der Autor befassen musste, war es sicher die beste Lösung, das Buch über den polnischen Papst schlicht, aber sinnvoll, in drei Hauptteile zu gliedern: Der Mensch – Der Papst – Der Mystiker. Freilich ist der Mensch Karol nicht vom Papst Johannes Paul zu trennen, ebenso wenig wie es der Mystiker ist. Es ergibt sich vielmehr ein harmonischer Dreiklang, der zu einem satten Akkord ertönt.

Im ersten Teil zeichnen die Autoren den Weg des Menschen nach: Des ebenso belesenen wie sportlichen jungen Mannes, der sich zunächst zum Schauspieler berufen fühlte und auch in mehreren Stücken auftrat, bis ihn ein anderer, weit machtvollerer Ruf erreichte. Der Weg des Seminaristen, der unter den Schrecknissen der Nazibesatzung seine Ausbildung im Geheimen erhielt. Und der Deportation nur entging, weil er einen Ausweis anfertigte, der ihm bescheinigte, ein „sozial nützlicher Arbeiter“ zu sein – während seiner Studien im Untergrund verpflichtete man ihn zu Arbeiten im Steinbruch und in einer Chemiefabrik. Auch nach dem 18. Januar 1945, dem Tag der Befreiung gab es kein Aufatmen: Es folgte die Machtübernahme durch die Kommunisten, die Priesterweihe des späteren Papstes fand am 1. November 1946 im Geheimen statt. Das von Oder zusammengetragene Material, es sind keine trockenen Darstellungen von Fakten, sondern lebhaft berichtete Episoden und Begebenheiten, beleuchtet die Persönlichkeit des Menschen Karol Wojtyla in zahlreichen Facetten. Der zweite Teil des Buches widmet sich dem Pontifikat Johannes Paul II., das nur mit Rücksicht auf die Erfahrungen des Priesters und Bischofs mit zwei religionsfeindlichen und in letzter Instanz zutiefst menschenverachtenden Ideologien, unter denen er zu leben und seelsorgerisch zu arbeiten hatte, in Gänze verstanden werden kann.

Im Rückblick erscheint es wie eine wahre Tour de Force: Zahllose Reisen, darunter die durchaus subversiven und signifikanten Besuche im kommunistischen Polen, sein Einsatz für Religionsfreiheit und Menschenrechte, das Attentat auf dem Petersplatz, seine großartige, bis heute noch nicht voll verstandene „Theologie des Leibes“ und schließlich der Verfall, das langsame Sterben eines charismatischen Predigers, den erst ein Luftröhrenschnitt gegen Ende seines Lebens zum Verstummen bringen konnte.

Dieses Buch ist eine äußerst empfehlenswerte Vorbereitung auf die kommende Heiligsprechung, denn dankenswerterweise greifen die Autoren auch brisante Punkte auf: Da ist der Vorwurf, der im November 2007 von einem italienischen Journalisten erhoben wurde, Wojtyla habe im Jahre 1944 einen Deutschen mit einem Messer erstochen, ein absurder Vorwurf, der von Oder – gestützt auf die vom Vatikan dazu beauftragten historischen Prüfungen – gründlich widerlegt wird.

Ein weiteres interessantes Unterkapitel – seit dem 11. Februar 2013 von höchster Aktualität –, widmet sich der Äußerung Johannes Paul II., in der Kirche gebe es keinen Platz für einen emeritierten Papst. Nicht nur, dass er das Problem mit zunehmendem Alter historisch und theologisch studierte, er beriet sich darüber auch mit dem Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, der später als Pontifex für einen Präzedenzfall in der Kirchengeschichte sorgen sollte. Für Johannes Paul II. besaß das Thema aufgrund der ständigen Verschlechterung seiner Gesundheit eine besondere Relevanz. Obwohl er die Möglichkeit gemäß vorliegender Dokumente erwogen hatte, sollte Gott das letzte Wort in dieser Sache haben.

Im dritten Teil des Buches, über den Mystiker Johannes Paul II., legen die Autoren eine Facette seines Wesens frei, die bisher nur in Teilen bekannt war: Dass er ein zutiefst marianisch geprägter Papst war, wusste man freilich nicht erst seit seiner Pilgerfahrt nach Fatima, um dort der Gottesmutter für die Rettung seines Lebens nach den Schüssen von Mehmet Ali Agca zu danken. Eine bislang wenig bekannte Tatsache ist, dass er ein besonderes Verhältnis zum italienischen Nationalheiligen Padre Pio hatte, den er bereits im Jahre 1947 zum ersten Mal persönlich aufgesucht hatte, und dem er in den folgenden Jahren immer wieder Briefe mit Gebetsanliegen schrieb.

Dieser Teil ist sicherlich der inspirierendste, wenngleich das ganze Buch eine wunderbare begleitende Lektüre zur Vor- oder auch Nachbereitung anlässlich der Heiligsprechung am 27. April sein kann. Schließlich berührt auch der sehr persönlich geschriebene Epilog von Slawomir Oder, bei dem deutlich wird, dass er der richtige Mann am richtigen Platz war. Praktischerweise wurde eine Chronologie mit den wichtigsten Stationen im Leben des Karol Wojtyla angefügt. Und nicht zuletzt eignet sich das Buch auch gut als Geschenk für jüngere Katholiken, die vom Pontifikat des großen Polen vielleicht nur noch das letzte Drittel bewusst wahrgenommen haben und mehr über seine Person, seinen Weg, seinen Glauben erfahren möchten. Übersetzern und Verlag ist in jedem Falle sehr zu danken, dass dieses Dokument nun auch in deutscher Sprache vorliegt.

Slawomir Oder und Saverio Gaeta: Darum ist er heilig. Der wahre Johannes Paul II.: Erzählt aus der Sicht seines Postulators im Seligsprechungsprozess. fe-medienverlags GmbH, Kisslegg 2014, ISBN: 978-3-86357-076-7, EUR 12,80

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