Geist der Liturgie contra Ritus?

Michael Kunzler befasst sich mit der außerordentlichen Form des römischen Ritus

Der Paderborner Liturgiewissenschaftler Michael Kunzler hat ein Buch herausgegeben, das den Anspruch erhebt, über das Motu proprio Papst Benedikts XVI. Summorum Pontificum „vorurteilsfrei“ zu informieren. Sein Verständnis der päpstlichen Maßnahmen ist dabei prinzipiell positiv. Die Wiederzulassung der alten Form sieht er im Dienst der Einheit der Kirche und als Möglichkeit der „Heilung und Ergänzung des ,neuen‘ Ritus durch den ,alten‘“ (S. 123). Gläubige, die an der alten Liturgie hingen, „sollten nicht am Rand der Kirche angesiedelt ... werden, sondern in deren Mitte die tridentinische Messe feiern dürfen“ (S. 99). Von ihnen erwartet er mit Recht die Anerkennung des neuen Missale als forma ordinaria, ordentliche Form, des Römischen Ritus.

Die Anhänger der liturgischen Bewegung richtig verstehen

Man kann dem Autor nur zustimmen, wenn er sich wiederholt gegen Polemiken richtet. Es ist aber befremdend, wenn er schreibt: „Nichts von der katholischen Lehre ... ist durch die Erneuerung der Liturgie in Frage gestellt oder gar verändert worden! Jede gegenteilige Behauptung muss sich dem Vorwurf der böswilligen Lüge ausgesetzt sehen!“ (S. 98). Auch bei Anerkennung der neuen Liturgie wird man im theologischen Diskurs fragen dürfen, ob mancher Aspekt der Lehre genauso klar in den neuen Büchern hervortritt wie in den alten, zumal in den Jahren nach dem Zweiten Vatikanum der „Abschied von Trient“ gefordert wurde während jenes Konzil aber Kardinal Ratzinger zufolge in Bezug auf das Messopfer notwendiger Bezugspunkt bleibt (vgl. Autour de la Question Liturgique avec le Cardinal Ratzinger. Actes des Journées liturgique de Fontgombault 22–24 Juillet 2001).

Vorurteilsfrei ist Kunzler nicht. Für ihn hat die Liturgische Bewegung die Mängel des alten Ritus überwunden, indem sie die neue Liturgie hervorgebracht hat. Dann bliebe aber unverständlich, warum Papst Benedikt XVI. im Begleitbrief an die Bischöfe schrieb: „dass vor allem in Ländern, in denen die liturgische Bewegung vielen Menschen eine bedeutende liturgische Bildung und eine tiefe innere Vertrautheit mit der bisherigen Form der liturgischen Feier geschenkt hatte, nicht wenige stark an diesem ihnen von Kindheit auf liebgewordenen Gebrauch des Römischen Ritus hingen“. Von der implizit oder explizit vorgebrachten Vorstellung, der usus antiquior sei etwas für liturgisch Halbgebildete, sollte man sich verabschieden.

Kunzler bemerkt zur alten Liturgie: „Die Grundform der Messe ist stets die ,Stille Messe‘ eines Priesters ... Die Gemeinde ist an der Feier der Messe selbst kaum beteiligt.“ (S. 50) Hier wäre aber zu unterscheiden zwischen der Frage nach der Grundform der Messe an sich und jener nach der Beteiligung der Gläubigen. Die Rubriken haben deshalb zunächst den die Privatmesse feiernden Priester vor Augen, weil man so am besten beschreibt, was in jeder Form gleich bleibt. Daraus zu folgern, dies sei in den Büchern der alten Form der Grundtyp der Messfeier überhaupt, bedeutet, den gesamten Kontext auszublenden, in dem das Messbuch steht. Grundform der Messfeier ist bis zur Reform der 60er Jahre das Päpstliche Amt und davon abgeleitet das Pontifikalamt. Alle anderen Formen sind prinzipiell Reduktionen dieser Vollgestalt liturgischer Feier. (Vgl. J. Nabuco, „La liturgie papale et les origines du cérémonial des éveques“, in Miscellanae Mohlberg I, Roma 1948, 282f.) Es war die Reform nach dem Konzil, die dieses Prinzip umkehrte und die Pfarrmesse zum Grundtyp erhob (vgl. Annibale Bugnini, La riforma liturgica, 338.)

Liturgiewissenschaftler haben immer darauf hingewiesen, dass auch in der reduzierten Feier strukturell die höhere Form präsent bleibt. Dem kann Kunzler wohl nichts Positives abgewinnen, wenn er etwa schreibt: „Die vielen Privatmessen ... bewegten sich nicht selten auf einem untersten Niveau liturgischer Feierkultur, von der Vieles nur als kaum erkennbares Surrogat übriggeblieben war. Man denke nur an das Herumrücken des Messbuches von der rechten zur linken Altarseite zwischen Lesung und Evangelium als kaum noch erkenntliche Restform der feierlichen Evangelienprozession.“ (S. 110). Verkannt wird bei dieser Sichtweise, dass hier uraltes Erbe weiterlebt, das uns in die christliche Antike führt (vgl. u.a. Otto Nussbaum, „Die Bewertung von Rechts und Links in der römischen Liturgie“, neu herausgegeben in Albert Gerhards, Heinzgerd Brakmann, Otto Nussbaum, Geschichte und Reform des Gottesdienstes. Liturgiewissenschaftliche Untersuchungen, Paderborn München Wien Zürich, 1996, 275–292).

Verkannt wird auch, dass diese Struktur immer hilft, nach oben, zur Hochform, zu schauen und sich von ihr inspirieren zu lassen. Damit sei nicht geleugnet, dass früher sicher oft dieser Blick „nach oben“ fehlte, aber dies ist eben nicht eine Frage des Ritus in sich, sondern des Geistes seiner Feier. Bereits Papst Paul VI. hatte übrigens die Liturgiewissenschaft in seiner Enzyklika Mysterium fidei im Jahre 1965 korrigiert und gemahnt: „Es ist beispielsweise nicht erlaubt, die sogenannte Messe ,in Gemeinschaft‘ so herauszustellen, dass den privat zelebrierten Messen Abbruch getan wird.“ Privat kann man auch im neuen Ritus zelebrieren. Wie ist nun dort die Evangelienprozession strukturell noch präsent? Es ist aber an Kunzler ganz generell die Frage zu richten, ob die neue Liturgie den minimalistischen Geist denn überhaupt überwunden hat. Er selbst muss ja mit Blick auf die Gegenwart feststellen, vielfach werde „die Messe in einer Kleingruppe als Idealform .... angesehen ... Die Konsequenz, die befürchtet werden muss, ist die Gewöhnung an das Kleine und der Abschied von aller Größe“ (S. 65).

Man erwartet mit vollem Recht von Anhängern des alten Ritus, der korrekten Feier der alten nicht „Karikaturen“ (A. Gerhards) der neuen Liturgie entgegenzustellen. Zugleich dürfte man aber von den Anhängern der neuen Form erwarten, endlich notwendige Differenzierungen vorzunehmen. Dazu gehört die Unterscheidung zwischen dem Ritus in sich und dem Geist, in dem man ihn feiert.

Ein notwendiger Schritt zur erweiterten Perspektive

Kunzler behauptet, der Codex Rubricarum von 1960, der dem Missale von 1962 zugrundeliegt, sei ein „letzter Versuch kurialer Kreise, den Rubrizismus und Zentralismus zu zementieren“ (S. 18), der sich mit Trient etabliert habe (vgl. S. 12ff). Er sei zudem „hastig“ erarbeitet worden, obwohl das Konzil bereits angekündigt war. (S. 18). Johannes XXIII. aber hat selbst diesen Codex Rubricarum approbiert und dabei auch erwähnt, dass das Konzil sich den „altiora principia“, den höheren Prinzipien, der liturgischen Erneuerung widmen würde. Der selige Papst sah darin wohl keinen Gegensatz und ging wohl kaum davon aus, dass wenige Jahre später das neu promulgierte Missale faktisch Makulatur würde. Sachlich falsch ist zudem die Behauptung Kunzlers, das Missale Trients kenne vor 1962 die Kommunion der Gläubigen nicht (S. 18f).

Michael Kunzler sagt sehr Wertvolles über die Orientierung der Altäre (S.69ff). Treffend analysiert er die 68er (S. 55f). Er legt den Finger auf die Wunde des Verlustes des Sakralen (S.57) und beschwört die Kategorie des Schönen für die Liturgie. Der Autor fordert eine liturgische Kontinuität, warnt aber zugleich, diese müsse weiter reichen als zur Vorkonzilszeit. Er verkennt, dass die erweiterte Zulassung der alten Form der notwendige konkrete Schritt hin zu dieser größeren Perspektive ist. Das Motu proprio also Fortschritt oder Rückschritt? Zutreffend sagt Kunzler: „Dementsprechend ist ,fortschrittlich‘ alles, was der erlösenden Begegnung zwischen Gott und Mensch im Gottesdienst dienlich ist.“ (S. 120). Dies ist ein guter Ausgangspunkt für die Umsetzung des Motu proprio. Es bleibt zu hoffen, dass im Sinne einer „innerkirchlichen Ökumene“ wissenschaftliche Gespräche angestoßen werden, die dem Geist der Liturgie dienen. Dann wäre das erreicht, was der Heilige Vater schon lange fordert: der Beginn einer neuen liturgischen Bewegung.

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