Geheimnis der Allmacht in Banden

Der selige Kardinal John Henry Newman deutet das Weihnachtsgeheimnis mit dem Bild des Wickelkindes in der Krippe. Von Michael Karger
Foto: Archiv | Geburt Christi, Giotto di Bondone, um 1305. Detail aus einem Fresko in der Arena-Kapelle in Padua.
Foto: Archiv | Geburt Christi, Giotto di Bondone, um 1305. Detail aus einem Fresko in der Arena-Kapelle in Padua.

Zu Beginn seiner Predigt, die John Henry Newman als erster Rektor der katholischen Universität Dublin in der Weihnachtszeit 1857 in der Universitätskirche hielt, entschuldigte er sich bei den Zuhörern dafür, dass er ihre Feststimmung dadurch beeinträchtigen werde, wenn er ihnen eine denkerische Anstrengung abverlange: „In dieser Weihnachtszeit, da wir jene freudigen Geheimnisse feiern, mit denen die Frohbotschaft anhebt, erscheint es beinahe als eine zudringliche Störung unserer Festzeit, die Vernunft irgendwie in Tätigkeit treten zu lassen, und geschähe es auch in der Absicht, die der heiligen Zeit eigenen frommen Empfindungen zu beleben.“

Was nun folgte, war eine sehr anspruchsvolle Zusammenfassung des Lebens Jesu unter einem für die Hörer sicherlich ungewohnten Gesichtspunkt. Ausgangspunkt ist die Menschwerdung, „wonach Gott Mensch, der Höchste der Niedrigste wurde, der Schöpfer unter seinen Geschöpfen seinen Platz einnahm, die Kraft zur Schwachheit wurde“.

Zum christlichen Gottesbild gehört für Newman das Verständnis von Gott als einer „Allmacht, die sich zu gleicher Zeit in Schwachheit hüllen und die Gefangene ihrer eigenen Geschöpfe werden kann“. Newman nennt es das „Geheimnis der Allmacht in Banden“.

Bereits der Entschluss, von einer Frau geboren zu werden, bedeutete eine Selbstentäußerung, eine Bindung an die Menschen und eine Auslieferung an sie. Newman nennt es den „Anfang einer wunderbaren Gefangenschaft“. Diese Gefangenschaft hat schon vorgeburtlich begonnen „im Schoß der Jungfrau Maria“. Nach der Geburt hat sich allerdings wenig geändert, Newman versteht das Wickeln des Säuglings als „Veranschaulichung und Bild seiner lebenslangen Gefangenschaft“. In dieser frei gewählten Selbstbindung als Wickelkind wird der Gottessohn auch auf vielen Weihnachtsdarstellungen abgebildet: „So liegt der Allmächtige gleich einem leblosen Bild von Holz oder Stein in der Krippe oder an ihrer Brust, doppelt hilflos, weil er ein schwaches Kind ist und weil seine Fesseln stark sind.“ Als Wickelkind an die Menschen ausgeliefert wird der Gottessohn auch in der Weihnachtsgeschichte angebetet: „In dieser Gestalt wurde er den Hirten gezeigt, so wurde er von den Weisen angebetet, so wurde er im Tempel dargestellt, auf Simeons Arm genommen, des Nachts auf die Flucht nach Ägypten geschickt.“ Nur von einem Moment der Freiheit berichtet die Kindheitsgeschichte, als der Zwölfjährige „seine Sendung vorwegnahm“ und im Tempel bei den Priestern und Theologen saß. Allerdings wurde er schnell wieder „von den tadelnden Worten seiner Mutter zurückgerufen“. Dem Lukasevangelium zufolge kehrte Jesus mit den Eltern nach Nazareth zurück und „war ihnen gehorsam“ (Lk 2, 51).

Den Zimmermannsberuf des Ziehvaters bis weit ins Mannesalter ausübend war Jesus „auch jetzt noch nicht sein eigener Herr“. Kaum hat er seine öffentliche Wirksamkeit begonnen, da wird er „zur Vorbereitung auf seine Sendung“ dem Satan übergeben. Derjenige, der sich Gott nicht unterwerfen wollte, der „aufrührerische Erzengel“ ist es nun, der „Hand anlegt an das ewige, fleischgewordene Wort“ und ihn auf die Tempelmauer stellt und ihm die Herrschaft über die Erde anbietet. Für einen Augenblick hat der Teufel den Gottessohn in der Hand.

Kaum der Bindung an die Familie entwachsen, wollen Verwandte seine Lösung aus dem Familienverbund nicht zulassen und ihn gewaltsam zurückholen und entmündigen lassen. Jesus soll gewaltsam von einem Felsen gestürzt und zum König gemacht werden. Mit der Passion erfährt die Selbstbindung und das Gebundenwerden die letzte Steigerung.

Auch hier wählte Jesus die „Hände der Menschen“. Und was taten diese Hände, denen er sich auslieferte? Er wählte die Umarmung und „den ekelhaften Kuss des Verräters, er wählte die Prügel und Schwerter der Diener einer gefallenen Priesterschaft, er wählte lieber den Tod inmitten eines rasenden Pöbels, der ihn hin und her zerrte, unter den Fäusten und Geißelhieben und Hammerschlägen grausamer Henker, dann eingeschlossen in ein Verlies, dann vor den Richterstuhl geschleppt, dann an eine Säule gebunden, dann ans Kreuz genagelt und endlich, als das Schlimmste vorüber und seine Seele entflohen war, in Eile ... in ein enges Felsengrab gelegt“. Dies ist nach Newman „das Geheimnis der Allmacht in Banden“. Ist mit der Auferstehung die Selbstfestlegung Gottes, seine Bindung an die Menschheit zu Ende? Nein sagt Newman: Jesus hat die Eucharistie als sichtbares Zeichen eingesetzt, „um dadurch das immerwährende Geheimnis seiner Allmacht in Banden lebendig zu erhalten“. Indem er der Kirche und ihren Priestern die Konsekrationsvollmacht übertrug, lieferte er sich erneut den Menschen aus: „Ein schwacher sündiger Mensch erzwingt durch die ihm verliehene priesterliche Gewalt die Gegenwart des Allerhöchsten, er bewahrt ihn auf in einem kleinen Tabernakel, er teilt ihn aus an ein sündiges Volk.“ Diese Wahrheit von der „unendlichen Herablassung des Allerhöchsten“ entspricht für Newman nicht nur einer „Ahnung der Seele“, in ihr erkennt er auch „den schrecklichen Gegensatz zum eigentlichen Begriff und Wesen der Sünde“ bei Engeln und bei Menschen.

„Denn was war die Sünde Luzifers anderes als der Entschluss, sein eigener Herr zu sein? Was war die Sünde Adams anderes als der Unwille gegen die Unterwerfung und ein Verlangen, sein eigener Gott zu sein? Was ist die Sünde aller seiner Kinder anderes als die Regung nicht nur der Leidenschaft, der Selbstsucht und des Unglaubens, sondern des Stolzes, des Herzens, das sich gegen das Gesetz Gottes erhebt und darauf aus ist, von seinen Fesseln befreit zu werden?“

Newman hat in seiner Weihnachtspredigt das Leben Jesu gemäß dem Hymnus des Philipperbriefes („Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen, er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“, Phil 2, 6–8) in wunderbarer Weise ausgelegt.

Zugleich hat er mit dem Hinweis auf die Sünde auch den heilsgeschichtlichen Bogen geschlagen, ohne den die Menschwerdung Gottes unverständlich bleiben muss. Im Anblick des gebundenen Wickelkindes in der Krippe wird das Geheimnis der Allmacht in Banden einsichtig: „Ist also das eigentliche Wesen der Sünde Auflehnung, liegt dann nicht ein erstaunlicher Sinn in der Tatsache, dass er, der Ewige, allein der Unumschränkte und Höchste, uns in eigener Person ein Beispiel jener liebenden Unterwerfung gegeben hat, die in ihm allein schlechthin freiwillig, für alle Geschöpfe jedoch eine elementare Pflicht ist?“

Newman schließt seine Weihnachtspredigt mit einer kleinen Gewissenserforschung ab und fügt noch ein Gebet an: „Bitten wir ihn, der von uns allen unabhängig ist, der aber zu dieser Zeit gleichsam unser Gefährte und Diener geworden ist, er möge uns unseren Platz in seinem weiten Universum weisen und uns einzig das Begehren nach jener Gnade hienieden und nach jener Herrlichkeit im Jenseits schenken, die er uns durch seine eigene Erniedrigung erkauft hat.“

In seiner Ansprache im Hyde Park in London hat Papst Benedikt XVI. genau jene Wesenszüge von Newmans Denken und Leben auf den Punkt gebracht, die dem Leser auch aus seiner Weihnachtspredigt von 1857 entgegentreten: „Das Leben von Newman weist uns darauf hin, dass Leidenschaft für die Wahrheit, intellektuelle Aufrichtigkeit und echte Umkehr sehr anspruchsvoll sind. Wir können die Wahrheit, die uns frei macht, nicht für uns selbst behalten; sie ruft zum Zeugnis auf, sie will gehört werden und letztlich kommt ihre Überzeugungskraft aus ihr selbst und nicht von menschlicher Beredsamkeit, oder von Argumenten, in denen sie möglicherweise verborgen ist ... Schließlich lehrt uns Newman, dass es keine Trennung geben kann zwischen dem, was wir glauben und der Art, wie wir unser Leben gestalten, wenn wir die Wahrheit Christi angenommen und ihm unser Leben übergeben haben.“

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