Gegensätze sind eins in Gott

Zu den Lesungen des zweiten Adventssonntag (Lesejahr B). Von Klaus Berger

Jesaja 40,1–5.9 Markus 1,1–8 2. Petrusbrief 3,8–14

Laut 2 Petr 3,4 hatten kritische Gemeindeglieder gefragt „Wo bleibt sie denn, die Wiederkunft des Messias, der uns verheißen wurde? Seit unsere Vorfahren entschlafen sind, ist doch alles so geblieben wie seit Anbeginn der Welt“. Immer wieder haben auch Juden so gefragt. Die Antwort wird hier wie dort mit Psalm 90,4 gegeben: Beim Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind bei ihm wie ein Tag. Doch der Brief fährt fort: Mit der Verzögerung gibt Gott doch den Menschen Zeit, er gibt allen Gelegenheit zur Umkehr. Auch in der Offenbarung des Johannes haben alle Ereignisse bis zum Ende keinen anderen Sinn als diesen: Die Menschen sollen umkehren. Insofern wiederholt die Botschaft Johannes des Täufers: Das Feuergericht kommt, deshalb kehrt jetzt um!

Eine zweite Argumentation unseres Textes (V.10–12) knüpft an die Sklaven-Gleichnisse der Evangelien und andere frühe Aussagen an: Der Tag des Herrn kommt überraschend wie ein Dieb. Vor dem Dieb aber muss der keine Angst haben, der bereit ist. Der dritte Schwerpunkt unseres Textes liegt in 3,12b–15. Die Abfolge der Ereignisse ist nach diesem Text: Es gibt ein Gericht, (dann werden die Himmel im Feuer vergehen, und ein neuer Himmel und eine neue Erde wird kommen), dann aber kommt eine neue Welt der Gerechtigkeit. Mithin steht im ersten Abschnitt die „Zeit der Umkehr“ im Mittelpunkt (3,8–9), im zweiten die Beschleunigung des Endes (3,10–12), im dritten Gericht und Gerechtigkeit (3,12b–15).

Was das Feuer angeht: Es gibt im Bereich Gottes nur ein Feuer. Es gilt der Satz: Gott ist verzehrendes Feuer (Deut 4,52; Hebr 12,24). Entweder man hat es in sich (als Heiligen Geist) oder es verbrennt einen. Denn Feuer ist ein Reinigungsgeschehen. Der Reinheit Gottes kann nur standhalten, was feuerfest ist. Alles andere verbrennt und vergeht vor ihm. Die Alternative ist nur, mit der Welt der Gerechtigkeit, der Neuen Schöpfung, Gott jetzt schon beginnen zu lassen. Und Gerechtigkeit ist auch mehr als Umverteilung von Besitz oder „Ehe für alle“ oder „Freiheit für Gummibärchen“. Es ist schon wahr, dass uns da oft eine Idee oder eine Vision fehlen. Ich fand sie vor Jahren bei dem deutschen Kardinal Nikolaus Cusanus (+1464). In seinem Buch „Frieden zwischen den Religionen“, das er ein Jahr nach der Zerstörung von Byzanz durch die Türken schrieb, entwirft er das friedliche Miteinander von Kulturen und Religionen. Viele dieser Gedanken finden sich bei uns erst 500 Jahre später bei der Gründung der UNO. Doch die letztere hat den Nachteil, dass sie zu stark nur formal-juristisch besteht, dass nicht wirklich eine Diskussion der Kulturen und Religionen stattfindet und dass Gott außen vor bleibt. Kein Zweifel: Der Cusaner sieht das Christentum als Leitreligion und -Kultur für alle Welt an. Aber die Einheit der Völker und Religionen besteht für ihn nicht in imperialistischer Unterjochung der anderen, die dann Hand in Hand ginge mit ihrer Zerstörung. Sondern er entdeckt die Gemeinsamkeit des einen Heiligen, des einen namenlosen Gottes in den verschiedenen Religionen, die in seinen Augen zu bloß rituellen Verschiedenheiten in der einen Religion des Heiligen und der Anbetung werden.

Der Ansatz soll gelten: una religio in rituum diversitate (Die Religion in der Welt ist eine, mögen auch die liturgischen Ausprägungen verschieden sein, also die unitas in diversitate), ebenso das Gottesbild, nach welchem Gott die coincidentia oppositorum sei, das heißt: Die Gegensätze, die in der Welt auftreten, sind doch eins in Gott.

Als in diesem Jahr in der Hauptstadt Deutschlands über ein Bündnis sehr verschiedener Parteien gesprochen und gerungen wurde, erinnerte mich das an das Unterfangen des Cusaners. Auch wenn es nicht gelang – die Tapferkeit vieler Gesprächspartner, ihre Geduld und Leidenschaft hat mich als Theologen sehr beeindruckt. Besonders weil man im gleichen Jahr Martin Luther feierte, dachte ich an ein Konzil nach dem Geschmack des Cusaners zwischen den christlichen Konfessionen und später auch einmal zwischen den Religionen. Mir ist durchaus deutlich, dass es mit vergänglichen Reden nicht getan sein wird, aber vielleicht wäre das ein Weg zu einem solchen Einheitskonzil: Ein Sechstel Schweigen, ein Sechstel beten, ein Sechstel singen, ein Sechstel zuhören, ein Sechstel Praktikum im Krankenhaus, ein Sechstel reden. In meinen Augen jedenfalls ist der deutsche Kardinal von der Mosel eine Jahrtausendgestalt. Einheit nicht durch Zerstörung des Einzelnen, sondern durch Bewahrung und Ergründung seiner Tiefenwurzeln in Gott, Nur wenn man den anderen oder die andere Konfession, Religion oder Kultur unter der Voraussetzung betrachtet, dass an Tiefgang keiner dem anderen etwa voraus hat, dass wir da gemeinsam vor Gott stehen, nur dann ist diese Vision keine luftige Phantasie.

In dieser Frage war für mich bewegend und am Ende prägend die Begegnung von Adenauer und de Gaulle in der Kathedrale vom Reims im Jahre 1962. Unter dem über achtzig Meter hohen Gewölbe einer der schönsten Kathedralen Frankreichs trafen sich die beiden Politiker, um mit einem Gottesdienst symbolisch den Frieden zu besiegeln, auf den die beiden Völker jahrhundertelang gewartet hatten. An ihrer Westfassade hat die Kathedrale von Reims die gotische Steinfigur eines teilweise zerstörten Engels. „Die steinerne Figur ist zerstückelt, zerstört, vernarbt und verwundet. Die rechte Hand hat er verloren, die Finger der anderen sind verstümmelt. Ein Flügel ist ihm im Laufe der Zeit abhanden gekommen, sein Gesicht ist voller Wunden und Narben. Ein sterbender Engel! Gezeichnet von den Verwüstungen, Zerstörungen und Erosionen der Jahrhunderte. ... Aber das Erstaunliche an diesem Engel: Er lächelt – allen Verwundungen und Verletzungen zum Trotz. Er lächelt den Beschauer an… und er lächelt in die Zeit hinein… Was für ein Signal der Zuversicht, des Trostes und der Ermutigung!... Die Menschen, die diesen Engel aufmerksam betrachten, fangen plötzlich selbst an zu lächeln. Und der eine lächelt dem anderen zu“ (nach F. Hengsbach). Eben dieses ist Leitkultur für Europa und die Welt.

Das Ziel also wäre eine Kathedrale aus Licht, wie sie Apk 21 als den farbigen Glanz verschiedenster Edelsteine darstellt. Ähnlich wie Le Corbusier in der Wallfahrtskirche von Ronchamp die Kirche darstellt, die vom Glanz des Himmels und der heiligen Jungfrau lebt. Bewohner der Himmelsstadt stellt die Apokalypse nicht dar, die Stadt aber ist wie die Form des Gusses, die ihre Gestalt weitergibt. Die Tore aber sind offen und werden auch nachts nicht verschlossen. So können die Gerechtfertigten aus den Völkern der Erde hinzuströmen, wie es die Propheten im Bild der Völkerwallfahrt beschreiben.

Nahezu jede christliche Kirche ist nach Osten gerichtet. Denn die versammelte Gemeinde soll auf den blicken, der wie die aufgehende Sonne vom Osten her wiederkommen wird, auf Christus als den kommenden König und Richter. Die Ausrichtung nach Osten wird in romanischen Domen ergänzt durch die 24-türmigen Radleuchter über der Vierung. Die Türme säumen die himmlische Stadt in großer Schönheit und vollkommener Harmonie. Blickt die feiernde Gemeine zu ihm auf, dann erblickt sie darin, was sie werden soll und in Fragmenten schon ist.

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Ungeschminkt
"Und woher kommen Sie?" Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung
Über die Frage, wann Rassismus beginnt und wo er endet, wird heftig debattiert. Klar ist seither vor allem, dass nichts klar ist.
30.05.2021, 09  Uhr
Birgit Kelle
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